Tagebuch eines Ladesäulen-Nomaden, Teil 7 Auf den grünen Zweig gekommen

Hubraum, Zylinder, PS? Egal! Das Autoquartett muss neu geschrieben werden - Kilowatt, Reichweite und Ladezeit sind jetzt Trumpf. Eine Woche Elektroautofahren hat den Öko-Jünger in mir geweckt.

Christian Frahm

Von


Worum geht's?

Versuchen kann man's ja mal: Christian Frahm lebt in einem Wohngebiet im Osten Hamburgs und möchte herausfinden, wie praktisch ein Elektroauto für ihn ist. Ein Test unter verschärften Bedingungen - denn er hat keine Garage und kann sein E-Mobil nur an öffentlichen Ladesäulen mit Strom befüllen. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet er über seine Erfahrungen.

Was bisher geschah

So langsam habe ich den Bogen mit dem Elektroauto Zoe raus, ich komme überall problemlos an. Auch den Ladevorgang habe ich inzwischen gut in meinen Alltag integriert, auch wenn die Abrechnung des Stroms nicht immer ganz einfach ist.

Wer bremst, gewinnt

Zügig surre ich mich mit dem Renault Zoe durch den Innenstadtverkehr. In weiter Ferne schaltet die Ampel auf Rot, aber anstatt - wie ich es sonst gewohnt bin - weiter auf dem Gas zu stehen, nehme ich den Fuß jetzt sofort vom Pedal. Der Motor arbeitet jetzt wie ein Dynamo, er rekuperiert: Das Elektroauto wird langsamer, die Akkuanzeige im Cockpit zeigt an, dass die Batterie gerade geladen wird. Mit jedem Bremsvorgang gewinne ich wieder ein paar Meter Reichweite dazu.

Im zentralen Display zeigt mir der "Tour-Report" weitere Daten meiner Fahrt an. Oben rechts meldet mir ein Punktestand, wie ökologisch meine Fahrweise ist. Von 100 möglichen Effizienzpunkten habe ich immerhin 91 - das ist mein bisher höchster Wert. Außerdem habe ich heute bereits zwei Kilowattstunden Energie eingespart - auch dank Rekuperation. Durchschnittsverbrauch (16 kWh pro 100 Kilometer) und Durchschnittstempo (20 km/h im trägen Stadtverkehr) werden ebenfalls angezeigt.

Wie das E-Auto meinen Fahrstil ändert

Schon nach den ersten Tagen im Zoe hat sich mein Fahrstil geändert. Ich fahre insgesamt gelassener. Gerade im zähfließenden Verkehr der Rush Hour kann man gut Strom sparen. Was nützt es mir, erst spät zu bremsen, oder auf einem freien Streckenabschnitt so richtig aufs Pedal zu treten, wenn ich hinter der nächsten Kurve eh wieder im Stau stehe? Zeit spare ich dadurch jedenfalls nicht.

Tatsächlich animiert das Bordsystem geradezu zum sparsamen Fahren. Man freut sich, wenn man es am Abend wieder geschafft hat, die Werte vom Vortag zu überbieten. Meine Ladesäulen-App, die mich über meine getätigten Tankvorgänge informiert, zeigt mir an, dass ich, gegenüber dem durchschnittlichen Schadstoffausstoß eines vergleichbaren Verbrenners, in den vergangenen sieben Tagen bereits rund 70 Kilogramm CO2 eingespart habe. Angenommen, ich führe an 250 Tagen im Jahr Auto, ergäbe das eine Einsparung von 2500 Kilogramm CO2. Ich finde das beeindruckend.

Unterwegs in grüner Mission

Auch im Gespräch mit Freunden merke ich einen Unterschied. Die Leute interessieren sich für das Thema Elektromobilität, wissen aber wenig darüber. "Wie lange hängt man denn damit an der Steckdose?" ist eine der gängigen Fragen. Skeptiker vermuten hingegen "Damit bleibst Du auf der Autobahn doch liegen!" Plötzlich ist das Auto wieder ein Gesprächsthema. Und nach einer Woche Elektroautofahren bin ich schon um einige Erfahrungen reicher. Ich kann viele dieser Fragen nur positiv beantworten. Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein Elektromobilitäts-Missionar.

Und Spaß habe ich trotz Sparambitionen trotzdem! Das zügig zischende Fahrgefühl des Elektroautos, der schnelle Ampelstart, mit dem man die großmotorigen Limousinen links liegen lässt oder die Blicke der Passanten, die sich über das nahezu lautlose Gefährt wundern, sind ein Quell der Freude. Auch ohne mit 230 km/h über die Autobahn zu braten, kann man in dem kleinen Elektroflitzer auf seine Kosten kommen - und diese nebenbei sogar noch senken.


