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11. Juni 2013, 17:37 Uhr

Peugeot-Citroën-Prototyp VELV

Das elektrische Phantom

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Der Elektro-Dreisitzer VELV könnte für Entlastung im städtischen Straßenverkehr sorgen. Der Prototyp stammt vom französischen Konzern PSA und ist im Prinzip serienreif. Allerdings zaudern die Verantwortlichen: Es geht, wie so oft, um öffentliche Gelder.

Elektroautos sind ideal für den städtischen Kurzstreckenverkehr, ebenso gilt das für kleine, wendige Fahrzeuge. Geradezu perfekt als Stadtauto wäre also ein elektrisch angetriebenes Minimobil. Bislang haben nur Toyota mit dem Typ Coms und Renault mit dem Twizy daraus Konsequenzen gezogen - doch jetzt fährt auch der französische PSA-Konzern (Peugeot-Citroën) in dieser Spur. Im Rahmen eines von der Regierung in Paris geförderten Forschungsprojekts wurde ein Mobil namens VELV entwickelt. Das Kürzel steht für Véhicule électrique léger de ville - und das Fahrzeug sieht aus, als sei es für eine Comic-Verfilmung konstruiert.

Mit einem herkömmlichen Auto hat das 2,81 Meter lange Gefährt mit einer Kunststoffkarosserie über Aluminiumprofilen jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Der Grundriss erinnert ein wenig an die BMW Isetta: Vorn gibt es ein Rad an jeder Ecke, hinten einen Zwillingsreifen in der Mitte; drinnen befinden sich drei Sitze - zwei in Reihe eins, einer mittig dahinter. Die Elektromaschine sitzt im Vorderwagen und entwickelt eine Dauerleistung von 27 PS (Spitzenwert 40 PS). Als Stromspeicher dient ein Lithium-Ionen-Akku mit einer Kapazität von 8,5 Kilowattstunden des Zulieferers Johnson-Controls-Saft. Damit soll das knapp 700 Kilogramm schwere Mobil bis zu hundert Kilometer fahren können.

Ein bisschen wirkt das VELV wie die dreisitzige Ableitung des Renault Twizy, der Platz für zwei bietet. "Die Konstruktion ist auf eine klassische Kleinserienfertigung von maximal 20.000 Fahrzeugen im Jahr ausgelegt, alle Crash-Analysen sind abgeschlossen und auch einen Preis gibt es", sagt Stéphane Bolle-Redat aus dem VELV-Projektteam. Rund 12.000 Euro plus eine Batteriemiete von etwa 50 Euro pro Monat seien realistisch. Was noch fehlt, ist grünes Licht aus dem PSA-Vorstand.

Verwegene dürften mit dem VELV sogar auf die Autobahn

Vielleicht sollten die Manager einfach einmal bei Monsieur Bolle-Redat zu einer Testfahrt einsteigen. Bei unserer Mitfahrt auf einem Testgelände wurde schnell deutlich, wie viel Spaß der VELV in der Stadt machen könnte. Es herrscht zwar Enge im Mobil, und der Rücksitz ist allenfalls Grundschülern zumutbar. Doch der Dreisitzer ist ausgesprochen flott unterwegs und darf mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h auch auf die Autobahn. Ob man das in diesem Vehikel auch möchte, ist eine andere Frage.

Das schlanke Format ist jedoch ideal bei der Parkplatzsuche. Und aufgrund des Wendekreises von lediglich sieben Meter ist das VELV auch sehr wendig - zum Vergleich: Der Toyota iQ benötigt 8,40 Meter. Insgesamt jedenfalls ist das aus dem französischen Forschungsprojekt hervorgegangene Elektroauto das aktuell vermutlich beste City-Konzept dieser Art, weil es noch handlicher ist als ein elektrischer Smart und praktischer als ein Renault Twizy. Von ähnlichen Typen deutscher Hersteller wie VW Nils, Audi Urban Concept oder Opel Rak-E ist ja seit deren groß gefeierten Debüts vor eineinhalb Jahren nichts mehr zu hören.

Was laut PSA noch fehlt, sei eine staatliche Kaufprämie

Warum zaudert PSA noch mit einer Fertigung des VELV? Es heißt, die Verantwortlichen hoffen noch auf Unterstützung der Regierung - im Klartext also auf Subventionszusagen für Endkunden, die den Preis des Fahrzeugs deutlich unter die 12.000 Euro und damit auf ein gegenüber konventionellen Kleinwagen konkurrenzfähiges Niveau drücken würden.

An einem Verkaufserfolg bei einem Preis unter 10.000 Euro hat PSA-Forschungsdirektor Gilles Le Borgne keinen Zweifel. "Das Nutzerverhalten hat sich verändert. Gerade in den urbanen Zentren gibt es viele Menschen, die zwar kein Auto besitzen, aber gerne eines fahren möchte." Neben neuen Mobilitätskonzepten brauche es dafür aber auch die passenden Fahrzeuge - wie eben den VELV.

Wer an dieser These zweifelt, sollte nach Berlin kommen. Dort betreibt der PSA-Konzern gemeinsam mit der Bahn das Carsharing-Projekt Multicity mit dem elektrischen Kleinwagen Citroën C-Zero. "Und obwohl wir die Flotte bereits von 100 auf 350 Fahrzeuge aufgestockt haben, sind die Autos permanent ausgebucht."

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