Elektroauto im Alltagstest, Teil 2 Warum Ladesäulen den Dienst verweigern

Ladesäulen für E-Mobile sind in Deutschland noch rar gesät. Doch das ist nicht das einzige Problem: Damit der Strom fließt, muss man die Ladepunkte erst einmal freischalten. Und das ist nicht immer einfach.

Christian Frahm

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Worum geht's?

Versuchen kann man's ja mal: Christian Frahm lebt in einem Wohngebiet im Osten Hamburgs und möchte herausfinden, wie praktisch ein Elektroauto für ihn ist. Ein Test unter verschärften Bedingungen - denn er hat keine Garage und kann sein E-Mobil nur an öffentlichen Ladesäulen mit Strom befüllen. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet er über seine Erfahrungen.

Was bisher geschah

Meine erste Fahrt mit dem Testwagen, einem Renault Zoe dauerte 72 Kilometer - laut Tacho. Laut Reichweitenanzeige dauerte sie aber doppelt so lang, ganze 140 Kilometer waren weg. Klar, das lag an der kurzen Autobahnetappe mit hoher Geschwindigkeit, so was kostet Energie. Dennoch scheint es besser zu sein, bei jeder Gelegenheit zu laden.

Also ab zur Ladesäule

Die nächstgelegene Säule steht etwa 800 Meter von meiner Wohnung entfernt. Volltreffer: Beide Buchsen sind frei. Ich parke auf der blau markierten Stellfläche und hole das fünf Meter lange Ladekabel aus dem Kofferraum. Ich stecke das Kabel ein, zuerst in die Buchse am Auto, dann in die Buchse an der Ladesäule. Eine blaues Lämpchen meldet, dass der Strom fließt.

Mit dem orangefarbenen RFID-Chip kann man an vielen Säulen Strom tanken
Christian Frahm

Mit dem orangefarbenen RFID-Chip kann man an vielen Säulen Strom tanken

Das verdanke ich unter anderem Ralph Kampwirth. Er arbeitet beim Ökostromanbieter Lichtblick, von dem ich auch zu Hause meinen Strom beziehe. Von Kampwirth habe ich einen RFID-Chip erhalten, einen orangefarbenen Plastikanhänger für den Schlüsselbund, etwas größer als eine Zwei-Euro-Münze. Mit diesem Chip kann ich mich an der Ladesäule anmelden und anschließend Strom tanken. Die Abrechnung erfolgt dann über Lichtblick - auch dann, wenn die Ladesäule - wie im jetzigen Fall - dem Unternehmen Stromnetz Hamburg gehört.

"Beim Laden eines E-Mobils ist die Verbraucherfreundlichkeit so weit entfernt wie der Saturn von der Erde." Warum sagt Ralph Kampwirth das?

Weil es eines Zusammenspiels von bis zu drei Parteien bedarf, damit der Strom von einer Ladesäule ins Auto fließt. Der Überblick:

  • Netzbetreiber sind Unternehmen wie Stromnetz Hamburg, RWE oder Vattenfall. Sie kümmern sich um den Ausbau und die Instandhaltung des Stromnetzes. Außerdem müssen sie Stromanbietern (wie beispielsweise Lichtblick) diskriminierungsfreien Netzzugang gewährleisten, damit diese beispielsweise ihren Ökostrom an den Endkunden liefern können. Das Problem: Diese Vorschrift gilt derzeit noch nicht für die Ladesäulen von E-Autos. Auf diesen Knackpunkt kommen wir gleich noch zu sprechen.
  • Stromanbieter wiederum sind Unternehmen wie Lichtblick, die dem Endverbraucher beispielsweise Ökostrom anbieten und liefern. So hat jeder Haushalt in Deutschland das Recht, seinen Stromanbieter frei zu wählen und so den individuell besten Tarif zu zahlen.
  • Elektromobilitäs-Provider (EMP) wiederum sind Unternehmen wie beispielsweise The New Motion. Sie kümmern sich um die digitale Infrastruktur an den Ladesäulen, also darum, dass ich mit meinem RFID-Chip an vielen Säulen in Deutschland Strom tanken kann. Mein RFID-Chip stammt ursprünglich von The New Motion. Das Unternehmen arbeitet sowohl mit mehreren Stromanbietern, als auch mit mehreren Netzbetreibern zusammen. Aber eben nicht mit allen. Deshalb funktioniert mein Chip nicht an allen Ladesäulen. Denn es gibt etliche Kombinationen von Elektromobilitäts-Providern, Stromanbietern und Netzbetreibern. Für den Kunden bedeutet das Chaos.

