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29. April 2015, 16:18 Uhr

Gewährleistung beim Gebrauchtwagenkauf

So bleiben Käufer nicht auf dem Schaden sitzen

Der Motor des gerade gekauften Gebrauchtwagens macht nach wenigen Monaten die Grätsche? In so einem Fall greift die Gewährleistung. Aber es gibt Ausnahmen. Das sollten Verbraucher wissen, damit sie nicht auf ihrem Schaden sitzen bleiben.

Beim Gebrauchtwagenverkauf ist der Händler gesetzlich zur Gewährleistung verpflichtet. Das bedeutet, dass Verkäufer zwei Jahre ab der Übergabe des Wagens dafür einstehen müssen, dass das Fahrzeug einwandfrei funktioniert. Am Mittwoch hatte der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden, dass die Herabsetzung dieser Frist - etwa auf ein Jahr - durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Kaufvertrages unwirksam ist. Allerdings können private Verkäufer, anders als gewerbliche Händler, die gesetzliche Gewährleistung ausschließen.

Die Gewährleistung gibt dem Autokäufer Sicherheit gegenüber dem Händler. Der kann sich nicht damit herausreden, dass für einen etwaigen Mangel zum Beispiel der Hersteller verantwortlich ist.

Wichtig zu wissen: Gewährleistung ist etwas anderes als die Garantien, die viele Händler beim Verkauf eines Gebrauchtwagens anbieten und deren Laufzeit und Umfang von der Höhe der Prämie abhängig ist. Die Garantie ist eine sogenannte freiwillige Leistung, sie deckt sich nur teilweise mit den gesetzlichen Gewährleistungsansprüchen. Garantieleistungen verdrängen die Gewährleistungsansprüche des Verbrauchers nicht. Typische Mängel, bei denen die Gewährleistung greift, sind etwa Schäden an Motor oder Getriebe, sagt Rechtsanwalt Florian Wolf vom ACE Auto Club Europa.

"Bei Verschleiß aber greift die Gewährleistung nicht, und das ist der Knackpunkt", sagt Wolf. Hier stellt sich die Frage, wann es sich um einen Mangel handelt und wann lediglich um üblichen Verschleiß. Oftmals kommt es dann auf die Laufleistung des Fahrzeugs an. "Viele Bauteile sollten bei einer Laufleistung von 10.000 oder 20.000 Kilometern noch einwandfrei funktionieren", erklärt Wolf. Bei einer Laufleistung von über 150.000 Kilometern kann das schon anders sein.

Was sind Verschleißteile und was Sachmängel?

"Natürlich gilt unter juristischen Gesichtspunkten immer der Einzelfall; jedoch fallen beispielsweise Öl und Bremsbeläge unter Verschleißteile", so Wolf. Wenn es sich um Verschleißteile handelt, der Kunde aber trotzdem auf einen Defekt pocht, hilft nur der Weg zum Gutachter.

Ein Beispiel: Stellt der Käufer kurze Zeit nach dem Gebrauchtwagenkauf fest, dass die Bremsen so sehr schleifen, dass ein Sachmangel vorliegen muss, sollte der Kunde laut Wolf einen unabhängigen Sachverständigen aufsuchen. "Der kann feststellen, ob normaler Verschleiß vorlag oder tatsächlich der Istzustand vom Sollzustand abweicht."

In den ersten sechs Monaten nach dem Kauf haben es Autokäufer recht einfach: Hier muss der Verkäufer nachweisen, dass der Mangel bei der Übergabe noch nicht vorlag. Danach dreht sich die Beweislast um und liegt beim Käufer. Er muss dann beweisen, dass der reklamierte Fehler bereits bei der Fahrzeugübergabe vorhanden war. "Oft ist dieser Beweis nur schwer oder überhaupt nicht zu führen", sagt Wolf. Auch in solch einem Fall könne der Käufer einen Sachverständigen einschalten und im Zweifelsfall vor Gericht sein Recht versuchen einzufordern.

Getrickst wird immer

Wie aber lässt sich das auf die günstigen Gebrauchten beim Händler an der Ecke übertragen? Das vermeintliche Schnäppchen für wenig Geld geht ja meist mit hohem Alter und vielen Kilometern Laufleistung einher. Doch wer haftet, wenn der Wagen beispielsweise drei Monate nach dem Kauf einen Motorschaden hat?

Solche Gebrauchten würden in der Regel bei den meisten Händlern gar nicht mehr angeboten, sagt Wolf. "Die kämen aus der Haftung ja nicht mehr raus. Darum werden diese Fahrzeuge fast nur noch im Kundenauftrag verkauft", erklärt der Rechtsanwalt. Dann wird der Vertrag zwischen zwei Privatpersonen geschlossen - und der Händler kann so die Gewährleistungsansprüche ausschließen.

Will der Käufer den Schaden nicht hinnehmen, muss er nachweisen, dass der Händler doch nicht im Privatauftrag verkauft hat. "Hier muss man dann kreativ werden", weiß Wolf. "Zum Beispiel, indem man den Vorbesitzer ausfindig macht und von ihm erfährt, ob der Händler tatsächlich in seinem Auftrag verkauft hat oder eben nicht."

smh/dpa

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