ICCT-Studie Diesel-Pkw stoßen teils mehr Stickoxide aus als Lkw

Die Umweltschützer des ICCT haben einst die VW-Affäre ins Rollen gebracht. Jetzt lösen sie mit einer neuen Studie Besorgnisse aus: Danach sind moderne Dieselautos sogar schmutziger als Lkw.

Lkw vs. Pkw: Beim NOx vertauschte Rollen
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Lkw vs. Pkw: Beim NOx vertauschte Rollen


Das ICCT, das den Abgasskandal bei VW mit aufgedeckt hat, geht mit einer alarmierenden Studie an die Öffentlichkeit: Danach stoßen aktuelle Diesel-Pkw mehr als doppelt so viel giftige Stickoxide (NOx) aus wie Laster oder Busse - selbst in der modernsten Schadstoffklasse Euro 6.

Wie die Umweltwissenschaftler am Freitag berichteten, ergaben Daten des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) sowie aus Finnland für Euro-6-Personenwagen mit Dieselmotor im realen Straßenbetrieb einen NOx-Ausstoß von 480 bis 560 Milligramm pro gefahrenem Kilometer. Bei Nutzfahrzeugen waren es dagegen nur 210 Milligramm je Kilometer.

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So haben die Wissenschaftler beispielsweise die mit portablen Abgasmessanlagen (PEMS) erhobenen Daten eines Mercedes-Benz-Actros-Lkw mit denen einer normalen Mercedes-Benz-Limousine C 220 BlueTec 2.1l verglichen. Obwohl der Lastwagen mit einem Gesamtgewicht von 28 Tonnen mehr als zehnmal so schwer ist wie der Pkw, stieß er durchschnittlich nur 158,5 mg Stickoxide pro Kilometer aus. Der NOx-Ausstoß des Pkw ist deutlich höher, und zwar bis zu 400 mg pro Kilometer.

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Das ICCT sieht in den Ergebnissen einen weiteren Beleg dafür, dass Abgastests im Labor rasch durch Messungen im echten Verkehr ergänzt werden müssen. Solche sogenannten RDE-Tests ("Real Driving Emissions") sollen in der EU ab September schrittweise eingeführt werden. Bei Lkw sind sie schon lange Pflicht, Prüffahrten allein im Labor reichen für eine Typgenehmigung von Lkw nicht aus. Die Studie gibt all jenen recht, die auch für Pkw strengere Kontrollen und vor allem Messungen mit PEMS im Realbetrieb fordern. Die Industrie sträubte sich gegen eine zügige Einführung strenger Realgrenzwerte.

Meinungskompass

Die Forscher betonten, dass bei einer besseren Vergleichbarkeit der Daten zwischen Pkw und Nutzfahrzeugen - mit Einschluss der höheren Lastanforderungen für Lkw und Busse - sogar noch größere Abweichungen entstünden.

Dann lägen die NOx-Emissionen der betrachteten Diesel-Pkw "sogar um einen Faktor zehn höher als die vergleichbaren Werte für Nutzfahrzeuge", sagte ICCT-Studienautorin Rachel Muncrief. Bei Lastern und Bussen seien bereits seit 2013 mobile Messgeräte Pflicht - daher die gegenüber den oft präparierten Labor-Pkw besseren Daten.

ssu/mhe/dpa-AFX

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felisconcolor 06.01.2017
1. Baut
wieder anständige Automotoren mit Vergasern und Abgasrückführung. Runter mit den Verdichtungsdrücken und Verbrennungstemperaturen, dafür mal wieder anständigen Hubraum. (gilt auch für Dieselmotore entsprechend) Der Verbrauch wird sich bei sauber eingestellten Vergasern nicht signifikant ändern. Kohlenwasserstoffe und erst Recht NOx sind kein Thema. Ja es gibt etwas mehr CO2, aber irgendwas ist ja immer. Aber solche Motore haben nie jemanden umgebracht. (btw. die heutigen allerdings auch nicht)
hansfrans79 06.01.2017
2. Autofahren
Das Autofahren sollte generell viel stärker überwacht und eingeschränkt werden. Angesichts der Umweltbelastung und tausender Verkehrstoter ist der Vergleich mit einem Weltkrieg durchaus naheliegend. Leider ist das Auto gerade in Deutschland heil'ges Blechle, wie man an dem Gegacker sieht, wenn nur mal belegt sinnvolle Änderungen wie Tempo 30 innerorts ins Gespräch gebracht werden. Was dem Ami seine Wumme ist dem Deutschen seine Karre.
DerNachfrager 06.01.2017
3. Für eine PEMS-Messung muss das zu prüfende Fahrzeug...
...das gesamte Abgaslabor mit sich herumschleppen. Bei LKW war das kein Problem. Aber die ersten PEMS-Ausrüstungen die in einen normalen Kofferraum passen (inklusive Stromversorgung, denn eine Versorgung über das Fahrzeug würde die Ergebnisse verfälschen) sind erst seit anderthalb Jahren verfügbar. Die Industrie hat sich nicht gesträubt; es war schlicht nicht möglich.
Prinz Valium 06.01.2017
4. Also der 1,6l tdci Fiesta
mit 90 PS meiner Frau, der echte gemessene 4,9l / 100km Diesel verbrennt, ist also umweltschädlicher als der 7,5 Tonner mit > 30l Verbrauch? Echt jetzt?
dasistdasende 06.01.2017
5. Totalversagen
Totalversagen der Autoindustrie, Politik und Kontrollinstanzen wie TÜV etc. . Schwer zu glauben das da kein System hintergesteckt hat. Viele bunt bedruckte Papierchen und gut bezahlte Pöstchen werden wohl über die Jahre Ihren Besitzer gewechselt haben.
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