Comeback der Muscle-Cars Der Blick zurück nach vorn

Auf dem Weg in eine überwiegend trostlose Zukunft träumen sich die US-Hersteller in bessere Zeiten zurück. Mit einer Reihe neuer Muscle-Cars im alten Stil lassen Ford, Dodge und Chevrolet die "Glory Days" noch einmal aufleben.


Die amerikanischen Automobilhersteller lassen die Muskeln spielen und erinnern an ihre glorreiche Vergangenheit. Während alle Welt von Hybridantrieben und Brennstoffzellen spricht und auch die eigenen Ingenieure eifrig an einer sparsamen Zukunft tüfteln, blicken Designer und Produktstrategen verklärt zurück. Sie feiern die Wiedergeburt einer Fahrzeugklasse, die seit der ersten Ölkrise als ausgestorben galt: die Muscle-Cars - jene typisch amerikanischen Sportwagen, die in den sechziger und siebziger Jahren mit großer Leistung für kleines Geld vor allem die Jugend begeisterten und aus deutscher Perspektive allenfalls entfernt mit Opel Manta, Ford Capri und VW Golf GTI zu vergleichen sind.

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Comeback der Muscle-Cars: Denn sie wissen, was sie tun

Begonnen hat das Revival der Kraftmeier bereits vor zwei Jahren, als Ford-Designchef J. Mays sein Programm der "Living Legends" auf der Motorshow in Detroit mit dem neuen Mustang krönte. Vergangenes Jahr hat dann die forsche DaimlerChrysler-Marke Dodge mit einer Neuauflage des legendären Charger nachgezogen. Und vor wenigen Tagen badeten beim Branchengipfel in Motown gleich drei neue Muscle-Cars im Scheinwerferlicht.

Nun ist ganz offensichtlich auch General Motors aufgewacht und hat zum Heimspiel in Detroit einen neuen Camaro vorgestellt. Das muskulöse Coupé gilt zwar offiziell noch als Konzeptauto, ist aber voll fahrfähig und wäre technisch leicht umzusetzen. Denn unter dem elegant gebogenen Blech steckt die Technik der aktuellen Corvette. Im Maschinenraum arbeitet also ein sechs Liter großer Achtzylinder aus der Rennversion des "True American Sportcars", der 400 PS (298 kW) an die breiten Walzen auf der Hinterachse bringt und bei einem ersten Probelauf in der Messehalle ausgesprochen verführerisch über den Stand röhrte.

Anders als früher kombiniert der Camaro anno 2006 allerdings Vernunft und Vergnügen und trägt der aktuellen Preisentwicklung an der Tankstelle Rechnung: Bei gemächlicher Fahrt schaltet das "Active Fuel Management" einzelne Zylinder des V8-Motors zu Gunsten der Reichweite ab.

Muskulöser Dress, Technik vom Chrysler 300 C

Der Muscle-Car Appetit ist auch bei Dodge offenbar noch nicht gestillt. Nachdem der Charger im vergangenen Jahr begeistert aufgenommen wurde und es in nur einem halben Jahr von der Studie zum Serienmodell schaffte, steht nun auf der gleichen Plattform ein neuer Challenger. Auch er zitiert eine US-Ikone aus den Siebzigern und könnte selbst mit einem kleinen Entwicklungsbudget schon bald in Serie gehen. Schließlich steckt unter der langen Motorhaube mit den zwei breiten schwarzen Streifen der bekannte Hemi-V8 mit 6,1 Litern Hubraum und 425 PS (315 kW). Und unter der in leuchtendem Orange lackierten Karosserie ist der Challenger streng genommen nur ein modifizierter Chrysler 300 C. Dennoch lässt die hemdsärmeligste Marke im DaimlerChrysler-Imperium die Fans weiter zappeln und malt dicke Fragezeichen hinter die Studie.

