Umrüstung von Dieselmotoren "Aufwendig und mit hohen Kosten verbunden"

Wer mit seinem alten Dieselauto kein Fahrverbot riskieren möchte, kann den Motor umrüsten lassen. Hersteller und Lobbyverbände raten davon ab - doch Umweltschützer halten dagegen.

Diesel-Motor von VW (Symbolbild)
DPA

Diesel-Motor von VW (Symbolbild)


Stuttgart macht es vor, andere Städte könnten bald nachziehen: Ab 2018 bleiben einige Bereiche für Dieselautos ohne Abgasnorm 6 unter bestimmten Umständen gesperrt. Wer einen Wagen mit Abgasnorm 5 fährt - was laut einer Schätzung des Autoverbands VDA bei rund 70 Prozent der Fahrzeugbesitzer der Fall ist - steht dann vor der Entscheidung: Draußen bleiben, ein neues Auto kaufen oder das alte umrüsten lassen.

Ob letztere Möglichkeit sinnvoll ist, ist umstritten.

Zum Hintergrund: Bis zum Sommer 2015 wurden noch Euro-5-Autos als Neuwagen verkauft. Ihr Grenzwert für Stickoxide (NOx) liegt mit 180 Milligramm pro Kilometer deutlich über dem von Euro-6-Autos (80 Milligramm pro Kilometer). Seit September 2015 müssen neu zugelassene Dieselautos in Deutschland die Euro-6-Norm erfüllen. Die neue Ausstattung reduziert die Emission von Schadstoffen vor allem mit Harnstoff - dadurch wird das gefährliche Stickoxid zu harmlosem Dampf. Hierbei nutzen die Hersteller das sogenannte SCR-System (Selective Catalytic Reduction), bei dem ein Katalysator und ein Tank für Harnstoff (AdBlue) installiert werden.

"Eine komplette Nachrüstung von Euro 5 auf Euro 6 wäre sehr komplex und würde umfangreiche und tiefe Eingriffe in die Motorsteuerung und Abgasanlage erfordern", teilt der Verband der Automobilindustrie (VDA) nun mit. Eine solche Nachrüstung von Gebrauchtwagen wäre "technisch sehr aufwendig und mit hohen Kosten verbunden".

Axel Friedrich ist jedoch anderer Ansicht, der Umweltexperte hält die Nachrüstung für praktikabel: Zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat er testweise den Umbau eines VW Passats von Euro 5 auf Euro 6 betreut und das Ergebnis gemessen. Dabei reduzierte sich der Stickoxidausstoß seinen Angaben zufolge von 1000 Milligramm pro Kilometer auf 55 Milligramm pro Kilometer. Bei Materialkosten von etwa 850 Euro schätzt Friedrich den Gesamtaufwand für eine Umrüstung auf etwa 1500 Euro. Durch mögliche Steuervorteile könne man den Umbau für den Kunden noch günstiger gestalten.

Autohersteller: "Nicht praktikabel" und "keine wirtschaftliche Lösung"

Branchenvertreter sehen beim nachträglichen Einbau des Systems vor allem Platzprobleme: "Das ist insbesondere bei kleineren Fahrzeugen aufgrund des geringen Bauraums kaum möglich", erklärt der VDA.

  • Daimler teilte mit, dass eine Umrüstung "in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht nicht sinnvoll" sei. Solch ein Eingriff würde eine Neuzertifizierung der Fahrzeuge bei den Behörden voraussetzen. "Aus unserer Sicht ist dies für den Kunden keine praktikable Lösung und somit nicht zu empfehlen."
  • Für Audi ist ein Eingriff in den Motor, um die strengen Euro-6-Vorgaben zu erfüllen, "keine Option": "Wegen des technischen Aufwands und der entsprechenden Hürden für eine Nachrüstung ist das keine wirtschaftliche Lösung", sagte ein Sprecher.
  • Ein klares Nein kam von Porsche. "Eine Umrüstung ist schon vom baulichen Aufwand her nicht praktikabel", sagte ein Sprecher. Opel wollte sich nicht äußern.

Zu möglichen Preisen eines aufwendigen Eingriffs machten die Firmen keine Angaben. Dass es im Interesse der Konzerne liegt, wenn Kunden jetzt neue Autos kaufen, anstatt die alten umrüsten zu lassen, versteht sich allerdings von selbst.

Immerhin: Nicht alle Branchenvertreter wollten es komplett ausschließen, dass ein Euro-5-Auto in der Werkstatt auf das Euro-6-Level gebracht wird und Fahrverbote somit nicht gelten. "Nachrüstlösungen" seien im Einzelfall zu prüfen und könnten nicht pauschal über die Fahrzeugmodelle und -motoren bescheinigt werden, sagte ein BMW-Sprecher. Eine Nachrüstung der Systeme mit AdBlue-Tank sei jedoch "auch bei hohem finanziellem Aufwand aufgrund bestehender Einschränkungen durch die Fahrzeugarchitektur grundsätzlich nicht umsetzbar". Reine Softwaremaßnahmen wiederum wären nicht zielführend, da diese keine ausreichende Senkung von Stickoxiden böten.

Momentan steht nur eines fest: Besitzer von Dieselfahrzeugen mit Euro 5 geraten in die Zwickmühle, wenn weitere Fahrverbote kommen. Wollen sie weiterhin mit dem Auto in sämtliche Stadtbereiche gelangen, müssen sie sich einen neuen Wagen leisten; ihren Gebrauchten müssen sie dann aber erst einmal für einen vertretbaren Preis loskriegen. Doch dass Dieselautos generell an Wert verlieren, zeichnet sich bereits jetzt ab.

Umrüstungen von Dieselautos werden übrigens schon jetzt im ganz großen Stil vorgenommen, allerdings auf Druck der Behörden: VW zum Beispiel werkelt derzeit an 2,4 Millionen Fahrzeugen, von anderen Herstellern kommen etwa 630.000 weitere hinzu. Es geht dabei aber nicht um einen generellen Umbau von Euro 5 auf Euro 6 - sondern darum, Dieselmotoren im Zuge der Abgasaffäre von einer Betrugssoftware und anderen fragwürdigen Programmierungen zu befreien.

Anm. der Red: In einer früheren Version des Artikels wurde fälschlicherweise das Kürzel DUH mit "Deutsche Umweltbehörde" statt "Deutsche Umwelthilfe" ausgeführt. Zudem hieß es, bei VW würden Euro-6-Motoren statt Euro-5-Motoren umgerüstet. Wir haben die Fehler inzwischen korrigiert.

aev/Roland Böhm und Wolf von Dewitz, dpa



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