Daimler Business Innovation Es rappelt in der Kiste

Klein, flink und kreativ - das klingt nicht gerade nach einem milliardenschweren Autokonzern wie Daimler. Doch in der Keimzelle "Business Innovation" sollen die Ideen von morgen entstehen - auch dank einer Holzbox.
Car2go: Daimler Business Innovation hat das Carsharing-Angebot erdacht

Car2go: Daimler Business Innovation hat das Carsharing-Angebot erdacht

Foto: Marijan Murat/ dpa

Auf dem Flur des Bürogebäudes in Stuttgart steht eine Kiste aus Holz. Ein kleiner Container auf Rollen, verschlossen mit silbernen Scharnieren. Anzugträger laufen an ihm vorbei und verschwinden in Besprechungsräumen, die mit "Taubenheim 13" oder "Chalet" Namen tragen wie in einer Werbeagentur.

Die Box - in keinem Hafen der Welt würde sie auffallen. Doch was macht sie in Stuttgart, in einem pragmatischen Neubau, nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt? Und was steckt drin?

In schwarzen Lettern prangt ein Schriftzug auf dem Holz: "THE NEXT BIG THING". Die Buchstaben springen den Leser an, alle sind sie großgeschrieben. "Das ist ein Denkanstoß", sagt Wilfried Steffen lapidar. Denn was das "nächste große Ding" ist, wüsste der Mann in weißem Hemd, grauer Stoffhose und schwarzen Slippern auch zu gerne.

Wilfried Steffen ist Leiter von Daimler Business Innovation und qua Job immer auf der Suche nach "the next big thing" in der Autoindustrie. Fast alle großen Autohersteller besitzen mittlerweile Think-Tanks oder Venture-Töchter, die agieren wie kleine Start-ups. Ihre Aufgabe: Sie sollen neue Geschäftsfelder für die Autobauer erschließen.

Business Innovation hat Car2Go erfunden

So betreibt BMW beispielsweise in New York i Ventures, der Kapitalarm der Opel-Mutter heißt GM Ventures. Alle arbeiten ein wenig anders, entwickeln selber Ideen oder kaufen hoffnungsvolle Kreativbutzen auf, die ihre Mitarbeiter mit Kickertischen motivieren statt mit dem Ausblick auf die große Konzern-Karriere. Dabei treibt alle Autobauer die gleiche Sorge: das klassische Geschäft - Autos bauen und verkaufen - könnte irgendwann an Bedeutung verlieren. Weil junge Menschen mit Smartphones lieber teilen als besitzen und das Auto seine Rolle als Statussymbol verliert.

Deshalb auch die Kiste bei Daimler. Sie erinnert die Mitarbeiter permanent an den Wandel. Wie ein Denkmal. Nur dass die Holzbox nicht die historischen Erfolge des Unternehmens würdigt, sondern die ungewisse Zukunft thematisiert. In der Hoffnung, dass aus der Kiste etwas Großes entspringt. Durch angucken, denken, Ideen finden - "the next big thing" nach der Erfindung des Automobils, das wär`s.

Steffen und seinem kleinen Team aus 30 Mitarbeitern in Deutschland - ein weiteres Dutzend sitzt im Ausland - ist das in der Vergangenheit immer wieder gelungen. Den ganz großen Coup haben sie noch nicht gelandet, aber mehr als bloße Achtungserfolge erzielt. Das bekannteste Projekt, das aus der Kreativkeimzelle Business Innovation entstand, ist das Carsharing-Projekt Car2Go. Mittlerweile ist Car2Go in das Tochterunternehmen Moovel  überführt - ein Pool für alle Mobilitätskonzepte von Daimler.

Daimler hat auch die Logistik im Blick

Im Vergleich zum Daimler-Konzern, der mit Trucks und Luxus-Pkw 2014 einen operativen Gewinn von 10,1 Milliarden Euro einfuhr, sind neue Geschäftsmodelle wie Car2Go ein Witz. Konkrete Zahlen veröffentlicht Daimler nicht, nur, dass das Carsharing in ersten Städten schwarze Zahlen schreibt. Der Konzern setzt auf weiteres Wachstum in dem jungen Zweig. "Heute sind wir alle Car2Go", sagt Steffen über das Ansehen des Projekts. Doch es gab Zeiten im Konzern, da dachten einige Ingenieure, die kleine Kreativbutze hätte den Verstand verloren.

Alles Geschichte. Hier und heute zählt nur die Zukunft: "The next big thing". Sieben Suchfelder für Ideen gucke man sich derzeit bei Business genauer an, sagt Steffen, der bereits seit mehr als 30 Jahren für Daimler arbeitet. Interessant sei beispielsweise das Liefergeschäft, das durch Bestellungen im Internet stetig wächst. Daimler hat sich dazu vor einigen Jahren an Tiramizoo beteiligt, einem Kurier-Start-up, das in München Pakete von lokalen Ladengeschäften an einem vereinbarten Termin zu Kunden bringt.

Fortschritte in der Digitalisierung, die Veränderungen in der Arbeitswelt oder der Trend zu mehr Wellness und Gesundheit gehören ebenso zu den ausgemachten Megatrends. Aus allen Feldern müssen dann Anwendungen abgeleitet werden, mit denen ein Autobauer wie Daimler Geld verdienen kann. Bei den Recherchen helfen den Mitarbeitern von Business Innovation Stadtplaner, Zulieferer, Stadtverwaltungen und Landesregierungen - Ideen kommen durch ein gutes Netzwerk, erzählt Steffen.

Doch auch eine gute Idee reicht noch nicht aus, um aus ihr ein Geschäftsmodell zu machen. Drei marktreife Ideen jährlich will Steffen aus seinem Bereich übergeben, "linienreif" nennt er es selber etwas umständlich. Denn Business Innovation sei kein Selbstverwirklichungsladen. Das erste Wort in der Firmenbezeichnung von Business Innovation sei schließlich das Geschäft. "Innerhalb von einem Jahr sollte sich ein Geschäftsmodell aus der Idee von Business Innovation entwickeln lassen", sagt Steffen. Sonst wird es erst gar nicht weiterverfolgt oder - bereits auf dem Markt - womöglich gekippt.

Der Vorgänger von Flinkster ist gefloppt

Auf der Fensterbank seines Büros parkt ein Smart-Modellauto. "Railing" steht auf dem Wagen, ein ehemaliges Projekt mit der Schweizer Eisenbahn. Kunden sollten mit dem Wagen zu ihrem endgültigen Zielort fahren können. "Damals fehlte uns das Smartphone für die komfortable und spontane Buchung", glaubt Steffen. Heute setze die Bahn mit Flinkster ein vergleichbares Konzept erfolgreich um. "Mit der Idee waren wir einfach zu früh".

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