Der persönliche Jahresrückblick Ich liebe das Fahrradparadies Amsterdam

Zum Jahresende ziehen die Auto- und Fahrrad-Leute von SPIEGEL ONLINE eine ganz persönliche Bilanz. Im vierten Teil kürt Holger Dambeck Amsterdam zu seiner Lieblingsfahrradstadt und lästert über die Statistiker aus dem Verkehrsministerium.
Amsterdam: Radler werden als Verkehrsteilnehmer ernst genommen

Amsterdam: Radler werden als Verkehrsteilnehmer ernst genommen

Foto: NBTC

Ich sitze oft im Sattel und habe viele Städte aus der Perspektive eines Radfahrers erlebt. Der Höhepunkt in diesem Jahr war dabei zweifellos Amsterdam. Ich empfehle, die holländische Metropole unbedingt auf einem simplen Hollandrad zu erkunden. Aufrechte Sitzposition, keine Gangschaltung - so fährt man automatisch entspannt und kann die pittoreske Szenerie mit Grachten, engen Gassen und romantischen Brücken genießen. Ich habe beim cruisen ganz vergessen, wohin ich eigentlich fahren wollte. Irgendwann stand ich vorm Van-Gogh-Museum.

Die Niederlande sind schon lange ein Paradies für Fietser - wie Radler auf Holländisch genannt werden. Sie werden als Verkehrsteilnehmer ernst genommen. So ernst, dass Radfahrer in Amsterdam sogar eine eigene Umleitung ausgeschildert bekommen, wenn der Radweg gesperrt ist. Und an vielen kleineren Kreuzungen sind Schläuche quer im Asphalt der Radspur verlegt, die registrieren, wenn Radler darüber rollen. Die Velo-Ampel springt dann bald auf Grün.

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Zugegeben: Auch Kopenhagen ist eine tolle Fahrradstadt. Surfen auf der grünen Welle für Räder gibt es nur dort. Aber Amsterdam ist mir einfach sympathischer, weil es dort ein wenig zugeht wie in einer italienischen Stadt. Fast jeder fährt, wie er will. Das sieht auf den ersten Blick chaotisch aus - doch die Fietser wissen was sie tun. Alles ist im Fluss und jeder passt auf den anderen auf. Wenn doch mal zwei Räder kollidieren, dann war garantiert ein Tourist beteiligt. Die erkennt man übrigens an den knallgelben oder knallroten Rädern, die man an jeder Ecke für ein paar Euro ausleihen kann.

Auch ich habe übrigens eine Frau auf einem Cargo-Bike zu einer Notbremsung gezwungen. Keine Ahnung, wo die plötzlich herkam. Ich bin halt kein Holländer - Sorry!

Crash-Statistik und Helmpflicht:

Kann man mit Taschenspielertricks aus der Statistik heutzutage Politik machen? Beim Fahrradhelm hat das ein Minister versucht - und kaum jemand hat's gemerkt. Ok - dass das Fahrrad bei Peter Ramsauer nicht die absolute Priorität hat, ist ja bekannt. Als Bundesverkehrsminister mit Wahlkreis im ländlichen Bayern muss er einfach ein Autofan sein. Was sollen seine gut motorisierten Wähler sonst von ihm denken?

Mich ärgert allerdings, wie Ramsauer im Herbst 2011 eine mögliche Helmpflicht für Radfahrer auf die Tagesordnung gebracht hat. "Wir beobachten mit großer Sorge und Betroffenheit, dass das Unfallgeschehen bei Fahrradfahrern dramatisch zunimmt, gerade im städtischen Bereich", sagte er. Dabei ist diese Aussage durch Unfallstatistiken nicht zu belegen - zumindest nicht aus den Jahren 2009 und 2010. Im Gegenteil: 2010 ging die Zahl der verunglückten Radfahrer um 13 Prozent gegenüber 2009 zurück, die Zahl der getöteten Radfahrer sank sogar um 18 Prozent.

Den Rückgang erklären Experten übrigens mit dem relativ kalten und nassen Wetter im Jahr 2010, was zur Folge hatte, dass weniger Radler auf den Straßen unterwegs waren. Im ersten Halbjahr 2011 sind die Unfallzahlen bei Radfahrern dann tatsächlich gestiegen, wenn man als Vergleichszeitraum das erste Halbjahr 2010 heranzieht.

Wer die Zahlen aber als Beweis anführt, dass die Unfälle "dramatisch" zugenommen haben, bedient sich eines durchschaubaren Kartenspielertricks. Denn im Vergleich zu einem ungewöhnlichen Jahr sieht alles dramatisch aus. Wir brauchen also nicht zwingend mehr Fahrradhelme in Deutschland, sondern zuerst einmal ein besseres Verständnis für Statistik.

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