CO2-Debatte Umweltschützer fordern klimafreundlichere Autowerbung

Nach wochenlangem Ringen stellt die EU-Kommission heute ihre Klimaschutzvorgaben für Autos vor. Damit ist der Streit um CO2-Ausstoß noch nicht vorbei: Immer mehr Stimmen verlangen drastische Senkungen beim Spritverbrauch, das Umweltschutzbundesamt fordert andere Auto-Werbestrategien.


Hamburg – Wochenlang hatten sich EU-Kommissare, nationale Politiker, Umweltschützer und Vertreter der Autoindustrie gegenseitig beharkt – heute ist der große Tag: Vormittags berät die EU-Kommission in Brüssel ihr Strategiepapier zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen im Straßenverkehr, anschließend treten Umweltkommissar Stavros Dimas und Industriekommissar Günter Verheugen, die in den vergangenen Tagen offen gegeneinander Position bezogen hatten, vor die Presse.

Mega-Auspuff: "Das Auto als Spaßfaktor hängt nicht entscheidend von der maximalen Leistung ab"
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Mega-Auspuff: "Das Auto als Spaßfaktor hängt nicht entscheidend von der maximalen Leistung ab"

Bereits vorab sind die wichtigsten Eckpunkte des Papiers durchgesickert. So wird die Kommission zwar wie vorgesehen empfehlen, den CO2-Ausstoß von Neufahrzeugen bis zum Jahr 2012 auf durchschnittlich 120 Gramm pro Kilometer zu senken. Doch im Detail macht sie einen Rückzug: Nur ein Teil dieser Reduzierung soll durch sparsamere Fahrzeugtechnik und damit von der Auto-Industrie erbracht werden. Den Herstellern wird vermutlich nur eine Reduzierung auf 130 Gramm pro Kilometer abverlangt. Die restlichen Einsparungen sollen durch neue Vorschriften für die Nutzung von Biokraftstoffen erzielt werden.

Das Strategiepapier wird dann in einen konkreten Richtlinienentwurf umgearbeitet, der aber nicht vor Juni kommenden Jahres zu erwarten ist. Darin könnten auch differenzierte Vorgaben für einzelne Fahrzeugklassen enthalten sein, wie sie die Bundesregierung gefordert hat. Der Gesetzesvorschlag muss dann noch vom Europaparlament und dem Rat der EU-Regierungen verabschiedet werden.

"Enttäuscht kann man nicht sein"

Doch dass es genau so kommt, ist eher unwahrscheinlich. Denn schon jetzt mehreren sich weitere kritische Stimmen. So forderte der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, die deutsche Autoindustrie auf, aus Klimaschutzgründen ihre Werbestrategien zu ändern. Die heutige Autowerbung bringe die Kunden dazu, immer stärkere und schnellere Autos zu kaufen, sagte Troge heute im "rbb-Inforadio". Er kritisierte das Lebensgefühl, das die Industrie bei manchen ihrer Fahrzeuge vermitteln wolle: "Das Auto als Spaßfaktor, als Lebensfaktor hängt nicht entscheidend von der maximalen Leistung ab." Aus Sicht des Klimaschutzes müsse die Autowerbung in eine andere Richtung gehen.

Der Umweltbundesamt-Chef begrüßte die EU-Pläne zur Einführung von Grenzwerten für den CO2-Ausstoß. Die Tatsache, dass diese Pläne nach der Intervention der Bundesregierung abgeschwächt wurden, entspreche dem üblichen politischen Geschäft: "Enttäuscht kann man da nicht sein." Entscheidend sei, dass es nun überhaupt verbindliche Grenzwerte für den Kohlendioxidausstoß bei Pkw gebe, um diesen in den kommenden Jahren zu reduzieren.

Die Chefin des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Edda Müller, warf der deutschen Autoindustrie heute vor, die Zukunftsmärkte für spritsparende Autos zu verpassen. Ihr "hinhaltender Widerstand gegen Umweltinnovationen" sei erschreckend, sagte Müller der "Frankfurter Rundschau". Ohne staatliche Vorgabe gehe es offenbar nicht, denn sonst gäbe es längst eine in Deutschland gebaute Mittelklasse-Limousine mit einem sparsamen Diesel-Hybrid-Antrieb bei einem Verbrauch von 3,5 Litern auf 100 Kilometern und einem CO2-Ausstoß von 90 Gramm. Derzeit stoßen deutsche Neuwagen im Durchschnitt 161 Gramm CO2 pro Kilometer aus.

