E-Roller-Feldversuch in Bamberg Und plötzlich ist die Leistung weg

Schon bald sollen Elektrostehroller in deutschen Städten fahren. Seit Wochen werden Vorzüge und Risiken der Flitzer heiß diskutiert. In Bamberg kann man sie bereits legal ausprobieren. Ein Selbstversuch.

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Sieben Hügel, eine enge Altstadt mit etlichen Kopfsteinpflasterstraßen sowie viele Pendler und Studenten: Würde das Bundesverkehrsministerium die Elektrostehroller vor ihrer Zulassung möglichst hart testen wollen, wäre Bamberg dafür ideal. Auf einen groß angelegten Test hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer allerdings verzichtet - dabei sollen die Roller möglichst bald auf Deutschlands Straßen unterwegs sein.

Was sich durch die elektrischen Flitzer verändert, lässt sich in Bamberg zumindest in kleinem Maßstab beobachten. 15 elektrische Stehroller sind dort in der Stadt unterwegs, die lokalen Stadtwerke erproben sie gemeinsam mit dem Sharing-Anbieter Bird. Der Tag auf so einem Roller unterscheidet sich dabei kaum von einem auf dem Fahrrad - zeigt aber, woran die Roller noch scheitern könnten.

Wer am Berg wohnt, schiebt

Am Fahrspaß fehlte es dabei nicht, der in Bamberg genutzte Roller ist sehr handlich und beschleunigt ordentlich - aber nur, solange es flach ist. In der Karolinenstraße, die auf den Bamberger Domberg führt, gab er bereits nach wenigen Metern auf. Die ist zwar zugegebenermaßen sehr steil, der Roller erreichte das Stück mit der größten Steigung jedoch nicht einmal.

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Roller-Sharing: Elektrischer Hype aus den USA

Wie ein Akkuschrauber, dessen Leistung dann eben doch nicht reicht, um eine Schraube noch tiefer ins Holz zu bekommen, wurde der Bird langsamer, bis er schließlich stehen blieb. Fahrer der Elektrostehroller könnten in hügeligen Städten wie Stuttgart also relativ oft schieben müssen - Frust wäre dann vorprogrammiert.

Ohne Helm zu gefährlich

Der droht ohnehin durch die für Elektrostehroller diskutierte Helmpflicht. Sie würde das einfache und spontane Roller-Sharing erheblich verkomplizieren. Mal eben den Roller an der Ecke per App buchen, ans Ziel oder zum nächsten Bahnhof flitzen und ihn dort wieder stehen lassen - das wäre ohne zuvor extra eingepackten Helm unmöglich. Oder aber die Helme müssten Teil des Angebots sein - wie das zum Beispiel bei Elektro-Mofas der Fall ist.

Allerdings ist eine Helmpflicht, wie sie in Bamberg beim Feldversuch gilt, absolut angebracht. Denn der E-Scooter kombiniert die Geschwindigkeit eines Fahrrads mit sämtlichen Nachteilen eines Kickscooters: Bremst man auf dem Kopfsteinpflaster der Bamberger Altstadt vor Schreck zu hart, blockiert das Hinterrad und übersehene Bodenwellen werfen die kleinen Räder des Rollers aus der Bahn.

Da für die Elektrostehroller kein Führerschein oder ähnliches nötig ist, sollte wenigstens der Helm verpflichtend sein, um die Fahrer vor dem Schlimmsten zu schützen. Denn in den USA endete jeder zweite Unfall auf dem E-Scooter einer Studie zufolge mit Kopfverletzungen.

Zu schnell für die meisten Fußgänger

Das nicht ganz perfekte Fahrverhalten wird vor allem auf Radwegen und an Kreuzungen gefährlich. Plötzlich abbiegende Autos, Radfahrer, die freihändig über enge Kreuzungen fahren oder Fußgänger, die achtlos auf den Radweg laufen - diese fahrradtypischen Risiken sind auch auf dem E-Scooter allgegenwärtig. Hier kommt allerdings ein weiteres Problem hinzu: Kaum jemand kann einschätzen, wie schnell die Flitzer wirklich sind.

