Discount-Auto Nano Rar wie ein Rolls-Royce

Es soll das neue Auto der Massen sein, aber zur Premierenfeier kamen nur VIPs: Mit einer opulenten Champagnerfeier hat Tata den Verkauf seines Billigstwägelchens Nano gestartet. Schon jetzt sind 200.000 Exemplare geordert - dabei kann der Hersteller im laufenden Jahr nur ein paar tausend liefern.

Von Volker Müller, Neu Delhi


Neu Delhi/Mumbai - Die Champagnerfeier zum Verkaufsstart fiel pompös aus. Für geschätzte 300.000 Euro hatte sich Tata Motors im Parsi Gymkhana eingemietet - einem Sportgelände mit imposantem Blick über die Back Bay am Südzipfel Mumbais. Mehr als 350 Polizisten und private Sicherheitsleute schützten den Event. Einlass wurde nur handverlesenen Gästen gewährt - ein merkwürdiger Kontrast zur eher bodenständigen Zielgruppe, die das Billigauto kaufen soll.

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Nano-Premiere in Mumbai: Kleiner Wagen, große Show
"Der Nano kündet vom Willen, konventionelle Grenzen zu sprengen", pries Ratan Tata die Leistung des gleichnamigen Weltkonzerns, an dessen Spitze er seit 1991 steht. Die Aufmerksamkeit der Welt ist ihm sicher: Der Tata Nano ist das billigste in Serie gefertigte Auto der Welt. Es soll, so die Hoffnung des 71-jährigen Firmenpatriarchen, die Welt revolutionieren, Millionen bislang Unterprivilegierter Mobilität schenken, den Wohlstand ganzer Landstriche erhöhen - und natürlich ihm selbst ungeahnte Profite bescheren.

Den versprochenen Verkaufspreis von gerade einmal 100.000 Rupien, etwa 1450 Euro, wird Tata zwar formal halten können. Dazu haben auch gesunkene Rohstoffpreise beigetragen. Inklusive Steuern kostet die Einstiegsvariante jedoch 130.000 Rupien, das mit Klimaanlage und Nebellampen gelieferte Top-Modell LX sogar 180.000 Rupien. Damit rückt der Nano in die Nähe des zweitbilligsten Autos auf dem indischen Markt, dem Maruti-Suzuki 800. Die nunmehr gut 25 Jahre alte Einfach-Konstruktion ist als Basismodell für 185.000 Rupien zu haben. Analysten schätzen die Gewinnmarge des Nano, unter dessen Haube zahlreiche Technik von Bosch und ZF Friedrichshafen werkelt, auf weniger als 5 Prozent.

Ein Auto für ländliche Regionen

Autoexperten bezweifeln, dass der Nano massenhaft die Straßen der Großstädte Indien prägen wird. "In kleineren Städten und auf dem Land wird er aber seinen Erfolg finden", urteilt der Autojournalist Tathagata Bhattacharya. Das dürfte als Markt reichen: 74 Prozent der 1,2 Milliarden Inder leben in Dörfern mit weniger als 5000 Einwohnern. Dafür hat Tata Motors in den vergangenen Wochen bereits mit 15 einheimischen Banken Sonderfinanzierungen für den Nano vereinbart. Die sind auch nötig: Das jährliche Durchschnittseinkommen betrug im Jahr 2007 gerade einmal 33.800 Rupien - ein Viertel des Nano-Kaufpreises.

Bereits vor zehn Jahren hatte Tata Motors in Indien mit dem Indica einen Überraschungserfolg gefeiert. Von ihm sind inzwischen mehr als 900.000 Exemplare verkauft worden. Das erste in seinen Genen durch und durch indische Auto sollte die "Ausmaße des Kleinwagens Zen, die Innenmaße des Fünfziger-Jahre-Schlachtschiffs Ambassador, den Preis des Billigautos Maruti 800 und als Benziner die Betriebskosten eines Dieselfahrzeugs haben", formulierte Tata Anfang der neunziger Jahre den Anspruch an die Entwicklungsingenieure. Allein mit dem Indica erkämpfte sich der Tata-Konzern, der zuvor nur Lastwagen und Busse jeder Größe gebaut hatte, etwa 15 Prozent Pkw-Marktanteil.

