Streit um CO2-Grenzwerte in der EU Emissionsfreie Fahrzeuge? Nur unter einer Bedingung

Die EU-Kommission will am Mittwoch ihre Pläne für künftige Abgasgrenzwerte von Neuwagen veröffentlichen. Zwar hat sich der Widerstand der deutschen Autoindustrie für die Ziele nach 2021 formiert. Doch Einigkeit herrscht diesmal nicht.

Es kommt drauf an, was hinten rauskommt
DPA

Es kommt drauf an, was hinten rauskommt

Von Margret Hucko


Das Geschacher um künftige Abgasgrenzwerte von Neuwagen in Europa hat bereits begonnen - noch bevor die EU-Kommission ihre Pläne dazu öffentlich gemacht hat. Am Mittwoch soll der Entwurf für die Zeit nach 2020 präsentiert werden. Dieser wird - im Vergleich zu den Vorjahren - gravierende Änderungen vorsehen, heißt es aus Kreisen, die mit den Vorgängen vertraut sind.

  • Erwartet wird, dass die Hersteller nicht mehr einen fixen Wert für den Kohlendioxid-Ausstoß mit ihrem Sortiment einhalten- (Flottendurchschnitt), sondern lediglich eine prozentuale Verbesserungen von 25 bis 35 Prozent bis 2030 erzielen müssen. Für 2020 gilt noch ein fest definiertes Ziel von 95-Gramm-CO2 je Kilometer.
  • Für 2025 soll ein Zwischenziel definiert werden. Der EU-Umweltausschuss hatte in der Vergangenheit einen Grenzwert von 68 bis 78 Gramm CO2 vorgeschlagen - allerdings nach einem alten Testverfahren, das mittlerweile durch einen realistischeren Fahrzyklus ersetzt worden ist.
  • Zudem könnte eine Quote für Autos mit alternativem Antrieb ab 2030 kommen. Diese würde die Hersteller verpflichten, 15 bis 20 Prozent emissionsfreie Fahrzeuge zu produzieren - hauptsächlich E-Autos. Das sogenannte ZEV-Mandat, das sein Vorbild in Kalifornien hat (Zero Emission Vehicle), wurde bis dato auch innerhalb der Kommission kontrovers diskutiert. Es ist nicht sicher, ob die Quote es tatsächlich in den Gesetzesvorschlag schafft.

Einer der größten Gegner ist offenbar die deutsche Autolobby. Nach einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" soll VDA-Präsident Matthias Wissmann den Entwurf für ein ZEV-Mandat - und damit für eine wirksame Förderung von Elektroautos - durch einen Anruf bei der EU-Kommission entschärft haben. "Letzten Donnerstag rief Wissmann den Stabschef von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an und gab ihm Instruktionen, den Vorschlag der EU-Kommission abzumildern", zitiert die "FR" Greg Archer vom europäischen Dachverband Transport and Environment, der sich gegenüber dem Online-Magazin klimaretter.info dazu geäußert hat. Mehrere verlässliche Quellen in Brüssel könnten das bestätigen, so Archer.

"Konkret wollte Wissmann durchsetzen, dass den Autobauern keine Sanktionen drohen, wenn sie die Zielmarken für Elektroautos nicht einhalten." Archers Verband T&E gilt in Brüssel als gut vernetzt und hatte den VW-Abgasskandal maßgeblich mit ins Rollen gebracht.

Der Entwurf der EU-Kommission trägt die Handschrift des VDA

Wissmanns Vorpreschen dürfte selbst bei Mitgliedern des VDA nicht unumstritten sein. Wie aus einem internen VW-Papier hervorgeht, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, lehnt der Konzern ein ZEV-Mandat nicht kategorisch ab. Volkswagen würde eine künftige Quote für emissionsfreie Fahrzeuge offenbar nicht nur akzeptieren, sondern übererfüllen. 22 Prozent in 2025 und 34,5 Prozent ZEV-Fahrzeuge in 2030 seien denkbar, heißt es in der Präsentation - unter einer Bedingung: ein festes CO2-Ziel dürfe erst für 2030 und nicht schon für 2025 formuliert werden. Das ZEV-Mandat könnte - so spekuliert VW - für ein politisches Tauschgeschäft herhalten.

