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14. Januar 2008, 13:31 Uhr

Detroit Auto Show

Spritsäufer auf Entzug

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Es geht auch eine Nummer kleiner: Angesichts steigender Benzinpreise und zunehmendem Umweltbewusstsein stehen sogar auf Amerikas größter PS-Messe in Detroit Ethanolantriebe und kleinere Autos im Mittelpunkt. Den einen oder anderen Monster-Pickup findet man trotzdem.

Detroit ist schon lange keine Boomtown mehr. Damit dennoch etwas glänzt, hat Bürgermeister Kwarne M. Kilpatrick angeordnet, die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen rund um die Cobo-Messehalle bis zum Ende der Detroit Auto Show am 27. Januar hängen zu lassen. Drinnen funkelt und schimmert es natürlich auch – bei der ersten großen Pkw-Schau des Jahres 2008 stimmt sich die Branche ein auf die nächsten zwölf Monate.

Vor allem die deutschen Hersteller verbreiten großen Optimismus. Audi, Mercedes und BMW blicken auf ein Rekordjahr in den USA zurück und wollen so weitermachen. Die Münchner unter anderem mit dem 1er Cabrio und dem neuen X6, Mercedes mit dem kommenden Kompaktgeländewagen GLK und dem überarbeiteten SLK, Audi mit dem A4 sowie dem geschärften Coupé TTS.

Und auch die VW-Verantwortlichen, die in Detroit den formschönen Passat CC (das Kürzel steht für Comfort Coupé) enthüllten, haben Großes im Sinn. "Pedal to the metal", versprach VW-Vorstandschef Martin Winterkorn und gab das Ziel aus, im Jahr 2018 rund 800.000 VW-Modelle verkaufen zu wollen. Im vergangenen Jahr waren es gut 230.000 Exemplare.

American Dreaming

Wie solche Steigerungen gelingen sollen, ist nicht ganz klar. Wohl aber, dass die deutschen Hersteller auf einen Erfolg des Dieselmotors in den USA setzen. Durch aufwendige Abgasnachbehandlung soll der Ölbrenner fortan sämtlichen US-Vorschriften genügen und die amerikanischen Autofahrer mit Sparsamkeit und Drehmoment überzeugen – so wie es auch schon in Europa gelang.

Audi preschte in Detroit in Sachen Diesel mit einer Weltpremiere voran und zeigte den Sportwagen R8 V12 TDI. Vorstandschef Stadler sprach von einer Revolution, denn noch nie habe es ein Auto dieser Art mit Selbstzünder gegeben. Ob sich die US-Kundschaft davon beeindrucken lässt?

Nick Margetts, Marktanalyst von Jato Dynamics, beurteilt dies eher skeptisch. "Das Umpolen der Autofahrer in den USA auf den Diesel wird nicht so einfach sein", sagt er. "Zumal die US-Hersteller dieses Thema weitgehend ignorieren." Dafür setzen sie vermehrt auf Hybridantrieb und auf Ethanol als Kraftstoff. General Motors etwa stellte mit den Konzeptautos Hummer HX und Saab 9-4 Biopower gleich zwei Modelle vor, die mit E85 fahren. Der kompakte Geländewagen der Schweden soll in einem Jahr auf den Markt kommen. GM wird dann mehr als 25 Ethanol-Modelle im Angebot haben.

Auch um den Treibstoff kümmert sich das Unternehmen. GM hat mit der Firma Coskata aus Illinois eine Partnerschaft vereinbart, nach der Ethanol künftig aus fast jeder Art von organischem Abfall hergestellt werden kann – sogar aus Altreifen. Eine Raffinerie soll bis zum Jahr 2011 pro Jahr 100 Millionen Gallonen des Treibstoff-Alkohols erzeugen – und die Gallone (3,78 Liter) soll weniger als einen Dollar kosten. "Mittelfristig ist das die effektivste Lösung, um das Problem der Benzinverteuerung und der CO2-Reduktion anzugehen", sagt GM-Chef Rick Wagoner.

Selbst Ferrari ergrünt

Selbst Ferrari stellt in Detroit den Prototypen eines F 430 Spider vor, der mit Ethanol-Antrieb den umweltbewussten Vollgasfreund zufrieden stellen soll. Neben dem Drang zu alternativen Kraftstoffen oder Antrieben registriert der Messebesucher auch den Hang zu kleineren Fahrzeugen – vor allem zu kleineren Geländewagen.

Die schon erwähnten Modelle Mercedes GLK oder Saab 9-4X gehören dazu, der Nissan Rogue und der VW Tiguan oder der nagelneue Subaru Forester sowie die sportliche Landrover-Studie LRX. Und auch noch kleinere Autos haben in den USA neuerdings eine Chance. Das belegen der Erfolg der Toyota-Marke Scion, die 42.000 verkauften Mini-Modelle oder der Start der Marke Smart bei 74 Händlern in dieser Woche.

Beim Trend zu Kleinwagen fällt das Gegenteil umso stärker auf - etwa der wuchtige SUV Honda Pilot, der noch wuchtigere Kia Borrego und selbstverständlich die urtümlichen Pickups der US-Hersteller. Ford hat das seit Jahren meistverkaufte Auto der USA, den Pickup F-150, neu aufgelegt und ihn nach eigenen Aussagen zum leisesten und komfortabelsten seiner Art gemacht. In sieben Formaten tritt der Bestseller an, mit drei V8-Motorvarianten, von denen eine auch den Ethanolkraftstoff E85 verdauen kann.

Die Chrysler-Marke Dodge, derzeit Nummer drei im Pickup-Segment, nahm den F-150 buchstäblich auf die Hörner und ließ zur Präsentation des nagelneuen Modells Ram 150 Longhorn-Rinder vor die Cobo-Halle treiben. Mitten in der Herde, die von Cowboys fachmännisch zusammengehalten wurde, tuckerten drei Dodge Ram Pickups.

"Wir definieren den Pickup neu", lautet die Dodge-Motto. "Unser F-150 ist eine amerikanische Ikone", kontert Ford. Fragen nach Verbrauch, CO2-Ausstoß oder Ressourcenschonung blieben bei diesem Duell der Kraftprotze außen vor.

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