Concorso d'Eleganza Villa d'Este Im Oldtimer-Olymp

Ein Tempel der automobilen Lust, das ist der Concorso d'Eleganza am Comer See. Besuch in einer Parallelwelt der Style-Puristen, wo San Pellegrino als Kühlwasser des Ferrari fließt.

Jürgen Pander

Die Platane im Uferpark des Hotels Villa d'Este ist gigantisch, und die Parkplätze unter dem Astwerk gehören zu den begehrtesten der Welt. Sie werden nur für einen Tag im Jahr vergeben. Wer hier sein Auto abstellen darf, ist im Oldtimer-Olymp angekommen.

Rund 300 Bewerbungen gibt es jedes Jahr für den Concorso d'Eleganza Villa d'Este in Cernobbio am Comer See. 51 Autos und ihre Besitzer waren in diesem Jahr geladen, wobei eingeladen nicht ganz richtig ist, denn die Teilnahme kostet zwischen 3725 und 12.300 Euro, je nach Unterkunft. Die Logistikkosten für den Transport der Autoklassiker kommen noch dazu; und selbstverständlich die oft sechsstellige Summe, die die Aufbereitung eines Concorso-Autos verschlingt. Gäbe es eine Steigerung von exquisit, hier würde sie passen.

Da kommt das Kühlwasser für einen Ferrari nicht einfach aus der Leitung, sondern von San Pellegrino. Alexander Schaufler aus Österreich chauffiert sein Hispano-Suiza Landaulet bei der Parade natürlich im farblich passenden Anzug und mit Zylinder auf dem Kopf vor die Jury, im Fond des Wagens lächeln drei im Charleston-Stil gekleidete Damen ins Publikum und winken mit Zigarettenspitzen. Und ein Herr mit Goldknöpfen erzählt ein bisschen zu laut vom Besuch einer Autoauktion in Zürich. "Bis 50.000 habe ich mitgeboten, nur so aus Gag." Gelächter der Umstehenden.

Der Juror

Stefano Pasini legt die Stirn in Falten, wenn er so etwas hört. Der Augenarzt aus Bologna und Autor mehrerer Oldtimer-Fachbücher ist Mitglied der Concorso-Jury und sagt: "Die Eleganz, um die es hier geht, hat auch etwas mit Respekt zu tun". Er bewertet die Autos, die in neun, jedes Jahr wechselnden Klassen antreten. In diesem Jahr zum Beispiel gab es die Konkurrenz "The Great Gatsby" für Prunkschlitten aus den zwanziger Jahren oder "From St. Tropez to Portofino" für offene Luxus-Roadster aus den Fünfzigern.

Ob in diesen oder in den anderen Klassen, der Respekt vor der Geschichte der Autos ist Pasini wichtig. Bei seiner Inspektion in diesem Jahr entdeckt er nachgerüstete Instrumente in einem klassischen Cockpit und Chromräder an einem Wagen, der nie mit Chromrädern ausgeliefert wurde. "Das ist eigentlich unverzeihlich", sagt er. "Wir bewerten die Eleganz eines Autos, sein Design, seine Geschichte, die ganze Präsentation. Das hier ist kein Hochglanzpolitur-Wettbewerb, sondern ein Concorso d'Eleganza."

In Dreiergrüppchen schwärmen die Juroren aus, jede Gruppe inspiziert die Autos dreier Klassen. Die Besitzer geben artig Auskunft, es wird gescherzt und mit den Fingerknöcheln auf Blech gepocht. Der Motor wird natürlich auch gehört, ein paar Gasstöße wenigstens, dann ziehen die mit dunkelblauen Sakkos und hellen Hüten bekleideten Juroren weiter. "Wir treffen uns zweimal am Tag der Veranstaltung, um unsere Eindrücke zu diskutieren, dann stehen die Klassensieger fest." Und aus denen wiederum wird am Ende der Gesamtsieger ermittelt.

"Hier eine Trophäe zu ergattern, ist eine große Sache. Es ist wie ein Orden für das Auto, und das macht die Besitzer mächtig stolz", sagt Pasini. Es macht sie meist auch ein bisschen reicher, zumindest falls sie den prämierten Wagen verkaufen. Je nach Marke und Modell kann sich der Preis glatt verdoppeln.