Schon immer glichen die Verhandlungen über neue CO2-Grenzwerte einem Kuhhandel. Doch dieses Mal erscheint der besonders perfide. Der von der EU diskutierte Gesetzesentwurf trägt bereits jetzt deutlich die Handschrift der Industrie - und weicht nur marginal von den Positionen des VDA ab.

So kommt der Vorschlag, auf ein festes CO2-Ziel für das Jahr 2030 zu verzichten, vom VDA, ein verbindliches Zwischenziel in 2025 lehnt der Verband allerdings ab. Begründet wurde die Forderung mit der Einführung eines neuen Testverfahrens für die Zulassung neuer Fahrzeugtypen (WLTP), das den CO2-Ausstoß der Autos besser messen soll als der Vorläufer. Da der WLTP viele Schlupflöcher des bisherigen Testverfahrens NEFZ schließt, rechnen die Hersteller mit höheren CO2-Angaben. Der VDA setzt sich für eine Reduktion von CO2 um 20 Prozent bis 2020 ein, der EU-Entwurf sah bis dato 25 bis 35 Prozent vor.

CO2-Ausstoß im Verkehrssektor bedenklich

Doch auf welcher Basis? Selbst dieser Wert ist unklar. Das 95-Gramm-Ziel für 2020/21 basiert auf einem Testverfahren, das abgeschafft wurde. Mithilfe eines sogenannten Konfirmitätsfaktors soll der alte Wert in einen neuen überführt werden. Doch um wie viel Prozent die 95 Gramm in 2020/21 überschritten werden dürfen, ist Teil der Verhandlungen.

Dabei braucht Europa im Kampf gegen den Klimawandel strenge CO2-Ziele. In 2016 wurden nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) wieder mehr Treibhausgase freigesetzt. Eine Schlüsselrolle spiele dabei der Verkehr. Den UBA-Zahlen zufolge nahm der CO2-Ausstoß in diesem Sektor insgesamt um 5,4 Millionen Tonnen zu - ein Plus von 3,4 Prozent. "Ohne ambitionierte CO2-Werte für den Pkw wird Deutschland seine Klimaschutzziele krachend verfehlen", sagt Verkehrsexperte Daniel Rieger vom Naturschutzbund (NABU). Die Bundesregierung will den nationalen CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 senken und hat sich darüber hinaus ein Minderungsziel von 40 bis 42 Prozent Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor für das Jahr 2030 gesteckt .



