Filmexperiment "Parts and Labor" Der Schrauber-Porno

Mann gegen Maschine: Jesse Cain baut einen Automotor auseinander und anschließend wieder zusammen. 13 Stunden dauert das. Der Witz: Er filmt sich dabei, jede Minute, und schafft ein Garagen-Epos unerhörten Ausmaßes.

Jesse Cain

Der Film "Parts and Labor" konzentriert sich auf das Wesentliche: Ein Mann, ein Motor. Der Mann ist Jesse Cain, der Motor stammt aus seinem VW Golf Cabrio, Baujahr 1982. Cain schraubt den Motor auseinander. Dann schraubt er ihn wieder zusammen. Das dauert insgesamt 13 Stunden, und so lange ist auch der Film. Keine Musik, keine Dialoge, keine Schauspieler - nur Werkzeug, Bauteile und Jesse Cain.

Als er mit den Dreharbeiten begann, schwebte ihm eigentlich eine ganz andere Story vor. "Ich wollte einen Film über eine Familie machen, die pleite ist. Der Sohn ist hilflos und frustriert, er verbringt seine Zeit damit, den kaputten Familienwagen wieder zum Laufen zu bringen." Es sei die Geschichte seiner eigenen Jugend, sagt der 32-Jährige. "Dann habe ich Testaufnahmen gemacht, wie die Szenen der Autoreparatur aussehen könnten - und als ich sie mir anschaute, wurde mir klar: das ist der Film, den ich eigentlich schon immer machen wollte."

So schlicht und einfach wie die Handlung waren auch die Dreharbeiten zu "Parts and Labor". Cain hat den Film ohne fremde Hilfe in einer Garage produziert, einsam und alleine. "Ich habe die Kamera aufgebaut, den Aufnahme-Knopf gedrückt und bin ans Werk gegangen", sagt er.

Alle Szenen sind in sogenannten Close-Ups gedreht, der Zuschauer ist also ganz nah an den Motorteilen dran. Und er schaut auf die ölverschmierten Hände Cains: wie er einen Steckschlüssel ansetzt, damit eine Schraube löst und sie dann mit Daumen und Zeigefinger aufdreht und abnimmt. Der Schnitt einer Szene folgt immer erst dann, wenn ein Bauteil fertig ein- oder ausgebaut ist.

"Die Dauer einer Szene hing davon ab, wie kompliziert die Arbeit an dem Bauteil war", erklärt Cain. Filmhandlung in Echtzeit - wie in der TV-Serie "24", wo die Geschehnisse in jeder Folge exakt eine Stunde abbilden. Mit dem Unterschied, dass in "Parts and Labor" eben keine Terroristenorganisation, sondern ein Motor zerlegt wird.

Ein Film wie ein Kaminfeuer

Ein Epos über Zündverteiler und Nockenwellen? Für Jesse Cain gibt es nichts Natürlicheres: "Ich mache experimentelle Filme und habe eine Leidenschaft für Autos, Motoren und bewegliche Teile." Den Hauptdarsteller von "Parts and Labor" - den Motor - hat der Hobbyschrauber aus seinem alten VW Golf ausgebaut. "Momentan hat der Wagen wieder eine Reparatur nötig", erzählt er, "aber im Sommer wird er laufen." Was er an dem Auto schätzt, beschreibt der Amerikaner Cain mit einem deutschen Wort: "Classic Fahrvergnügen!"

Im März feierte "Parts and Labor" Premiere im Anthology Film Archiv in New York, einem Zentrum für Filmforschung und Independent-Kino. In die Lichtspielhäuser wird es der Streifen wegen seiner Über-Überlänge und der etwas sperrigen Handlung wohl eher nicht schaffen. Wenn es nach Jesse Cain geht, dann soll er dort gezeigt werden, wo er hingehört - auf der Straße, bei den Autos. "Ich würde den Film gern auf Werbetafeln an den Highways laufen lassen - als Reklame dafür, sich mit seinem Auto zu beschäftigen."

"Die meisten Leute finden 'Parts and Labor' sehr meditativ", erzählt Cain, "man taucht für eine Weile in den Film ab und lässt sich von der Detailversessenheit treiben. Einige finden den Film auch fesselnd, weil in jeder Szene Rückschläge und Erfolge zu sehen sind." Ein zehnminütiger Ausschnitt aus dem Film lässt dessen Reiz erahnen: "Parts + Labor" hat den Charme eines Kaminfeuers - es passiert nicht viel, aber irgendwie fällt man in dieses Nichts an Handlung hinein.

Was man als Zuschauer auch immer von "Parts and Labor" halten mag - eines ist die 13-stündige Bastel-Orgie nicht: eine korrekte Bedienungsanleitung, wie man einen VW-Golf-Motor zusammensetzt. "Bei meiner Arbeit haben sich ein paar handwerkliche Fehler eingeschlichen", gibt Jesse Cain zu. "Würde ich mir den Film mit einem echten Mechaniker anschauen, müsste der bestimmt ein paar Mal laut lachen."

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Seite 1
Mathesar 03.04.2012
1. ...
...viel zu viel störende Unschärfe im Bild...die Close-ups zu close gewählt und jedem der ein wenig Ahnung von Motoren hat, bereitet manches körperliche Schmerzen. Man achte nur auf das losschrauben der Lichtmaschine am Anfang....
waldbaer 03.04.2012
2.
Zitat von Mathesar...viel zu viel störende Unschärfe im Bild...die Close-ups zu close gewählt und jedem der ein wenig Ahnung von Motoren hat, bereitet manches körperliche Schmerzen. Man achte nur auf das losschrauben der Lichtmaschine am Anfang....
Mit Abstand die beste Filmkritik die ich je gelesen habe, Sie machen das doch professionell, vielleicht für eine Schülerzeitung in Süddeutschland? RESPEKT.
wrxsti 03.04.2012
3. Hoffentlich war etwas kaputt am Motor
Erinnert mich an einen ehemaligen Nachbarn, der Ende der 1970er Jahre den V6 seines Ford Granada vollständig zerlegte und reinigte. Aber richtig pedantisch. Keine neuen Kolbenringe, keine Ventile eingeschliffen. Als der Motor mit neuer Lackierung, jede Zylindernr. war jetzt rot auf silbernem Ansaugkrümmer zu sehen, wieder in Betrieb genommen wurde, hatte er kaum Leistung. Die Spezialisten gingen ein und aus bei Ihm. Ich meinte, neue Passform Kolbenringe und Einschleifen der Ventile wären das Mindeste gewesen. Zum Schluß verkaufte er den Wagen.
horstwende 03.04.2012
4. Dann habe ich Testaufnahmen gemacht...
Ist klar, so einen Film dürfte ich inzwischen auch schon gedreht haben,sogar mit Fotodokumentation als "making of". Den "Film" hat er doch nur, wie jeder zweite Selbstschrauber, gedreht um danach zu wissen, wie die Teile wieder zusammen gehören. Erinnert mich ein wenig an das große Meisterwerk von Al Bundy: SHEOS - A Shoequementary Sheos- A Shoequementary - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=eVB7tfbFs5s)
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