Die stehend dahingleitenden Rollerfahrer sind nicht nur ungewohnt, sie wirken auch deutlich langsamer als ein Radfahrer. So waren mehrere Fußgänger in Bamberg offensichtlich kaum in der Lage richtig einzuschätzen, wie schnell der Roller bereits auf ihrer Höhe ist. Sobald sich die Menschen an die Roller und ihre Dynamik im Straßenbild gewöhnt haben, sollte das kein Problem mehr sein. Bis dahin aber sind Konflikte und Unfälle programmiert.

In deutschen Städten ist zu wenig Platz

Tatsächlich ist man mit den erlaubten 20 km/h der Elektroroller flott unterwegs - schnell genug, um auf dem Radschutzstreifen auf der Bamberger Löwenbrücke einen langsamen Radfahrer zu überholen. Dafür fehlte es aber an etwas ganz anderem: Dem nötigen Platz. Rechtlich gesehen überholt in dieser Situation ein Kraftfahrzeug einen Radfahrer, also muss ein Abstand von 1,5 Metern eingehalten werden. Das jedoch ist unmöglich, denn links des Radstreifens rauscht der Autoverkehr wie gewohnt vorbei. Einfach auf die Autofahrbahn ausweichen ist da keine Option - dafür sind die 20 Km/h dann deutlich zu wenig.

Was bleibt also als Option? Hinterherzuckeln oder innerhalb des Radschutzstreifens mit zu wenig Abstand überholen. Im Alltag werden die meisten Rollerfahrer sich wahrscheinlich vorbeiquetschen - so wie ich auf der Bamberger Löwenbrücke.

Die Roller brauchen ABS

Das Hauptproblem der Roller sind jedoch die Bremsen. Zwar muss ein Elektrokleinstfahrzeug laut der Verordnung des Bundesverkehrsministeriums mit zwei voneinander unabhängigen Bremsen ausgerüstet sein. Ein ABS, oder zumindest eine Kombibremse, die die Bremskraft auf beide Räder verteilt, wäre jedoch mindestens genauso wichtig.

Denn die Roller haben alles, was es für einen schmerzhaften Abstieg vom Roller braucht: Kurzer Radstand, kleine Räder, relativ hohe Geschwindigkeit. Kombiniert man das mit unachtsamen Fußgängern, unerfahrenen Fahrern und deren Reflex, sofort voll in die Bremse zu greifen, kann das ziemlich schnell daneben gehen. Beim Bamberger Bird-Roller, der vorerst nur mit einer Hinterradbremse ausgestattet ist, blockierte der Hinterreifen bei abruptem Bremsen sehr schnell.

Unerfahrene Rollerfahrer, die vor Schreck eine Vollbremsung einlegen, könnten sich ohne ABS oder Kombibremse zu Anfang schneller in der Notaufnahme wiederfinden als am eigentlichen Ziel ihrer Fahrt - und das kann nicht das Ziel der Verordnung sein.

Zeit für ein Fazit

Die E-Roller bieten bei aller Skepsis auch eine große Chance. Sie sind schnell wie ein Fahrrad und flexibel wie frei bewegliche Sharing-Autos. Das könnte vor allem Pendlern den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr erleichtern - trotzdem sollte sich das Bundesverkehrsministerium die Helmpflicht in Bamberg abschauen. Denn das typische Revier der Leihroller, die letzte Meile des Weges zur Arbeit oder zum Termin, ist meistens dicht befahren.

Dort sind Konflikte, aber auch Unfälle mit Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern allerdings programmiert - denn für diese drei ist auch heute schon zu wenig Platz. Eine Kombibremse, vor allem aber die Helmpflicht, könnte deren Konsequenzen immerhin verringern - auch wenn das für das Geschäftsmodell des Roller-Sharings nicht gerade förderlich wäre.

insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
werner-xyz 13.05.2019
1. Mein Gott
ABS, Helmpflicht, und und und. Das wird wieder ausgehen wie immer typisch Deutsch. Am Ende wird alles so kompliziert und unpraktisch, dass alle lieber Auto fahren. Ich bin über ein halbes Jahr so ein Teil gefahren und hatte genau 0 Probleme. Weder mit dem Bremsen, noch mit Fußgänger oder anderen Verkehrsteilnehmern. Nur weil der Autor es nicht kann, heißt das nicht, dass alle es nicht können.
Bellagio 13.05.2019
2. Die Roller brauchen ein ABS
Danke für den Witz des Tages. Warum nicht noch gleich ESP und Airbags, oder will sich der Autor diese Vorschläge noch für die nächsten Artikel aufsparen? Dieser E-Roller Aktivismus ist einfach nur lachhaft, weil man so klar erkennt das alle, die dazu etwas sagen , absolut keine Ahnung von der Materie haben. Ja, der Scheuer fährt auf den Marmorfliesen im Minsiterium damit lustig herum...aber auf den Straßen herrschen andere Bodenbeschaffenheiten. Diese Roller, mit Inline- Skate Rollen, sind bei hoher Geschwindigkeit auf bereits leicht holpriger Strecke ein ganz schön instabiles Vehikel. Jeder der sowas mal ausserhalb vom laden testet wird das selbst schnell feststellen. Diese Dinger sind Rohrkrepierer und wer damit in der Stadt über Kopfsteinpflaster (jetzt ja verboten), Gehwegerhöhungen (jetzt auch verboten) fahren will wird wohl einige Male den Boden aufwischen, und gänzlich Ungelenkige werden sich damit die Knochen brechen. Viel Spaß damit auf der Straße...bin mal gespannt wer mutig genug ist, damit durch eine Großstadt zu kurven und dabei noch jedem Gulli und sonstigen Bodenunebenheiten auszuweichen.
kkschiemert 13.05.2019
3. Bergauf und runter
Man kann akzeptieren, dass der Roller bergauf schnell aufgibt. Die echte Gefahr ist aber bergrunter, besonders, wenn man plötzlich bremsen muss. Es wäre gut zuerst den Roller in flachen Städte einzuführen.
zeichenkette 13.05.2019
4. Helmpflicht wäre irrsinnig
Egal ob Roller oder Fahrrad, das ist schlimmstenfalls Selbstgefährdung und lässt viele dann doch lieber gleich Auto fahren (bei Autounfällen gibt übrigens auch sehr häufig Kopfverletzungen, aber da wagt keiner, eine Helmpflicht zu fordern).
neurobi 13.05.2019
5.
Zitat von BellagioDanke für den Witz des Tages. Warum nicht noch gleich ESP und Airbags, oder will sich der Autor diese Vorschläge noch für die nächsten Artikel aufsparen? Dieser E-Roller Aktivismus ist einfach nur lachhaft, weil man so klar erkennt das alle, die dazu etwas sagen , absolut keine Ahnung von der Materie haben. Ja, der Scheuer fährt auf den Marmorfliesen im Minsiterium damit lustig herum...aber auf den Straßen herrschen andere Bodenbeschaffenheiten. Diese Roller, mit Inline- Skate Rollen, sind bei hoher Geschwindigkeit auf bereits leicht holpriger Strecke ein ganz schön instabiles Vehikel. Jeder der sowas mal ausserhalb vom laden testet wird das selbst schnell feststellen. Diese Dinger sind Rohrkrepierer und wer damit in der Stadt über Kopfsteinpflaster (jetzt ja verboten), Gehwegerhöhungen (jetzt auch verboten) fahren will wird wohl einige Male den Boden aufwischen, und gänzlich Ungelenkige werden sich damit die Knochen brechen. Viel Spaß damit auf der Straße...bin mal gespannt wer mutig genug ist, damit durch eine Großstadt zu kurven und dabei noch jedem Gulli und sonstigen Bodenunebenheiten auszuweichen.
Gut, dass sie sich gleich selbst disqualifizieren. Die E-Scooter haben keine "Inline- Skate Rollen" sondern Vollgummireifen oder gar welche mit Luftfüllung. Mit "Inline- Skate Rollen" bräuchten die in der Tat auch ESP, sonst könnten sie selbst 250W-Power gar nicht auf den Boden bekommen.
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