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ardbeg17 03.11.2017
1.
wer sich mal die EnergyCharts beim Fraunhofer Institut ansieht, stellt fest: Es wird bei uns verdammt viel Strom aus Kohle produziert, und es gibt sehr viele Tage, an denen weder Sonne noch Wind viel beitragen. Wir werden also noch lange auf Kohle angewiesen sein. Durch die E-Autos wird der Strombedarf gewiss nicht sinken. Wer also gleichzeitig E-Mobilität UND Kohleausstieg fordert, muss neue Kernkraftwerke bauen oder einen Termin beim Psychiater machen. Da ich auch die verbohrtesten Fundis nicht für so hohl halte, steckt sicher wiedr eine gehörige Portion Wahlkampf in diesen Forderungen.
je_pense 03.11.2017
2. Letzter Absatz?
Gut im Verkehrsektor ist der CO2 Ausstoß gestiegen, aber welchen Anteil an den Gesamtemmisionen hat dieser Sektor? Ist nicht der Kraftwerks- und Immobiliensektor vielleicht der größere Hebel? Durch E-Autos wird der Strombedarf steigen, aber wo kmmmt der her? Aktuell werden Diesel wegen NOx verteufelt, der Trend geht zu Benzinern mit Hybridmotor für die Kurzstrecke. Aber Benziner stoßen mehr CO2 aus als ein Diesel.....
det42 03.11.2017
3. easy
Zitat von ardbeg17wer sich mal die EnergyCharts beim Fraunhofer Institut ansieht, stellt fest: Es wird bei uns verdammt viel Strom aus Kohle produziert, und es gibt sehr viele Tage, an denen weder Sonne noch Wind viel beitragen. Wir werden also noch lange auf Kohle angewiesen sein. Durch die E-Autos wird der Strombedarf gewiss nicht sinken. Wer also gleichzeitig E-Mobilität UND Kohleausstieg fordert, muss neue Kernkraftwerke bauen oder einen Termin beim Psychiater machen. Da ich auch die verbohrtesten Fundis nicht für so hohl halte, steckt sicher wiedr eine gehörige Portion Wahlkampf in diesen Forderungen.
wir müssen schlicht regenerative Energien ausbauen bis zum Abwinken, kostet heute eh nix mehr. Die Lücken werden mit schnellen flexiblen Gas-Kraftwerken gefüllt. Der Verbrauch steigt etwas (ca. 10%) mit den Elektroautos, ist aber eigentlich kein großes Problem. Man nutzt einfach die bestehenden Kraftwerks-Kapazitäten rund um die Uhr und verbrät den E-Mobil Stromverbrauch über die Nacht, was sowieso für gewöhnlich um diese Zeit geschieht... nachts ist zur Zeit das Netz max. mit 10% ausgelastet, da ist also noch genügend Luft ... und genügend Zeit (min. 15 Jahre) haben wir zu dem ganzen Kram sowieso... bis dahin werden auch Speicher vermehrt etabliert sein und alles wird immer grüner :-) ... also keine Panik... alles easy
tatsache2011 03.11.2017
4. EnBw Stategieschwenk
Zitat von ardbeg17wer sich mal die EnergyCharts beim Fraunhofer Institut ansieht, stellt fest: Es wird bei uns verdammt viel Strom aus Kohle produziert, und es gibt sehr viele Tage, an denen weder Sonne noch Wind viel beitragen. Wir werden also noch lange auf Kohle angewiesen sein. Durch die E-Autos wird der Strombedarf gewiss nicht sinken. Wer also gleichzeitig E-Mobilität UND Kohleausstieg fordert, muss neue Kernkraftwerke bauen oder einen Termin beim Psychiater machen. Da ich auch die verbohrtesten Fundis nicht für so hohl halte, steckt sicher wiedr eine gehörige Portion Wahlkampf in diesen Forderungen.
Sie meinen, EnBw sind "verbohrte Fundis", denn EnBw steigt aus Kohlekraftwerken aus und baut einen Windpark ohne Einspeisevergütung. Sicherlich wissen die, was in der Zukunft für EnBw richtig ist. Das "passt zum Strategieschwenk des Auftraggebers EnBW. Bereits im vergangenen Jahr hatte EnBW einen Auftrag für 68 Schnellladestationen mit 50 Kilowatt (kW) an ABB vergeben. Jetzt folgt der nächste: 117 Schnellladesäulen an Standorten des Raststättenbetreibers Tank & Rast sollen entstehen." Zitat aus http://www.automobilwoche.de/article/20170920/AGENTURMELDUNGEN/309209976/grossauftrag-von-enbw-abb-treibt-ausbau-von-schnellladestationen-in-deutschland-voran
Gleichstrom 03.11.2017
5.
.... und vergessen werden pflanzliche Brennstoffe. Klasse, dabei ist da genügend Material vorhanden, das eine einfache Umwidmung von Tierfutter zu technischer Energiequelle braucht. Verfahren gibt es - für alle Motortypen und aus diversen Rohstoffen. Energie braucht man dabei ... ja - regenerative Energie! Die einen geschlossenen Kohlenstoffkreislauf anzapft, mit dessen Hilfe wesentlich dichter gepackte Energie für mobile Anwendungen verfügbar ist - hervorragend speicherbar, also mit Überkapazitäten bestens füllbar. ... und vor Allem - anteilig eingesetzt ist das in der Lage, den gesamten Bestand an Fahrzeugen effektiv emissionsärmer zu machen. Es ist nicht auf die energieintensive Neuherstellung angewiesen und in bestehende Infrastruktur integrierbar. Das heißt, es ist mit geringen Investitionen machbar, und ob es bei einem kleinen Teil in die Tiefe geht (der voll emissionsfrei ist/sein soll) oder bei einem Großen in die Breite ist im Endeffekt schnurz. Die Summe der effektiven Emissionen zählt. Einen alten Fahrzeugbestand werden wir voraussichtlich noch einige Zeit behalten, kurz- und mittelfristig ist das also eine Maßnahme, die große Wirkung entfalten kann und auch dauerhaft hat sowas Eigenschaften, die eindeutige Vorteile besitzen - der Abschied dvom totgesagten Verbrennungsmotor wird so schnell nicht kommen, wie es sich Mancher wünscht - und das ist besser als sich allgemein gewünscht oder vorgestellt wird. Vielleicht gibt es noch andere Quellen pflanzlicher Brennstoffe. Der Verschwendung nach geurteilt kann das noch nicht knapp sein.
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