Lesen Sie morgen: Was ist, wenn mein E-Auto mal eine Panne hat?


Teil 1: Mein Leben als Ladesäulen-Nomade

Teil 2: Warum Ladesäulen den Dienst verweigern

Teil 3: So zäh fließt der Strom ins E-Mobil

Teil 4: Parkplatz gratis, Ärger umsonst

Teil 5: Langsam läuft’s

Teil 6: Preiskrampf an der Ladesäule

Wie gut kennen Sie sich mit Elektroautos aus? Testen Sie ihr Wissen in unserem Quiz.

insgesamt 182 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dbeck90 09.06.2017
1. Trotzdem überteuert
Entgegen dem besseren Wissen meiner Mitforisten: Wer ein E-auto schon ohne Batterie zum Preis eines Verbrenners anbietet ist für mich ein Gauner. Brushless Motoren kosten nichts. Ein E-Auto hat keine Kolben, keine Kupplung, da hängt einfach ein 2000€ brushless Motor an der achse, verpackt in fast derselben Karosserie (gleiche Produktionslinien) wie der serien-verbrenner. Mal kleines Beispiel: ein Turnigy T800 (nicht mal ein Billig Motor) hat 2,2kW und kostet 86€..... Ist zwar nur für Drohnen und Hoverbikes gedacht, aber nochmal ein anderer Vergleich: ein 8kW Ebike Motor (über 10PS) also kein Serienmodell, kostet mich 800€. Diese Motoren haben keine Kohlen, das ist einfach nur eine Spule mit Kern umgeben von Permanent Magneten. Gerne die Umwelt retten, dann aber bitte zu fairen Konditionen. Ansonsten bleib ich bei meinem Ebike :)
dirk1962 09.06.2017
2. Endlich etwas verstanden
Ein anderer Fahrstil ist eben das Geheimnis bei Elektro und Hybridfahrzeugen. Klar, dem Deutschen Deppen schwer zu vermitteln, weil er doch an jeder Ampel zeigen Muß was er für ein toller Kerl ist. Von der Autobahn ganz zu schweigen. Unsere Nachbarn in Europa sind da viel weiter. Da ist Gelassenheit angesagt. Wer Mal in den USA unterwegs war weiß was ich meine. Naja, zumindest der Autor hat es verstanden.
visitor_2007 09.06.2017
3. Wie Freud schon sagte..
"der Selbstverrat schwitzt uns aus allen Poren"...Wenn es für diese simple Erkenntnis: "Ich fahre insgesamt gelassener. Gerade im zähfließenden Verkehr der Rush Hour kann man gut Strom sparen. Was nützt es mir, erst spät zu bremsen, oder auf einem freien Streckenabschnitt so richtig aufs Pedal zu treten, wenn ich hinter der nächsten Kurve eh wieder im Stau stehe? Zeit spare ich dadurch jedenfalls nicht." ein Elektrofahrzeug braucht - oh je. Das ist mein Standardverhalten seit eh und je.
Skarrin 09.06.2017
4. Na also
Am Anfang hatte ich ja wieder mal das Schlimmste befürchtet aber so langsam wird's doch :-) Wo ist eigentlich die gar fürchterliche Reichweitenangst geblieben, die doch angeblich jeder E-Fahrer pausenlos haben muss? Haben in Wirklichkeit wohl doch nur die Auspufffreaks, die sich nie in ein E-Auto setzen würden.
freudentanz 09.06.2017
5. Nochmals Danke
für diese informative Serie. Manches war erhellennd manches bleibt (noch) unklar aber insgesamt habe ich viele positive Infos hier bekommen. Die spezialisierten Foren sind eine Katastrophe da man ohne elektrotechnischnes Studium nicht mitreden kann. Leider gibt es auch noch ein eklantantes Wissensdefizit bei den Händlern. Deshalb habe ich die Fragen hier hergestellt und diese wurden auch beantwortet (Danke!) aber leider decken die sich nicht mit den Händleraussagen also muss man wohl direkt mit dem Hersteller Kontakt aufnehmen. Das E-Mobile noch nicht alle Pendler-Notwendigkeiten erfüllen hat diese Serie auch gezeigt und da wird es wohl das größte Konfliktpotential geben, daß eben die "kleinen" Pendler von den Städten geschröpft werden. Leider sind es meist diese Pendler die von der urbanen Elite verachtet wird. Ob sich die Autohasser und die Tempo-200 Fraktion mit dem Thema arrangieren wage ich zu bezweifeln. Natürlich wird auch der Staat dem ganzen nicht tatenlos zusehen und irgendwann abgreifen. Wenn ich das Geld hätte ... mit ein paar positiven Rückmeldungen von den Herstellern ... mit ein paar Km mehr Reichweite ... könnte ich mir so eine Karre vorstellen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.