Ohne Zweifel für die Serie bestimmt ist dagegen die jüngste Arbeit der Ford-Mannschaft, die einmal mehr die amerikanische Tuning-Legende Caroll Shelby ins Boot geholt und mit seiner Unterstützung aus dem Mustang den "Shelby GT 500" gemacht hat. Dessen 5,4 Liter große Achtzylinder wird nun von einem Kompressor beatmet, was die Leistung auf 475 PS (350 kW) hievt. Damit man das nicht erst erkennt, wenn die Reifen schwarze Streifen auf den Asphalt brennen, trägt der Shelby-Mustang wie immer eine Cobra im Grill, die Le-Mans-Streifen auf der zur Entlüftung hinten geöffneten Motorhaube und den Shelby-Schriftzug am Heckdeckel. Rechtzeitig zum Sommer soll der Shelby GT als Cabrio und Coupé an den Start rollen.

Der Retro-Trend bringt Dollars in die Kasse

Dass das Revival der Muscle-Cars keine sentimentale Anwandlung der ansonsten unterkühlten Zahlenexperten in den Marketingabteilungen der Big Three ist, sondern auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten Sinn ergibt, belegt das Beispiel des Ford Mustang. Die vor zwei Jahren eingeführte Neuauflage des Klassikers feiert Ford inzwischen als "hottest-selling car in the industry" und hat aufgrund der großen Nachfrage die Produktion im vergangenen Jahr fast verdoppelt, um die Lieferzeiten in den Griff zu bekommen. Allein in den USA wurden im letzten Jahr mehr als 160.000 Mustang verkauft, was einer Steigerung um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Völlig überraschend war dieser Erfolg sicher nicht. Schließlich hat der Mustang in seiner Geschichte schon öfters die Planzahlen über den Haufen geworfen. So hatten die vermeintlichen Experten in Dearborn bei der Premiere im April 1964 mit einer Jahresproduktion von etwa 100.000 Autos kalkuliert. Doch schon am ersten Verkaufstag wurden 22.000 Bestellungen entgegengenommen. In Chicago musste ein Händler die Fans sogar aussperren, weil er im dichten Gedrängel Verletzungen befürchtete. Und aus Garland in Texas kolportiert Ford die Geschichte vom glücklichen Käufer, der sogar im Wagen übernachtete, weil sein Scheck bei der Bank erst anderntags gutgeschrieben wurde und ihm der Händler erst dann die Papiere ausgehändigte.

Bislang kein Export nach Deutschland geplant

Prompt wurden im ersten Jahr anstatt der geplanten 100.000 Autos knapp 620.000 Mustang-Modelle verkauft. Nicht mitgerechnet die beinahe 100.000 Go-Karts, die Mustang-verrückte Eltern ihren Kindern für 12,95 Dollar unter den Weihnachtsbaum des Jahres 1964 stellten. Ähnlich wie die Originale haben auch diese Tretautos mittlerweile gewaltig an Wert gewonnen: Wer damals ohne Dellen durch die Kindheit kam, erzielt heute auf Auktionen 1000 Dollar und mehr.

In den USA ist, das bestätigt das Echo auf die Muscle-Car-Premieren in Detroit, zumindest ein Teil der Begeisterung für diese Autos noch vorhanden oder gerade wieder geweckt worden. Diesseits des Atlantiks jedoch haben die amerikanischen Kraftmeier einen eher exotischen und bisweilen sogar halbseidenen Ruf. Offiziell werden in Deutschland nur die Corvette von General Motors und die Viper von Dodge angeboten, die angesichts ihres hohen Preises und ihrer knapp geschnittenen Coupé-Karosserien gar nicht zu den typischen Muscle-Cars zählen. Ein Export des Ford Mustang oder des Dodge Charger nach Europa ist nach Angaben der Hersteller derzeit nicht geplant - vermutlich, weil die Legende nur in der Heimat wirklich stark genug ist. Doch echte Fans müssen nicht darben - schließlich gibt es freie Importeure, die den "American Way of Drive" über den Atlantik holen.



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