Preisvergleich im Nahverkehr In diesen Städten fährt man günstig Bus und Bahn

Der öffentliche Nahverkehr schont das Klima. In manchen Regionen müssen ÖPNV-Nutzer dafür tief in die Tasche greifen oder sich durch den Tarifdschungel kämpfen.

Günstig, aber schwer verständlich: In Schwerin kosten Tickets zwar vergleichsweise wenig, dafür ist das Tarifsystem unnötig kompliziert
Jens Büttner/ DPA

Günstig, aber schwer verständlich: In Schwerin kosten Tickets zwar vergleichsweise wenig, dafür ist das Tarifsystem unnötig kompliziert

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Wie teuer oder günstig ist der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) in Deutschland? Wo gibt es die günstigste Tageskarte, wo fahren Schüler kostenlos, wo kostet der Hund in der Bahn extra und wo sind Fahrräder verboten? Das Verbraucherportal Testberichte.de hat die Angebote der Verkehrsbetriebe aller Landeshauptstädte sowie Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern miteinander verglichen. Vor allem in ostdeutschen Städten fährt man demnach vergleichsweise günstig. Am häufigsten lag Potsdam in den unterschiedlichen Kategorien auf den vorderen Plätzen.

Einzelfahrscheine: Hamburg fast doppelt so teuer wie Schwerin

In Schwerin und Mannheim zahlt ein Erwachsener nur 1,80 Euro für eine Einzelfahrkarte, gefolgt von Potsdam und Erfurt mit je 2,10 Euro. Am teuersten ist dieses Ticket in Hamburg und Münster mit je 3,30 Euro, dicht gefolgt von Lübeck und Nürnberg mit je 3,20 Euro. Bei Tageskarten liegt Potsdam mit 4,20 Euro vorne. Mehr als doppelt so teuer ist einen Tag lang Bus und Bahn fahren in Lübeck. Die Hansestadt langt mit 9,60 am kräftigsten zu.

Die Tester haben auch die Monatskarten der Städte miteinander verglichen, hier basiert der Preisvergleich auf einem Erwachsenen mit Jahresabo und monatlicher Zahlweise. Am günstigsten ist die Monatskarte in Potsdam mit einem Preis von 34,50 Euro, vor Magdeburg (43,21 Euro) und Schwerin (44,23 Euro). Hamburg ist hier erneut am teuersten. Dort kostet das Monatsabo 89,50 Euro.

Vor allem für gelegentliche ÖPNV-Nutzer ist jedoch entscheidend, wann sich die Monatskarte im Vergleich zum Einzelfahrschein lohnt. In Münster geht das besonders schnell, dort hat sich die Zeitkarte bereits nach 15 Fahrten amortisiert. In Mannheim rentiert sich das Monatsticket dagegen erst nach 36 Fahrten. Das liegt vor allem an der vom Bund vorübergehend stark subventionierten Einzelfahrkarte, sie kostet bis Ende 2020 1,80 statt 2,60 Euro. Denn Mannheim ist bis dahin eine von fünf Modellstädten, in denen Maßnahmen wie die vergünstigten Tickets die Luftqualität verbessern sollen. Betrachtet man alle Städte zusammen, lohnt sich ein Monatskarten-Abo für Erwachsene nach durchschnittlich 23 Fahrten.

Günstige Tickets machen den Nahverkehr nicht unbedingt attraktiver

Günstigere Fahrpreise wie in Mannheim machen den Nahverkehr jedoch nicht unbedingt attraktiver. Denn der Preis sei für den Erfolg des Nahverkehrs nicht entscheidend, erklärt Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin: "Selbst wenn der gesamte derzeitige ÖPNV kostenlos wäre, würde die Zahl der Fahrgäste nur um rund fünf bis zehn Prozent steigen." Das liegt Knie zufolge vor allem am vielerorts veralteten Nahverkehrssystem: "Der ÖPNV war außerhalb weniger Großstädte viel zu lange nur ein System zur Resteverwertung für die, die kein Auto haben."

Doch nicht nur der Nahverkehr an sich müsse sich ändern, auch Subventionen müssten dem Mobilitätsforscher zufolge künftig anders verteilt werden, um Bus und Bahn attraktiver zu machen - und von der Anzahl der Fahrgäste abhängen. "Erst dann denken sich die Anbieter bessere Tarife aus und sorgen für mehr Komfort."

Verloren im Tarifdschungel

Denn im Test fielen auch die kaum verständlichen Tarifsysteme vieler Städte auf. Besonders kundenunfreundlich ist demzufolge das Preissystem in Schwerin. So fehlt nicht nur auf der Website der Schweriner Verkehrsbetriebe jeglicher Hinweis auf die Erstattungsmöglichkeit der Schüler-Monatskarte, auch das Rabattsystem für das Abo der Erwachsenen-Monatskarte ist das komplizierteste aller untersuchten Städte.

"Die Tarifsysteme sind ein Folterwerkzeug des frühen 20. Jahrhunderts, aus dem der Nahverkehr nie rausgekommen ist", kritisiert Mobilitätsforscher Andreas Knie. Etwas einfacher ist das System dem Test zufolge nun immerhin in Stuttgart: Dort hat der Betreiber aus zwei Zonen eine gemacht, ohne die Preise zu erhöhen. Für viele Fahrgäste bedeutet das eine deutliche Reduzierung der Fahrtkosten. Auch in München und Hannover sind Vereinfachungen der Tarifsysteme geplant.

