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22. Juli 2019, 07:57 Uhr

Versuch mit DeLorean-Sportwagen

Warum Forscher einem Roboterauto das Driften beibringen

Die Uni Stanford hat einem legendären Filmauto beigebracht, autonom - also ohne Mensch am Steuer - zu driften. Was nach Unsinn klingt, soll Autofahren in Zukunft tatsächlich sicherer machen.

Marty driftet besser als die meisten Autofahrer. Marty, das ist in diesem Fall nicht der Charakter aus "Zurück in die Zukunft", sondern der Name eines Autos der US-Universität Stanford. Dieser steht für Multiple Actuator Research Test bed for Yaw Control, ein Versuchsfahrzeug mit E-Antrieb, das selbstständig driften kann.

Chris Gerdes, Professor für Maschinenbau an der Stanford Universität in Kalifornien erforscht mit seinen Studenten die physikalischen Grenzen des autonomen Fahrens. Als Testobjekt dient dabei ein DeLorean DMC-12 aus dem Jahrgang 1981, bekannt aus dem Hollywoodfilm "Zurück in die Zukunft". Das Projekt hat jedoch einen ernsten Hintergrund, denn die Wissenschaftler des Dynamic Design Lab wollen das autonome Fahren damit so sicher wie möglich machen.

"Wir wollen automatisierte Fahrzeuge entwickeln, die alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen können, um einen Unfall zu vermeiden", sagt Gerdes. Er ist der Meinung, dass die Software für autonome Fahrzeuge in der Lage sein sollte, alle möglichen Manöver innerhalb physikalischer Grenzen auszuführen - auch solche, zu denen ein Mensch aufgrund längerer Reaktionszeit oder fehlendem Instinkt nicht in der Lage ist.

Die Fahrmanöver sollen zudem auch über diejenigen herkömmlicher Sicherheitsassistenten wie beispielsweise dem Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) hinausgehen. Das ESP stellt sicher, dass das Fahrzeug in kritischen Situationen in einem stabilen Fahrverhalten und so manövrierfähig bleibt, indem zum Beispiel bestimmte Räder gebremst werden oder die Motorleistung bei Bedarf reduziert wird.

Bei der Entwicklung autonomer Fahralgorithmen haben die Forscher allerdings festgestellt, dass es sinnvoller sein kann, auf Stabilität zu verzichten, um beispielsweise scharf zu wenden und dadurch Unfälle zu vermeiden. "Die allerbesten Rallyefahrer opfern ständig ihre Fahrstabilität, damit sie alle Möglichkeiten des Autos nutzen können, um Hindernissen ausweichen und enge Kurven mit hoher Geschwindigkeit fahren zu können", sagt Gerdes. Derzeitige Steuerungssysteme, die einen menschlichen Fahrer unterstützen, erlauben diese Art des Manövrierens jedoch nicht.

Das Auto muss richtig entscheiden können

Die größte Herausforderung dabei ist laut den Forschern, wie man das Auto so programmiert, dass es autonom die richtige Entscheidung trifft, wann der Verzicht auf Stabilität zugunsten eines scharfen Fahrmanövers erforderlich ist und wann nicht. Der autonome Drift-Modus ist also nicht nur reine Show, sondern der erste Schritt, dem Auto die Notfallmanöver beizubringen.

Die Gefahr, dass Autofahrer künftig nur noch mit qualmenden Reifen unterwegs sein werden besteht laut den Forschern aber nicht. "Wir stellen uns keine Zukunft vor, in der jedes Auto während des täglichen Pendelverkehrs weiße Reifenrauchwolken hinterlässt. Wir wollen, dass autonome Fahrzeuge, die Hinweise der Fahrer entschlüsseln und das Fahren dadurch sicherer machen", sagt Gerdes. "Driften ist eine Möglichkeit, dieser Frage mit Stil nachzugehen."

ene/cfr

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