Wann endet dieses Chaos?

Schwer zu sagen. Dazu müsste zunächst erfolgreich ein sogenannter diskriminierungsfreier Netzzugang eingeklagt werden - erst dann könnte jeder Stromanbieter seinen Strom zu seinem Tarif an jede Ladesäule in Deutschland liefern. Derzeit sind aber alle beteiligten Parteien froh darüber, dass sich die großen Stromkonzerne bereit erklären, den Aufbau des Ladesäulennetzes zu übernehmen. Eine entsprechende Klage ist deshalb wohl erst einmal nicht zu erwarten. In Österreich hingegen funktioniert die freie Anbieterwahl bereits.

Kein Grund, zu verzweifeln

Das Verfahren mit RFID-Chip ist trotzdem einigermaßen brauchbar, man muss sich vorher halt informieren, wie viele Ladesäulen einem zu Verfügung stehen. Außerdem gibt es oft noch eine Alternative, um an den Strom fürs E-Mobil zu kommen: Mit dem sogenannten Direct-Pay-Verfahren sendet man per SMS die Nummer der Ladebuchse (jede öffentliche Ladebuchse ist nummeriert) an eine auf der Ladesäule angegebene Servicenummer. Anschließend wird die Säule freigeschaltet. Der gebuchte Betrag wird dann durch den Mobilfunkbetreiber in Rechnung gestellt.

Mir wäre eine reine Handy-Lösung auf Dauer jedoch zu unsicher. Denn was, wenn der Akku geladen werden muss, ausgerechnet dann aber auch der Handy-Akku leer ist?


Lesen Sie im nächsten Teil: Die Geduldsprobe an der Ladesäule.


Teil 1: Mein Leben als Ladesäulen-Nomade

Wie gut kennen Sie sich mit Elektroautos aus? Testen Sie ihr Wissen in unserem Quiz.



insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
ulrich_loose 30.05.2017
1. Nur der Ehrlichkeit wegen
Die Abrechnung erfolgt dann über Lichtblick - auch dann, wenn die Ladesäule - wie im jetzigen Fall - dem Unternehmen Stromnetz Hamburg gehört und auch dann, wenn Kohle- und Atomstrom getankt wird. Das ist meist der Fall, da ja mit dem vorhandenen Energiemix getankt wird. Auch das ist die Realität und das war es dann mit "Abgasfrei und Umweltfreundlich"
kategorien 30.05.2017
2. E-Autos
Ich hoffe, dass dieser lästige Hype bald nachlässt. Als ob der Strom an die E-Ladesäule vom Himmel fiele. Wozu der Aufwand, wenn dafür wo anders -- übrigens mit Extraaufwand, verglichen mit einem Verbrennungsmotor, bedingt der Infrastruktur -- genau so Erdöl und Kohle verbrannt werden, damit der Autor dieses Artikels ruhigen Gewissens ins Bett gehen kann?
nach-mir-die-springflut 30.05.2017
3. Mein Maserati fährt 210
"Derzeit sind aber alle beteiligten Parteien froh darüber, dass sich die großen Stromkonzerne bereit erklären, den Aufbau des Ladesäulennetzes zu übernehmen." Um wie viele Ladesäulen zu welchem Stückpreis im Schnitt geht es denn?
hansglück 30.05.2017
4.
Muss echt schwer sein, an eine Ladestation einen EC und Kredit Karten Leser anzubringen. Da zahlt sich der Jahrzehnte lange Entwicklungsvorsprung der Parkhaus Betreiber plötzlich aus.
hansglück 30.05.2017
5. Überschrift
Für alle, die es wirklich interessiert : In der Raffinerie allein benötigt die Produktion von 1 Liter Sprit zwischen 1,5-1,8 kW/h Strom in der Erzeugung. Eine Tankfüllung also mehr Strom, als ein Elektro Auto laden kann. Verbrenner benötigen also Benzin UND mehr Strom als Elektro Autos! Festgestellt von der US Energiebehörde auf Basis der freiwilligen Daten der Raffinerie Betreiber von 2005. Findet man bei Google leicht.
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