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Elektroautos auf der IAA: Kleiner denken

Foto: Jürgen Pander

Automesse IAA Die Innovationen aus dem ersten Stock

Auf der Automesse IAA werden clevere Mobilitätslösungen gezeigt - allerdings sind sie gut versteckt. Ein Besuch bei den Elektro-Start-ups.

Elf Kilometer Metallgestänge, zusammengehalten von 630.000 Schrauben, behangen mit 7000 LED-Kacheln, an denen insgesamt 5,8 Millionen Pixel leuchten. Das Gebilde, das über den Köpfen der Besucher auf dem Stand von Audi hängt, ist beeindruckend. Doch leider ist die IAA kein Podium für Messebau oder Innenarchitektur, sondern eine Autoshow, auf der man angeblich die "Zukunft erleben" kann. Wer aus diesem Grund nach Frankfurt gekommen ist, muss allerdings aus den labyrinthischen Großkulissen der Konzerne herausfinden und ins Obergeschoss von Halle 3 gehen - gleich über dem Stand von Audi.

Hier befindet sich die "New Mobility World", sozusagen eine Messe in der Messe, die all jene Aussteller beherbergt, die wirklich Neues zu bieten haben. Die Stände hier sind meist nur wenige Quadratmeter groß, mit mobilen Stellwänden voneinander getrennt und: voller Überraschungen.

Wir stellen einige davon vor:

Wenn Automobilhersteller von der Zukunft sprechen, vergessen sie nie, den "globalen Megatrend Urbanisierung" zu erwähnen; verbunden mit dem Hinweis, man bereite sich mit individuell konfigurierbaren Innenräumen auf die Megastaus in diesen Metropolen vor. Die Autos selbst bleiben meist dennoch völlig überdimensioniert. Dass es auch anders geht, zeigt das City-E-Taxi des Projekts ACM (Adaptive City Mobility). Der Dreisitzer ist nicht nur extrem kompakt, sondern wiegt lediglich 550 Kilogramm. Er kann als Mini-Shuttle oder Mini-Laster genutzt werden, eine Europalette passt hinein.

E-Taxi aus Deutschland 2017

E-Taxi aus Deutschland 2017

Foto: Jürgen Pander

Hundert Kilogramm davon entfallen allein in die insgesamt acht Akkus, von denen je vier in den beiden wie Schubladen herausziehbaren Batteriefächern links und rechts unter dem Auto stecken. Die Stromspeicher sind im Handumdrehen ausgetauscht, der Ladevorgang selbst findet dann statt, wenn das Wägelchen längst wieder unterwegs ist.

Zum ACM-Projekt gehören nicht nur Fahrzeug und Ladetechnik, sondern auch eine Kommunikationsplattform, die das Teilen des Mobils ermöglicht. Und es gehört ein Vertriebskonzept dazu, das die City-E-Taxi-Flotten betreibt, die Co2-neutrale Energieversorgung sicherstellt und für eine maximale Auslastung durch Car-Sharing sorgt. Ende des Jahres soll der Prototyp in einem Testgebiet im Norden Münchens zum Einsatz kommen. "In China und Indien gibt es sehr ernsthaftes Interesse an dem Auto", sagt ACM-Projektsprecher Jürgen Gaulke. Zudem sei erst kürzlich eine Anfrage aus Teheran eingetroffen.

Gleich nebenan parkt ein im deutschen Taxi-Farbton "Hellelfenbein" lackiertes London-Cab der Firma LEVC, vormals bekannt als London Taxi Company. Das neue Modell TX fährt rein elektrisch. Eine Akkuladung reicht für 120 Kilometer, danach springt ein Benziner (genannt Range Extender) an, produziert Strom und sorgt mit einer Tankfüllung für weitere rund 600 Kilometer Reichweite.

Das Elektrotaxi LEVC TX

Das Elektrotaxi LEVC TX

Foto: Jürgen Pander

Umgerechnet 62.000 Euro kostet der Sechssitzer mit eingebautem WLAN-Spot, Panoramadach und Strom- sowie USB-Buchsen. In London werden die ersten E-Taxis - natürlich klassisch schwarz lackiert - ab Oktober auf die Straßen kommen. Auch die niederländische Stadt Rotterdam hat bereits 225 Modelle bestellt.

Städtische Mobilität, das wird bei vielen Start-ups auf der IAA deutlich, ist prädestintiert für Elektromobilität. Und es geht immer noch ein wenig kompakter und cleverer. Etwa in Form eines elektrischen Lasten-Dreirads names Tripl, das der dänische Hersteller EWII Mobility auf der Messe zeigt. Das Vehikel ermöglicht emissionsfreien Lieferverkehr in Ballungsräumen, fährt nahezu geräuschlos, schafft mit einer Akkuladung zwischen 80 und 120 Kilometer, bietet ein Ladevolumen von 750 Litern und eine Zuladung von 215 Kilogramm.

Lasten-Dreirad Tripl

Lasten-Dreirad Tripl

Foto: Jürgen Pander

Derart auf das Wesentliche reduziert ist auch der Microlino, das Elektro-Leichtfahrzeug des Schweizer Kickboard-Erfinders Wim Ouboter. Auf der IAA steht der erste Prototyp, im November wird in der Pelikanstraße in Zürich, nur wenig Gehminuten vom Tesla-Shop entfernt, der erste "Urban Mobility Store" eröffnen. Die ersten hundert Microlino-Modelle sollen bis April 2018 gebaut und ausgeliefert werden, der Verkauf wird über das Internet organisiert, der Preis des Zweisitzers soll "zwischen 12.000 und 13.000 Euro" liegen, so Ouboter.

Microlino

Microlino

Foto: Jürgen Pander

Gewiss, all diese neuen Elektromobilitätsideen werden das klassische Automobil nicht ersetzen. Aber sie können herkömmliche Verbrenner-Fahrzeuge gerade dort zunehmend überflüssig machen, wo sie am meisten stören: in den Städten. Das hängt mit dem Platzbedarf stinknormaler Autos zusammen, mit deren Lärmentwicklung und vor allem mit dem Schadstoffausstoß.

Das scheint selbst VW aufgefallen zu sein. Im Erdgeschoss von Halle 3 zeigen die Wolfsburger ihr Elektro-Konzeptauto I.D. Crozz (Serienstart nicht vor 2022) mit einem neuen Clean-Air-System, das "unabhängig von den Umgebungsverhältnissen für stets saubere Luft im Innenraum sorgt". Also beispielsweise dann, wenn das vorausfahrende Auto ein dicker Diesel ist.


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Foto: Volkswagen