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11. Juni 2011, 09:43 Uhr

EKG-Fahrersitz von Ford

Das Auto misst den Herzschlag

Von Lasse Hinrichs

Ein Autositz, der automatisch den Herzschlag überwacht und die Daten an ein Krankenhaus funkt: Ingenieure von Ford entwickeln gemeinsam mit der Technischen Hochschule Aachen einen Heart Rate Monitoring Seat. Im Notfall bremst der Automat auch den Wagen.

Der demografische Wandel wird das Straßenbild in Deutschland voraussichtlich massiv verändern. In Zukunft wird es immer mehr Senioren mit Führerschein geben, die immer länger mit dem eigenen Auto unterwegs sind. Dabei wächst parallel zu den Lebensjahren das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, und - jedenfalls aus der Sicht von Ford - damit auch die Gefahr von Verkehrsunfällen als Folge eines Kreislaufproblems oder eines Herzinfarkts während der Fahrt. Aus diesem Grund forscht der Autobauer aktuell an einem Sitz mit EKG-Funktion, der permanent den Herzschlag des Fahrers kontrolliert.

"Wir sehen zwei Megatrends", sagt Pim van der Jagt, Geschäftsführer des europäischen Ford-Forschungszentrums in Aachen, wo der Sicherheitssitz in Kooperation mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) entwickelt wird. "Erstens wird die Gesellschaft immer älter und 40 Prozent der über 65-Jährigen haben Herzprobleme." Zweitens, so der Niederländer, gebe es einen immer stärker werdenden Gesundheits- und Wellness-Trend, und auch diesem solle der Herzüberwachungs-Autositz Rechnung tragen.

Im Gegensatz zum EKG beim Hausarzt funktioniert der Heart Rate Monitoring Seat ohne Kabel. Sechs sogenannte adaptive Elektroden an der Rückenlehne des Fahrersitzes messen den Herzschlag des Fahrers. Die so gewonnenen Daten werden in elektrische Signale umgewandelt und könnten, so der Plan, anschließend zur Analyse in ein Krankenhaus gesendet werden, das den Fahrer dann wiederum über eine etwaige Herzrhythmus-Störung oder einen drohenden Herzinfarkt informieren könnte. Oder, auch das ist denkbar, das Konzept könnte im Fall der Fälle sofort Sicherheitsfunktionen im Pkw aktivieren - etwa einen Nothalte-Assistenten, wie ihn BMW bereits vor Jahren präsentiert hat, der beispielsweise die Warnblinklicht einschaltet und den Wagen automatisch am Fahrbahnrand zum Stehen bringt.

Doch die Vielzahl der Konjunktive lässt erahnen: Das mobile, im Fahrersitz verborgene Diagnosegerät befindet sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium und ist momentan noch Zukunftsmusik. Die Projektlaufzeit, die voraussichtliche Markteinführung sowie der Preis, den der EKG-Sitz einmal kosten wird - all das steht in den Sternen. "Zurzeit beschäftigt uns erst einmal die Frage, wie die Daten wieder zurück zum Fahrer kommen", sagt van der Jagt. Klar ist bislang so viel: Beim Datenaustausch wird die sogenannte SYNC-Schnittstelle eine zentrale Rolle spielen, die Ford im kommenden Jahr in Europa auf den Markt bringen will.

Abzuwarten bleibt ebenfalls, ob es überhaupt eine Nachfrage für den EKG-Sitz geben wird. Aus heutiger Perspektive gilt: Der spektakuläre Herzinfarkt am Steuer ist manchen Medien zwar eine große Schlagzeilen wert, in der Statistik aber liegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Unfallursache auf einem den hinteren Plätze.

Lediglich ein Prozent aller Unfälle pro Jahr sind krankheitsbedingt

So schätzt Hermann Klein, Professor und Chefkardiologe am Klinikum Idar-Oberstein, dass generell nur ein Prozent aller Unfälle pro Jahr krankheitsbedingt passieren - etwa die Hälfte davon aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Schädigungsrisiko für die Gesellschaft ist laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, an der Klein maßgeblich beteiligt war, sehr gering: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer aufgrund eines "kardiovaskulär bedingten Kontrollverlustes" einen schweren Unfall verursacht, liege bei 1 zu 20.000. Das wären 0,005 Prozent aller Fälle.

Zum Vergleich: Das Risiko, dass ein 18- oder 20-jähriger Fahranfänger einen tödlichen Unfall herbeiführt, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1000 zwanzigmal höher. Dieses Problem ist jedoch nicht mit einem speziellen Sitz zu lösen.

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