Der siebte Sinn "Fahr mal einen Radfahrer um"

Aufwühlende Bläser, dann ein kurzes Schlagzeugsolo – wer die Titelmelodie der Sendung "7. Sinn" einmal gehört hat, vergisst sie so schnell nicht. Seit knapp 40 Jahren bemüht sich das Fernsehformat, in je drei Minuten verkehrserzieherisch auf die Deutschen einzuwirken.


"Gestern lag noch kein Schnee", "Brutkasten Auto" oder "Blinkermuffel unterwegs" - so lauten einige der insgesamt 1462 Kurzfilme, die bis heute unter dem Ratgeber-Format "7. Sinn" ausgestrahlt wurden. Im April 1966 startete der WDR die Sendereihe zur Verkehrssicherheit, Anlass war damals die drastisch ansteigende Zahl von Verkehrsopfern in Deutschland. In engem Kontakt mit der Deutschen Verkehrswacht entwickelten Regisseur Alfred Noell und sein Team das Konzept, das bis heute nur unwesentlich verändert wurde und den speziellen Reiz der Sendung ausmacht: Eine unfallträchtige Situation im Straßenverkehr wird durch einen möglichst spektakulären Stunt nachgestellt - und anschließend erhalten die Zuschauer kurz und prägnant formulierte Tipps, wie sich die Karambolage hätte verhindern lassen.

Karl Mertes: Verantwortlicher Redakteur der Sendung "7. Sinn"

Karl Mertes: Verantwortlicher Redakteur der Sendung "7. Sinn"

"Natürlich zeigen wir nicht jedes Mal einen wilden Stunt, sondern geben immer wieder allgemeine oder saisonal bedingte Tipps. Zum Beispiel, wie Winterreifen richtig aufgezogen werden, oder es wird erläutert, wie man sich bei einer Polizeikontrolle korrekt verhält", sagt Karl Mertes, Leiter der Programmgruppe Service und Ratgeber beim Westdeutschen Rundfunk. Mertes verantwortet die Sendung seit drei Jahren. "Ich denke schon, dass der '7. Sinn' über all die Jahre dazu beigetragen hat, das Sicherheitsbewusstsein im Straßenverkehr zu stärken. Zumindest aber dient das Programm bei einigen Zuschauern der Pflege des schlechten Gewissens." Derzeit geschieht das allerdings nur sporadisch, denn die ARD positioniert gerade ihre Ratgebersendungen auf neuen Sendeplätzen. Den prominenten Termin direkt vor der Sportschau am Sonntagabend wird der "7. Sinn" verlieren, doch bis zum Jubiläumsjahr 2006 soll ein neues Zeitfensterchen gefunden sein und dann wieder Kontinuität herrschen. Mertes: "20 bis 30 Sendungen im nächsten Jahr, das wäre schon wünschenswert."

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Der siebte Sinn: Bremsen will gelernt sein

Es klingt nach Binsenweisheit, dass bei zunehmendem Verkehrsaufkommen auch die gegenseitige Rücksicht der Verkehrsteilnehmer steigen muss, um eine möglichst hohe Sicherheit für alle Beteiligten zu gewährleisten. Darauf immer wieder hinzuweisen, ist die Mission der "7. Sinn"-Spots. Produziert werden die Kurzfilme seit 20 Jahren von der Firma Cine Relation - mit teilweise extremem Aufwand. Für eine Folge zur Sicherheit an Bahnübergängen etwa stellten Stuntexperten den Zusammenstoß eines Zuges mit einem Auto nach, gefilmt wurde die Szene unter anderem aus einem Hubschrauber. Und um die Funktion von Stoßdämpfern zu erklären, wurde ein Kotflügel so angebohrt, dass eine Fingerkamera durch das Loch passte und den Dämpfer während der Fahrt in Aktion zeigen konnte.

Ein Tag Dreharbeit für eine 20-Sekunden-Stuntszene

"Natürlich wissen wir, wie wichtig spektakuläre Aufnahmen sind, um Aufmerksamkeit zu erregen", sagt Mertes. "Die meisten Stunts sind für das eingespielte Team, mit dem wir zusammenarbeiten, kein Problem. Wenn es heißt, 'fahr mal einen Radfahrer um', dann wird diese Szene eben nachgestellt." Komplizierter und sehr viel aufwändiger ist es, punktgenau aus einer Landstraßenkurve mit einem Auto zu fliegen und sich genau so zu überschlagen, wie es dem Regisseur vorschwebt. Mertes: "Da geht manchmal ein ganzer Tag drauf, bis eine 20-Sekunden-Einstellung im Kasten ist."

Redakteur Mertes besitzt übrigens kein Auto, wohl aber den Führerschein. "Es hat wohl auch mit dem Einfluss des '7. Sinn' zu tun, dass ich meinen eigenen Wagen verkauft habe. Zudem wohne und arbeite ich direkt in Köln, da ist ein Auto eher hinderlich." Um dennoch bei Bedarf automobil sein zu können, ist Mertes Mitglied bei der Car-Sharing-Genossenschaft Cambio. Was ihn, wenn er am Steuer sitzt, am meisten stört, ist "das dichte Auffahren vor allem auf der Autobahn". Er reagiere zunehmend sensibler auf Drängelei und andere aggressive Verhaltensweisen von Autofahrern. "Vielleicht liegt das auch daran, dass ich jetzt längere Strecken öfter mit dem Zug fahre", räumt Mertes ein. Auf jeden Fall bleiben die Themen Sicherheit und Rücksichtnahme im Straßenverkehr aktuell - und damit stehen die Chancen auf weitere 40 Jahre "7. Sinn" gar nicht schlecht.



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