Der Sammler

Solche Hoffnungen hegt Heiko Seekamp nicht. "Mein Auto ist wunderschön", sagt er über seinen Alfa Romeo 6C 2500 SS Berlinetta Aerlux, "aber es ist kein Siegerauto." Seekamp kann das beurteilen, es ist seine zwölfte Teilnahme am Concorso, und schon zweimal errang er hier den Klassensieg. Zuletzt vor drei Jahren mit einem Mercedes SL als bestes unrestauriertes Auto. "Den Wagen besitze ich seit 27 Jahren, er ist Baujahr 1962 und noch komplett im Originalzustand." Für den Concorso zog Seekamp dem Auto sogar die originalen Continental-Super-Nylon-Reifen auf. "Dieses Detail gab schließlich den Ausschlag", berichtet Seekamp, "die Jury war begeistert."

Der Gründer der Seekamp Werbegruppe in Bremen, 1990 war er "Unternehmer des Jahres", sammelt Autos wie andere Bierkrüge. Rund siebzig Oldtimer, darunter zwanzig Wirtschaftswunder-Kleinwagen stehen in seiner Halle. "Mich interessieren vor allem seltene Fahrzeuge", sagt er. "Ich besitze drei Autos, die nur einmal gebaut wurden. Von dem Alfa, mit dem ich hier teilnehme, wurden nur elf Exemplare gefertigt."

Sein jüngster Coup: "Ein sagenhafter Porsche Speedster Carrera GTS von 1959, von dem es nur 25 Exemplare gibt." Er könnte noch lange über seine Autos plaudern, aber jetzt müsse er los, den Alfa über den feinen Kies vor dem Grandhotel rollen lassen.

Der Designer

"Für mich sind das Kunstwerke", sagt Adrian van der Hooydonk, der Designchef des BMW-Konzerns, und blickt über die Autos im Park. Sein Favorit ist der Fiat Abarth 2000 Scorpione des japanischen Sammlers Shiro Kosaka. Der Wagen ist ein Einzelstück, sieht aus wie ein Faustkeil und röhrt dermaßen laut, dass die Eiswürfel in den Weinkühlern zittern. "Von diesem Auto bin ich restlos begeistert. Es ist so radikal. Und deshalb ermutigt es mich als Autodesigner, dass es eben doch möglich ist, sehr ausgefallene Ideen umzusetzen."

In der automobilen Realität jedoch geschieht das nur selten. Dass in 50 Jahren ein aktueller 3er oder 5er BMW auf einem solchen Concorso umschwärmt wird, kann man sich nicht vorstellen. Van Hooydonk streitet das gar nicht ab: "Wir bauen einfach zu viele davon. Hier stehen fast nur Einzelstücke. Wären diese Autos hunderttausend Mal gebaut worden, würden wir sie heute wohl auch nicht bewundern."

So wie die illustre Besucherschar, von denen jeder am Samstag 500 Euro für das Tagesticket hinblättert; am Sonntag ist dann der Publikumstag, da stehen die Autos im Park der benachbarten Villa d'Erba, und der Eintritt kostet nur noch 14 Euro; dann hat der Concorso eher etwas von Oldtimer-Happening, wenn sich rund 6000 Leute um die Autos scharen und Selfies vor einem Rolls-Royce knipsen.



insgesamt 32 Beiträge
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Helene Ebalt 27.05.2014
1. Kein Flügeltür-Mercedes?
Was für schöne Autos! Und außerdem eine Auto-Bilderserie in einer deutschen Zeitung ohne Flügeltür-Mercedes und ohne irgendeinen alten Porsche. Bemerkenswert.
cpt.holzschnauz 27.05.2014
2. Wieso eigentlich nicht?
Ist es denn unvorstellbar für die heutigen Autobauer einmal aus dem Einerlei auszubrechen und mal so ein Masseratti Berlinetta Design wieder zu bringen?
h.hass 27.05.2014
3.
Schön designte Autos scheint es fast nur noch in der Vergangenheit zu geben. Was heute so rumfährt, verursacht Augenkrebs.
monsieurK 27.05.2014
4. Danke...
für diese Fotoserie ! Da kommen mir die Tränen angesichts dessen was Heute so auf den Strassen rollt !
KnoKo 27.05.2014
5. Fotostrecke
Beim Anschauen der Fotostrecke wird einem klar, dass hässliche Autos keine Erfindung der Neuzeit sind.
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