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Sicherheitstechnik in der S-Klasse: Das emanzipierte Auto

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Sicherheitstechnik Die vielen Augen der neuen S-Klasse

Wer noch zweifelt, dass Autos bald allein fahren, sollte einen Blick auf die neue S-Klasse werfen. Dort übernehmen zahlreiche Kameras, Sensoren und Computer im Notfall oder im Stau die Kontrolle. Was unheimlich klingt, ist zum Vorteil aller - denn das Auto kann viel mehr als der beste Fahrer.

Was ist automobiler Fortschritt? Parfümierte Innenraumluft oder beheizte Armlehnen sicher nicht, obwohl Mercedes auch das als Innovationen der soeben vorgestellten S-Klasse hervorhebt.

Die S-Klasse von Mercedes - sie ist ein deutscher Mythos. Geliebt von den einen, verhasst bei den anderen. Vor allem aber war sie jahrzehntelang ein Technologieträger, die Speerspitze der Sicherheitstechnik, mit der wegweisende Innovationen wie ABS oder der Airbag erstmals in den Automarkt injiziert wurden.

Doch dieser Nimbus war zwischenzeitlich verflogen, vor allem durch die S-Klasse der Generation W 220 aus der Ära des Ex-Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Der hatte auf dem Weg zum Daimler-Chrysler-Weltkonzern mit maximaler Rendite sämtliche Qualitätsansprüche und Mercedes-typischen Ideale geopfert und die Marke mehr oder weniger entkernt. Auch die S-Klasse blieb davon nicht verschont.

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Mercedes-Flaggschiff: So sieht die neue S-Klasse aus

Foto: Jürgen Pander

Umso kritischer lag der Blick bei der Weltpremiere in Hamburg am Mittwochabend auf der neuen S-Klasse. Würde sie, wie früher, wieder voranfahren beim Thema Sicherheit? Vieles deutet darauf hin, auch wenn sich ein abschließendes Urteil erst nach ausgiebigen Testfahrten fällen lässt.

Endlich wieder vorn?

Bestätigen sich die vollmundigen Ankündigungen, sind die Neuheiten der neuen Luxuslimousine weitaus komplexer - und sehr viel folgenreicher für die gesamte Autoindustrie als ein flüchtiger Geruch aus der Beduftungsanlage. "Mit der neuen S-Klasse hat Mercedes wieder die Vorreiterrolle in den Bereichen unfallfreies und autonomes Fahren übernommen", sagt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Bergisch Gladbach. "Und das ist einer der zentralen Zukunftsbereiche der gesamten Branche."

An der intelligenten Vernetzung von Kameras, Sensoren und Steuergeräten im Auto arbeiten natürlich alle Hersteller. Und viele der Systeme, die in der neuen S-Klasse angeboten werden - Spurhalteassistent, Nachtsichtassistent, Notbremsassistent - gibt es so oder so ähnlich auch in den Konkurrenzmodellen Audi A8 und BMW 7er. Dennoch fährt der Mercedes dank einiger neuer Ideen nun erst einmal der Konkurrenz voraus.

"Ein zentrales Bauteil dabei ist sicher die Stereokamera, die derzeit nur wir in der S- und E-Klasse anbieten", sagt Mercedes-Entwicklungsvorstand Thomas Weber. Die Stereokamera stammt vom Zulieferer Continental. Sie besteht aus zwei Kameras, die im Abstand von 20 Zentimetern hinter der Windschutzscheibe im Bereich des Innenspiegels nach vorne blicken. Der Vorteil: Während sich aus dem Bild einer einzelnen Kamera Distanzen zu erkannten Objekten lediglich schätzen lassen, können aus den Daten zweier Kameras präzise Daten ermittelt werden.

