Tuning auf bis zu 75 km/h Frisierte E-Bikes alarmieren Fahrradbranche

Elektrofahrräder boomen, doch vielen Fahrern sind sie zu langsam. Deshalb tunen sie ihre E-Bikes mit simplem Zubehör aus dem Internet. Das ist illegal - Hersteller fürchten Sanktionen, die alle Pedelec-Fahrer treffen.
Fahrradkurier auf Elektrofahrrad (Symbolbild): Tuning ist das große Ding

Fahrradkurier auf Elektrofahrrad (Symbolbild): Tuning ist das große Ding

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E-Bike-Tuning ist bei Bosch ein delikates Thema. Von "Dringlichkeit" redet eine Unternehmenssprecherin.

Im Stuttgarter Konzern fürchten viele, dass frisierte Elektroräder das Image der Gefährte verschlechtern. "Wir wollen vermeiden, dass wegen einiger schwarzer Schafe womöglich jeder Pedelec-Fahrer mit Sanktionen belegt wird", sagt der Leiter von Boschs Elektroradsparte E-Bike-Systems, Claus Fleischer.

Elektroräder zu manipulieren ist ziemlich einfach. Diesen Eindruck gewinnt, wer ein bisschen im Internet sucht. Dort geben sich Fahrer Tipps und tauschen sich in Foren über Gefahren aus. Eine ganze Reihe an Shops bieten technische Lösungen an, die E-Räder flotter machen. Diese kleinen elektronischen Bauteile zum Anstecken ("Dongels" oder "Clips") sind für 70 bis 180 Euro zu haben.

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Pedelecs, meist einfach E-Bikes genannt, unterstützen den Fahrer normalerweise bis zu einer Geschwindigkeit von rund 25 km/h. Doch manchen Radlern genügt das nicht: Statt sich ein teureres, aber versicherungs- wie fahrerlaubnispflichtiges S-Pedelec mit Tretunterstützung bis 45 km/h zu kaufen, gehen sie einen einfacheren Weg.

"Es ist total simpel", sagt Martin Doppelbauer, E-Bike-Experte und Professor für Hybridelektrische Fahrzeuge am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), über die Manipulation mittels spezieller Tuning-Kits. "Das sind meist kleine Kästchen mit einer einfachen elektrischen Schaltung, die man zwischen Motor und Magnet einbaut. Dabei wird jeder zweite Impuls unterdrückt, die Motorsteuerung denkt, das Rad fährt 25, dabei sind es 50 km/h." Auch eine Verdreifachung des Tempos auf 75 km/h sei möglich.

Die dafür nötigen Reserven haben E-Bike-Motoren. Ihre Nenndauerleistung ist zwar auf durchschnittliche 250 Watt begrenzt, sie dürfen aber kurzzeitig mehr auf die Welle bringen.

Kontrollen sind weitgehend zwecklos

Niemand hat gezählt, wie viele der laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) rund 4,2 Millionen E-Bikes in Deutschland mit frisiertem Gerät unterwegs sind. Laut der Berliner Polizei ist es schwierig, äußerlich unsichtbare Softwaremanipulationen zu erkennen. Und wer identifiziert schon Tuner inmitten all der Radler in Innenstädten? So erwischte die Polizei Berlin 2017 nur drei Radler mit manipuliertem E-Rad, 2018 waren es bis zum Herbst fünf. Sprecher Carsten Müller geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus. In Medienberichten ist mitunter davon die Rede, dass jedes dritte E-Bike manipuliert sei .

"Strafrechtlich verfolgt wird nur der Anwender"

Wer tretunterstützt mit mehr als 25 km/h unterwegs ist, begeht unter Umständen mehrere Verstöße, nämlich:

  • Fahren ohne Lizenz - bis 45 km/h benötigt man eine Fahrerlaubnis für Kleinkrafträder der Klasse M, sofern man keinen Pkw-Führerschein besitzt
  • Fahren ohne Helm - der ist wie beim Moped vorgeschrieben
  • Fahren ohne Versicherung, der womöglich schwerwiegendste Fauxpas. Fahrer schneller E-Bikes benötigen eine Haftpflichtversicherung. "Das ist kein Kavaliersdelikt mehr, das sind strafrechtlich relevante Themen", sagt ZIV-Geschäftsführer Siegfried Neuberger.

Die Anbieter von Tuning-Kits sind sich der Rechtslage bewusst. Sie sichern sich auf ihren Webseiten ab, wo Sätze zu lesen sind wie: "Die Tuning-Box darf nicht im Straßenverkehr oder im Wirkungsbereich der StVO betrieben werden" oder: "Die Verwendung ist nur auf Privatgelände zulässig."

Bosch-Mann Fleischer sind diese "kleinen, technisch begabten Bastelfirmen" ein Dorn im Auge: "Es ist überraschend, wie viele Anbieter es gibt, es schreitet aber keine Behörde ein, obwohl sie Produkte in den Markt bringen, die die Produktsicherheit gefährden." Dank dem Hinweis auf die Straßenverkehrsordnung seien die Firmen kaum zu belangen. "Strafrechtlich verfolgt wird nur der Anwender", kritisiert Fleischer.

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Von einem "gravierenden Problem" geht auch Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherungswirtschaft (UDV), angesichts der Gefahren aus. Er wisse von vielen Händlern, die ihren Kunden beim Tunen sogar helfen. Dass Radfahrer dadurch jeden Anspruch auf Gewährleistung und Garantie verlieren, ist ihnen womöglich nicht bewusst - genauso wenig, dass Komponenten, Motor und Akku bei dauerhaft schneller Fahrweise einer Belastung ausgesetzt sind, für die sie nicht konstruiert sind und dass der Akku an Reichweite und Lebensdauer verliert.

Die Branche selbst fürchtet einen Imageverlust für E-Bikes durch Raser. "Wir sehen das Tuning mit Sorge", sagt ZIV-Geschäftsführer Neuberger. Steigen die Unfallzahlen mit E-Bikes weiter an, droht Fachleuten zufolge eine Betriebserlaubnispflicht für 25km/h schnelle Räder - vergleichbar der Typgenehmigung bei Pkw. Derzeit sind diese Räder in Deutschland und anderen EU-Ländern von der Kfz-Haftpflichtversicherungs-Verordnung ausgenommen und haben den rechtlichen Status eines Fahrrads.

Ratgeber Rad

Wenn Pedelecs versicherungspflichtig würden, unterlägen sie den gleichen Auflagen, die den schnelleren S-Pedelecs schon heute ein Nischendasein mit verschwindend niedrigen Verkaufszahlen bescheren. Diese dürfen zum Beispiel nicht auf Fahrradwegen fahren, auch viele Feld-, Wald- und Wirtschaftswege sind tabu. "Es wäre ein großer Schaden, wenn dem E-Bike der Status Fahrrad genommen wird", sagt Fleischer. Und Professor Doppelbauer meint: "Dann ist die Kategorie tot, es wäre der beste Weg, die E-Bike-Geschichte zu begraben."

Damit es so weit nicht kommt, prüfen Händler schon jetzt mit Diagnosegeräten, ob und wie oft etwa ein E-Bike mit Bosch-Antrieb getunt wurde. Ab Mai gebietet eine technische Norm, dass E-Bike-Hersteller eine Tuningerkennung in ihre neuen Räder einbauen. Sie schützt die Software vor unbefugtem Zugriff und verplombt relevante Bauteile. So sollen sich die Räder nicht mehr manipulieren lassen - zumindest nicht mit den derzeit verfügbaren technischen Mitteln.

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