Das Autojahr im Rückspiegel Gefühltes Tempolimit

Mehr als 100 Automodelle wurden 2006 vorgestellt. Für SPIEGEL-ONLINE-Autor Tom Grünweg waren das mehr als 100 Testfahrten, eben so viele schöne und schaurige Reisen und noch viel mehr Eindrücke. Im Rückspiegel tauchen die einprägsamsten jetzt wieder auf.


War es Mercedes auf Mallorca oder Nissan in Nizza, Bentley in Barcelona oder Lancia in Lissabon? So ganz genau funktioniert das Fahrtenbuch im Kopf nicht mehr: Denn 2006 war im wahrsten Sinne des Wortes ein bewegtes Jahr – für die Automobilindustrie und für alle, die über sie berichteten. Wie ein gigantischer Wanderzirkus mit multinationaler Truppe und interkontinentalem Tourneeplan ging es um die halbe Welt, um für ein paar Kilometer hinter dem Steuer eines neuen Modells Platz zu nehmen.

Viele dieser Touren waren weit jenseits der Grenze dessen, was man als vernünftig bezeichnen kann: Für eine Nacht nach Kapstadt, nur um den neuen Jaguar XK zu fahren, für ein paar Stunden im Lamborghini nach Miami und für zehn Minuten salbungsvoller Worte vom Vorstand mal eben nach Hamburg oder München. Dennoch bleibt bei diesen Reisen Erhebendes hängen: Da ein Sonnenaufgang über einer Mittelmeerküste, hier die Eisblumen am Fenster eines verschneiten Hotels und dort die Ruhe in der marokkanischen Wüste.

Den stärksten Eindruck hinterließ der Marathon von Paris nach Peking. Nicht nur, weil dieser gigantische Reklamefeldzug für den Dieselmotor im Allgemeinen und die Mercedes E-Klasse im Besonderen perfekt organisiert war. Sondern auch, weil die letzten 1500 Kilometer der Tour einem die Augen geöffnet haben für die unglaubliche Entwicklung, die das Reich der Mitte nimmt: In manchen Gebieten scheint vor 50 Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein, in den Industrieregionen lernt man die Angst vor dem Fortschritt kennen, und der Ameisenhaufen Peking lässt ahnen, wie dieses Land bald aus allen Nähten platzen wird.

Spürhunde in Detroit, Soldaten in Peking

Zu den zahlreichen Fahrvorstellungen kamen noch die Automessen, die alle ihren eigenen Charme haben. Schnüffelnde Hunde beim Sicherheitscheck in Detroit, das Frühlingserwachen in Genf, das Sommermärchen in London und der Herbstgipfel in Paris. Und dann die Motor Show in Peking, auf der zwar Soldaten im Stechschritt marschierten, man aber nur an jedem vierten Stand eine Fremdsprache spricht. Auch beim Saisonfinale in Bologna versuchten die chinesischen Gäste Kontakte in einer Sprache zu knüpfen, die kaum eine Langnase spricht. Wenn man dann noch die Testfahrt im ersten chinesischen Auto für Europa, dem Brilliance BS6, im Sinn hat, geht dieses Jahr mit einer tröstlichen Nachricht zu Ende: Fürs Erste muss man vor den Automobilmacht China in Europa noch keine Angst haben.

Natürlich wurde das Jahr auch geprägt von Pleiten, Pech und Pannen: Von ein paar Schrammen beim Parken einmal abgesehen, sind wir zwar von Unfällen verschont geblieben. Doch nicht immer haben die Autos so funktioniert, wie sie sollten. Da war zum Beispiel die Testfahrt im 400.000-Euro-Sportwagen, bei dem im strömenden Regen die Scheibenwischer ausfielen und auch mit einer telefonischen Direktverbindung ins Werk nicht wieder zu reparieren waren. Nur gut, dass der Beifahrer ein altes Hausrezepte kannte, der Laden um die Ecke einen Apfel verkaufte und die Fruchtsäure das Regenwasser so weit abperlen ließ, dass wir zwar nicht 320 km/h, doch zumindest Schritttempo fahren konnten. In die gleiche Kategorie passt die Erfahrung mit einem Vorserienwagen aus Korea, bei dem alle paar Kilometer das komplette Cockpit ausfiel und man das Tempolimit nur gefühlt einhalten konnte.

Warum verflixt lässt sich der Schlüssel nicht abziehen?

Aber es liegt nicht immer an den Autos, auch der Fahrer wäre durchaus verbesserungswürdig. Mal bestellte er Hilfe beim Reifenwechsel, nur weil er die Schmuckkappen nicht von den Bolzen bekam, mal musste er beim Hersteller anrufen, weil er bei einem Saab den Schlüssel nicht abziehen konnte (Rückwärtsgang einlegen!) und mal dilettiert er im Luxus-Sportwagen, weil sich der Motor partout nicht starten lässt. Sieht schon blöd aus, wenn man in einem Aston Martin an der Ampel steht, den dicken Max macht und dann erst einmal im Handbuch nachlesen muss, wann genau die Elektronik eine Startfreigabe erteilt. Herrn Bond wäre das sicher nicht passiert.

Natürlich sind Autos wie etwa der Vanquish eine Ausnahmeerscheinung, die einen Stammplatz auf der persönlichen Festplatte bekommen. Und auch die Testfahrt im Unimog von Brabus oder die Tour als Laie im Laster vergisst man nicht so schnell. Doch sonst sind es weniger die S-Klassen, die 911er oder die großen Audis, die in Erinnerung bleiben, sondern oft ganz kleine und eigentlich unscheinbare Autos wie der pfiffige Daihatsu Materia, der im zivilen Ungehorsam zum Rennwagen umgebaute Dacia Logan oder der alte Mini, den man zur Premiere der zweiten Neuauflage noch einmal als Referenz heranzog. Am meisten beeindruckt hat allerdings eine Testfahrt mit dem Golf GTI 53+1. Denn einmal auf Kurs gebracht, jagt das Forschungsfahrzeug der Wolfsburger von alleine so schnell durch die Pylonengasse, dass ihm nicht einmal ein Profi hinterherkommt. Gut, dass dieser Wagen noch ein Einzelstück ist und so nie auf die Straße kommt. Sonst könnte man den Führerschein abschaffen.



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