Ein Zulassungsschlager wird der Tata Nano in seinem ersten Lebensjahr dennoch nicht: Tata fehlen die Produktionskapazitäten. 2009 wird der Autobauer kaum mehr als 3000 Exemplare herstellen können. Die Fahrzeuge laufen in den Werken in Pune und Pant Nagar quasi in Handarbeit aus den Hallen. Dabei rechnen Branchenkenner mit einer Nachfrage von bis zu 20.000 Wagen pro Monat.

Schuld ist der Streit um den Bau des Nano-Werks im westbengalischen Singur. Für die Fabrik waren 2006 zahlreiche Bauern von der kommunistisch geführten Landesregierung enteignet worden. Dieses hatte zu massiven Protesten und einer Kampagne der Opposition geführt. Die Protestierer beklagten zu niedrige Entschädigungszahlungen aufgrund unzulänglicher Gesetze. Mehrfach wurden Hallen und Maschinen beschädigt, mehrfach Bauarbeiter und Wachpersonal verletzt. Am Ende griff Ratan Tata persönlich ein und verfügte den Umzug nach Sanand im westindischen Gujarat. Das neue Werk mit seiner Kapazität von 250.000 Einheiten pro Jahr wird jedoch nicht vor Ende 2010 seinen Betrieb aufnehmen.

Angst vor der Ökokatastrophe

Umweltschützer sehen dem Produktionsstart des Nano derweil mit Schaudern entgegen. "Ein Billigauto ist nicht die Transport-Option für ein Land mit mehr als einer Milliarde Menschen", so der Inder Rajendra Kumar Pachauri, Chef des Weltklimarats. So wenig ein einzelner Nano auch verbrauche, so umfassend werde eine Flotte der Kleinwagen die Luft verpesten. Ratan Tata hat dem stets entgegengehalten, der Wagen belaste die Umwelt weniger als ein Motorrad, das den Indern bislang als Auto-Alternative dient.

Die europäische Version des Nano, erst vor wenigen Wochen auf dem Autosalon in Genf präsentiert, wird nicht vor 2011 auf den Markt kommen. Kostenpunkt: etwa 5000 Euro. So lange wird es auch dauern, bis Tata den Nano mit Dieselmotor oder dem in Indien populären Flüssiggas anbieten kann. Ob auch eine Elektro- oder Hybridversion erscheint, ist dagegen noch unklar. Die Inder selbst können vom 9. April an die Erstausgabe bei ihren Händlern begutachten. Bis sie jedoch ihren Nano geliefert bekommen, dürfte angesichts von fast 200.000 Vorbestellungen bis zu ein Jahr vergehen.

Hintergrund: Tata Nano
Technische Daten
AFP
Der Nano wird mit einem 33 PS starken 623-Kubikzentimeter-Zweizylindermotor angetrieben, der im Heck untergebracht ist. Die dreitürige Basisversion ist 3,10 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,60 Meter hoch. In Europa soll der Wagen ein Dreizylinder-Aggregat erhalten.
Preis
Mit rund 1700 Euro kostet der Nano die Hälfte des bislang weltweit billigsten Modells. Der QQ3 des chinesischen Herstellers Chery wird bei den Autohändlern in der Volksrepublik für rund 3400 Euro angeboten. Der Nano soll im März 2009 in den Verkaufsräumen der indischen Händler stehen. Experten erwarten, dass der Viersitzer weltweit in vielen Schwellenländern Käufer finden wird. In Europa wird es das Fahrzeug vermutlich ab 2012 geben - für rund 5000 Euro.
Sicherheit
Der Nano hat eine Metallkarosserie und serienmäßig Sicherheitsvorkehrungen wie Knautschzone, verstärkte Türen und Sicherheitsgurte. Er erfüllt nach Herstellerangaben die indischen Sicherheitsstandards. Die Europa-Version erhält Airbags und ein NCAP-Crashtest-Rating.
Umweltschutz
Durch die Verarbeitung von Kunststoffen ist das Auto leicht und verbraucht weniger als vier Liter Benzin auf 100 Kilometer. Das entspräche CO2-Emissionen von 94,8 g/km. Umweltschützer befürchten aber, dass durch hohe Verkaufszahlen der sparsame Verbrauch relativiert wird. Dem Chef des Weltklimarats, Rajendra Pachauri, bereitet der Kleinwagen nach eigenen Worten "Alpträume".