Der Preis ist nicht entscheidend

"Ein guter ÖPNV muss ein möglichst einfaches Tarifgebiet haben", fordert auch Andreas Knie. "Zonen zusammenzulegen allein aber hilft auch nicht weiter." Ein guter ÖPNV brauche ein gutes Gesamtnetz, das den Verzicht aufs Auto einfach mache, erklärt Knie - und automatisches Bezahlen per Handy beim Ein- und Aussteigen.

Doch davon ist der Nahverkehr vielerorts weit entfernt. So war es nicht einmal in allen untersuchten Städten möglich, einen klassischen Fahrschein per Handy zu kaufen, in Lübeck und Kiel fehlt diese Option. In anderen ist der Fahrkartenkauf mit dem Smartphone dagegen vergleichsweise einfach. So können Fahrgäste in Bremen, Frankfurt, Halle, Leipzig, Magdeburg, Mainz, Potsdam und Wiesbaden das Ticket per Handy auch ohne Registrierung lösen. Karlsruhe bietet sogar gleich drei verschiedene Apps für Handy-Tickets an.

Berlin und Rostock bieten kostenloses Schüler-Monatsticket an

Ohne Handyticket, aber dafür kostenlos fahren Schüler in zwei der getesteten Städte, seit August bekommen sie ihre Monatskarte in Berlin und Rostock gratis. In anderen Städten werden die Kosten Testern zufolge zumindest nachträglich ganz oder teilweise erstattet, wenn Schüler mindestens zwei bis vier Kilometer von der Schule entfernt wohnen oder einen gefährlichen Schulweg haben.

Der Preis eines Einzelfahrscheins für Kinder lag in den untersuchten Städten zwischen 1,10 Euro in Schwerin und zwei Euro in Saarbrücken. Laut Testberichte.de gilt dieser Tarif in den meisten Städten für Kinder von 6 bis 14 Jahren (in Kassel bis 17 Jahren; in Dresden, Chemnitz und Leipzig ab der Einschulung).

Hunde fahren in der Hälfte der untersuchten Städte kostenlos mit, andernorts werden für die Vierbeiner zusätzlich 1,30 Euro (Hannover, Stuttgart) bis zwei Euro (Dresden, Saarbrücken) fällig. Fahrräder dürfen dagegen nur in Chemnitz, Frankfurt, Kassel, Mainz und Wiesbaden grundsätzlich ohne zusätzliches Ticket mitgenommen werden.

Anmerkung: In einer früheren Version war der Preis für eine Schüler-Monatskarte in Aachen zu hoch angegeben. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

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insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
tocht 02.12.2019
1. Jetzt bitte nochmal...
... Preise der Tickets zu der Fläche in Verbindung setzen, die man damit erreichen kann. Dann sieht es etwas anderes aus für HH.
syracusa 02.12.2019
2. unzulängliche Datenerhebung
Beim Vergleich der Kosten für ÖPNV-Tickets fehlt eine IMO ganz wesentliche Datengrundlage: die mittlere Länge der Fahrstrecke. In Kassel liegen in der Innenstadt die Haltestellen oft nur gerade mal hundert Meter auseinander. Das 4 Haltestellen weit gültige Kurzstreckenticket ist dort weitgehend sinnfrei. Schon Eltern mit nur einem Kind fahren dort billiger mit dem Taxi zum Bahnhof als mit dem ÖPNV.
antonwitt 02.12.2019
3. Hamburg
Tja, und da wundert man sich immer noch, warum Hamburg zur Stauhauptstadt wird (nicht nur wegen der Dauerbaustellen und dem mangelnden Verkehrskonzept). Tarifdschungel beim HVV, Verspätungen bei S-Bahnen (eben Bahn und nicht bei der U-Bahn), Buslinien die auf Grund der Baustellen im Nichts enden. Diese Stellung ist in Hamburg allerdings teuer erkauft..... (Ironie Ende)
andlu 02.12.2019
4.
Schon witzig, dass Köln mit einem der schlechtesten ÖPNV aller Großstädte gleichzeitig auch die mit teuersten Preise hat. Wobei es natürlich kein Geheimnis ist, dass dort etwas gewaltig schief läuft.
rocketsquirrel 02.12.2019
5. Macht Sinn...
...den Preis von Kleinststädten wie Schwerin und Potsdam mit Metropolen zu vergleichen. Nicht. Man müsste also nicht nur die Fläche dem Preis gegenüberstellen, sondern auch den Grad dessen, wieviel ÖPNV bereit gestellt wird. Dennoch denke ich, dass -obwohl der komplette ÖPNV ein Minusgeschäft ist- dass die Preise zu hoch sind. Besonders deutlich wird dies, wenn man beispielsweise über die Grenzen eines Tarifgebietes hinaus pendelt und sich dann die Fahrt mit einem KFZ plötzlich erstaunlich rentabel erscheint. So kostet beispielsweise das Monatsticket für 30 min Regionalbahn von Haan (Rheinland) nach Köln HBF über 230 Euro im Monat...
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