Die vielen Augen der neuen S-Klasse

Auch Bewegungen in allen drei Achsen (horizontal, vertikal, longitudinal) bemerkt die Elektronik. "Selbst Kinder, querende Radfahrer oder Rollstuhlfahrer können, was bislang noch nicht möglich war, mit der Stereokamera erkannt werden", sagt Wilfried Mehr, Leiter Business Development Fahrerassistenzsysteme bei Continental. Die beiden elektronischen Augen sind Teil des Fahrerassistenz-Pakets Plus, das für einen Aufpreis von 2677,50 Euro erhältlich ist.

Der Erkenntnisgewinn durch die Stereokamera wird allerdings erst durch die Verknüpfung mit den anderen Assistenz- und Sicherheitssystemen zu einem echten Forschritt. Etwa durch die Anbindung an den Bremsassistenten. "Dadurch kann die S-Klasse schneller reagieren und notfalls früher bremsen als ein Mensch", sagt Mercedes-Chef Dieter Zetsche. "Das sind Bruchteile von Sekunden, und wir alle wissen: Solche Bruchteile retten Leben - und nicht nur das der Menschen in der S-Klasse."

Weil mit Hilfe der Stereokamera nun auch der Querverkehr zum Beispiel an Kreuzungen präzise erfasst werden kann, wird in dieser unfallträchtigen Zone das Risiko einer Kollision vermindert. Sobald das System eine kritische Situation erkennt, wird der Fahrer durch ein optisches und akustisches Warnsignal zur Notbremsung aufgefordert. Reagiert er zu zögerlich oder bremst er zu zaghaft, greift der Bremsassistent automatisch ein. Laut Mercedes-Unfallforschern hat das neue System das Potential, mehr als ein Viertel aller Kreuzungsunfälle mit Personenschaden zu vermeiden.

Die Ära des selbstfahrenden Autos beginnt - jetzt

Mehr Sicherheit, das ist das eine. Zugleich eröffnen immer neue Verknüpfungen der elektronischen Bordsysteme auch die Möglichkeit, dass das Auto mehr und mehr selbst das Fahren übernimmt. "Die neue S-Klasse markiert den Beginn der Ära des teilautonomen Fahrens", sagt Zetsche, und beruhigt sogleich alle, die jetzt laut "Bevormundung" rufen möchten. "Um Missverständnissen vorzubeugen: Den coolen Teil des Autofahrens werden wir niemals automatisieren - egal ob Landstraße oder Nordschleife. Den uncoolen Teil aber schon. Beim Skifahren ist ja auch die Abfahrt das Erlebnis, und nicht das Schlangestehen am Lift."

Auf den Verkehrsalltag übertragen: Stop-and-Go-Fahrerei nervt. Deshalb beherrscht die neue S-Klasse das "teilautonome Staufolgefahren". Dank Radarsensoren und der Stereokamera fährt der Wagen im Stau - also bis 60 km/h - dem vorausfahrenden Fahrzeug hinterher, bremst, beschleunigt, hält den vom Fahrer eingestellten Abstand ein und lenkt dabei auch noch selbständig, um in der Mitte der Spur zu bleiben.

Das kann die Konkurrenz so noch nicht: Der Audi A8 hält lediglich einen definierten Abstand zum Vorausfahrenden ein, falls nötig bis zum vollständigen Stillstand; ähnlich funktioniert die Stop-and-Go-Funktion des BMW 7ers. Steht das Auto jedoch länger als drei Sekunden still, muss der Fahrer aufs Gaspedal treten, damit der Wagen weiterrollt. Und selbsttätig lenken können beide bayerischen Wettbewerber noch nicht.

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Mercedes S-Klasse: Die Baureihen im Überblick

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Die nächsten Fortschritte in Richtung sicheres und autonomes Fahren werden dann die Konkurrenten Audi und BMW markieren. Denn im ewigen Wettrüsten ist die Pole-Position nur so lange sicher, bis ein Kontrahent mit einem neuen Auto kommt. Die Ingenieure bei der Konkurrenz arbeiten bereits an den nächsten Generationen der jeweiligen Oberklasse-Baureihe. Was die dann können, wird man in einigen Jahren sehen. Der nächste BMW 7er wird wohl 2015 debütieren, der nächste Audi A8 2017.

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