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akademik 11.01.2008
1.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Was ich an dem Auto nicht verstehe ist, dass es bei einem 33-PS-Motor glatte 5 Liter verbraucht und das bei dem leichten Gewicht.
Moewi 11.01.2008
2.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Lieber sysop! Ich weiss nicht, ob ich angesichts einer solchen Frage lachen lachen oder weinen soll. Die PÖHSEN Asiaten! Wollen doch tatsächlich Autofahren - wo kommen wir denn da hin? DAs sollen die mal schön lassen - sind ja auch viel zu viele! Ausserdem sieht es viel mehr nach Urlaub aus, wenn "die" auf Fahrrädern oder Kutschen unterwegs sind. [/ironie] Solange "wir" Westler auf unseren Messen nichts besseres auf unseren Messen ausstellen können, als das hier (http://de.cars.yahoo.com/automesse/detroit-motorshow/) sollten wir klimaproblematisch den Rand halten und ganz ganz kleine Brötchen backen. Ach - da ist ja ein Hybridwagen als Feigenblatt dabei... Nett anzuschauen diese SUV-Monster. Aber nur, wenn man wenig Grips hat und sich um Energieerhaltungssätze einen Dreck schert. Immerhin will eine ruhende träge Masse stehenbleiben - und eine grosse träge Masse entsprechend nachdrücklicher. Aber wenn der Fahrer will, muss sie sprinten - die Masse. Und das ist doch der letzte Schrei oder? Geländewagen die auch Sportautos sind. Mein Verstand flüstert mir zwar, dass das zwei physikalisch völlig unterschiedliche Welten sind, die nichts miteinenaderzu tun haben - aber wer bin ICH schon... Auch das "kleine" Einser-Cabrio - 300 PS: GEIL! Mein Gott: so potent konnte man schon lange nicht mehr durch die Tempolimits der Welt cruisen. Quasi ein MUSS auf dem grössten Automarkt der Welt: Nordamerika/Europa. Ach so, die Asiaten sind ja unser Problem, tschulligung - hab ich vergessen... Neenee, DIE dürfen das nicht. Und schon gar nicht so ein billiges Teil. Sind ja viel zu viele, die machen unser Klima kaputt. Öhm - Nebenbemerkung: Die grössten CO2-Schleudern sind DEUTSCHE Braunkohlekraftwerke. Da predigt man der Welt jahrzehntelang westlichen Lebensstil und wenn die Werbung fruchtet herrscht blankes Entsetzen. Gut, dass wir den Teufel in Gestalt eines asiatischen Automobils ausgemacht haben! - Halleluja dann ist UNSER Verbrauch (http://www.bpb.de/wissen/L5CN0Z,,0,Verbrauch_von_Prim%E4renergie_nach_Regionen.html) (bitte in Relation zur Bevölkerungszahl setzen!) ja nicht mehr der Rede wert. Herr, schmeiss Hirn vom Himmel...
Albedo4k8, 11.01.2008
3.
Zitat von sysopFür viele Asiaten ist es ein Traum, der Chef des Weltklimarats spricht von einem Alptraum: Das indische Billigauto Tata Nano wird, den CO2-Ausstoß Indiens erhöhen. Wird der Kleinwagen zum Desaster für den Klimaschutz?
Eher zum Megaflop selbst wenn der Kaufpreis fuer europaische Verhaeltnise extrem guenstig aussieht mit dem Antriebskonzept ist relativ schnell Ende angesagt spaestens an der leeren Zapfsaeule in Indien.
Horst Ziegler, 11.01.2008
4. Autos für alle - weltweit ?
Wenn die Bürger in aller Welt Autos fahren, dann bricht unsere Ökosphäre zusammen. Wenn wir aber bestimmten Ländern vorschreiben wollten, welche Verkehrsmethoden sie umsetzen sollten, dann würde den westlichen Gesellschaften ÖKO-Imperialismus vorgeworfen. Der Indische Volkswagen kommt. Das Nanodesaster auch. Die Antwort darauf wäre eine bevölkerungspolitische. Rückführung des Einwohnerbestandes von 1 Mrd. auf 0,5 Mrd wäre die Ultima Ratio. Alles anderes wären graduelle Maßnahmen, die das Desaster nur "optimieren".
Günther_Glamsch 11.01.2008
5.
Wer hier von Deutschland aus Menschen in Indien vorschreiben will, was sie ökologisch zu tun und zu lassen haben, gehört meiner Meinung nach in die Geschlossene eingewiesen. Die Welt geht irgendwann sowieso unter. Ob mit oder ohne "Nano".
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