Die Warnungen der Autoindustrie vor Arbeitsplatz-Abbau bei schärferen Grenzwerten nannte Müller "blanken Unsinn". Angesichts steigender Energiepreise und einer bedrohlichen Klimaerwärmung müsse insbesondere die Mobilität energieeffizienter organisiert werden. Das Auto könne "in einem solchen zukunftsfähigen Mobilitätskonzept nur in einer extrem Sprit sparenden Variante eine nach wie vor wichtige Rolle einnehmen".

Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD), fordert drastische Senkungen beim Spritverbrauch von Autos. Die Autohersteller sollten alle Kräfte darauf konzentrieren, "generell das Fünf-Liter-Auto mindestens zu bekommen", sagte Müller heute im ARD-"Morgenmagazin. Halte der bisherige Trend bei, die Spriteinsparungen der Motoren durch immer höheres Gewicht der Autos wieder auszugleichen, werde es "ein böses Erwachen geben".

Die bisherigen Maßnahmen zum Klimaschutz seien "viel zu wenig". "Wir müssen das Tempo beschleunigen", forderte Müller. Der deutschen Autoindustrie warf er vor, sie sei bei der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien "zu langsam". Er habe das Gefühl, dass ein Teil der deutschen Autoindustrie nicht fähig sei, die Aufgaben der Zukunft vorauszuschauen.

har/AP/AFP/ddp

<b>Tabelle: Was die neuen Klima-Bestimmungen den Autokäufer kosten könnten</b>

<b>Tabelle: So viel CO2 stoßen die Autos der großen Marken aus</b>

<b>Tabelle: Die sparsamsten Benziner</b>

<b>Tabelle: Die sparsamsten Diesel</b>

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Seite 1
DELAN, 06.02.2007
1.
Da melden sich sicherlich gleich ganz viele, die so ein Auto sofort kaufen würde. Es gab solche Autos schon - und zwar aus Deutschland! Aber kaum jemand hat sie gekauft: Der Lupo 3L und der Audi A2, der ebenfalls nur 3l verbrauchte, sind eingestellt worden. Der Audi Q7, ein spritfressender Dinosaurier, verkauft sich wie warme Semmeln. Was wir brauchen, sind nicht andere Autokäufer, sondern ist eine grundlegende Wende in der Energiepolitik. Weg vom Öl, heißt für mich die Devise und da sehe ich kein Land in Sicht. Gruß DELAN
langsamer 06.02.2007
2.
Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird.
Klo, 06.02.2007
3.
---Zitat von langsamer--- Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird. ---Zitatende--- Das schreit ja geradezu nach Belegen. Was bitte macht die Herstellung eines Lupo oder Golf zum Energiefresser? Und wieso ist die Herstellung eines 3 Tonnen schweren Maybach da besser? Fragen über Fragen.
Dr.Strangelove, 06.02.2007
4.
Ich erinnere mich noch an meine Suche nach Elektroautos, in die ich in der regel nicht einmal einen Einkauf für 2 Personen bekomme und deren Batterien im Winter nur noch die Hälfte der Energie speichern, weil es für diese weder eine Isolation, noch eine Aufwärmung gibt. Zu sShluss fand ich noch ein experimentelles Fahrzeug mit einer gut isolierten Batterie, die bei 300Grad Celsius Betrieb gefahren wird und im Winter die volle Leistung abgibt. Nur gibt es kein Fahrzeug mit einer solchen Batterie am Markt. Die meisten Bastler haben nicht das Kapital um etwas vernünfitges zu industrialisieren und die Konzerne sind mit sich selbst beschäftigt. Schade eigentlich.
Zeichenkunde, 06.02.2007
5. Umdenken auch von oben
Der Tesla Roadster kostet 100000 ist ein Elektroauto und - ausverkauft. Einfache Logik: Wenn umweltfreundliche Autos nicht aussehen wie Seifenkisten und Alltagstauglich sind (in diesem fall die Reichweite) werden sie auch gekauft. Mein nächstes Wunschauto wäre dann der Loremo. Zweite einfache Logik: wenn der Gesetzgeber beschließt wird auch gehandelt. Siehe Kalifornien: Gesetz da Elektroautos da. Gesetz weg - Autos weg. (Who killed the electrical car) So einfach wäre das!
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