Elektroautos von Mercedes Die blaue Null

Mercedes unter Strom: Auf der Detroit Motorshow werden die Schwaben gleich drei Elektroautos auf Basis der B-Klasse präsentieren. Zudem kündigte Mercedes an, künftig selbst Lithium-Ionen-Batterien in Deutschland zu produzieren - gemeinsam mit dem Partner Evonik.


Die 100 Elekto-Smart in London waren nur der Anfang. Mercedes arbeitet an mehreren neuen Elektroautos. Das ist die Botschaft dreier Studien, mit denen die Schwaben im Januar auf der Motorshow in Detroit auftrumpfen wollen. In Gestalt einer weiterentwickelten B-Klasse zeigt Mercedes unter dem Namen Blue Zero drei für unterschiedliche Reichweiten zugeschnittene Lösungen.

Daher auch der alberne Name: Blau, weil Mercedes offenbar das Wort Grün für die Öko-Modelle scheut; Zero, weil bei immmerhin zwei der drei Studien keine Abgase mehr aus dem Auspuff kommen. Dass die Schwaben gleich mit drei Varianten in die Zukunft stromern, zeugt nicht von Entscheidungsschwäche. Daimler-Chef Dieter Zetsche erklärt es so: "Das flexible Konzept ermöglicht Elektromobilität für jeden Bedarf." Jedes der drei Autos ist für unterschiedliche Reichweiten ausgelegt. Das Format des Trios wiederum ist identisch: 4,22 Meter lang, 1,89 Meter breit und 1,59 Meter hoch.

Allen drei Typen gemein ist das futuristische Design mit verkleideter Hakennase, filigran gestalteten Schweinwerfen und den teils transparenten Karosserieblechen. Außerdem der Elektromotor, der auf eine Dauerleistung von umgerechnet 95 PS und 180 Nm kommt. Kurzfristig stellt er sogar 136 PS und 320 Nm bereit, hat also ungefähr so viel Mumm wie ein V6-Benziner. Der Motor beschleunigt die Blue-Zero-Modelle in weniger als elf Sekunden auf Tempo 100 und weiter bis auf 150 km/h. Schneller geht es nicht, die Energie soll schließlich nicht in Geschwindigkeitsorgien verpuffen, sondern Reichweite bringen.

Je nach Einsatzzweck unterschiedliche Antriebssysteme

Die Unterschiede der Autos stecken in der Stromversorgung und damit im Aktionsradius: Bei der Version E-Cell kommt die Energie aus einem 35 kWh großen Litihium-Ionen-Akku, der Strom für maximal 200 Kilometer speichern kann. Zum Laden der leeren Batterie muss der Wagen vier Stunden an einer normalen Haushaltssteckdose angeschlossen werden; mit einer speziellen 15 kW-Buchse klappt es in der halben Zeit. Genug Energie für 50 Kilometer Fahrt wäre dann bereits nach 30 Minuten vorhanden.

Als Vision für die Mittelstrecke ist der Mercedes Blue-Zero-F-Cell gedacht. Bei diesem Modell wird der Strom an Bord von einer Brennstoffzelle aus Wasserstoff erzeugt. Wäre das Gas tatsächlich schon an Tankstellen verfügbar und würde es CO2-neutral hergestellt, komme man mit dieser Studie pro Wasserstoff-Tankfüllung 400 Kilometer weit, und aus dem Auspuff würde nichts als Wasserdampf hervorquellen.

Elektroauto mit Verbrennungsmotor für mehr Reichweite

Weil es bis dahin noch etliche Jahre dauern kann, gibt es als dritte Variante den Blue-Zero-E-Cell Plus. Ähnlich wie der Chevrolet Volt bekommt dieser Prototyp einen sogenannten Range Extender. Im Mercedes-Modell ist das der 68-PS-Dreizylindermotor aus dem Smart, der während der Fahrt als Generator fungiert und die 17,5 kWh große Batterie lädt. Die Maschine sitzt in der Reserveradmulde und erhöht die Reichweite auf rund 600 Kilometer.

Die neue Blue-Zero-Flotte ist auch eine späte Genugtuung für die Entwickler der jetzt elf Jahre alten A-Klasse, die mittlerweile in der zweiten Generation fährt und mit der B-Klasse einen großen Bruder bekam. Bislang wurden die Konstrukteure wegen des doppelten Bodens des Fahrzeugs (der sogenannten Sandwich-Bauweise) stets gescholten. Nun aber erweist sich genau dies als Glücksgriff, weil darin die Zusatzkomponenten der Elektroantriebe untergebracht werden: Ob Batterie oder Brennstoffzelle - alles verschwindet Unterflur.

Mercedes stopft die Technik in den doppelten Boden

Während andere Elektroautos wie der Tesla Roadster oder der Mini E Stauraum oder gleich die Rückbank opfern müssen, bleiben beim Mercedes-Stromer alle fünf Sitze erhalten, und der Laderaum fasst mehr als 500 Liter. Außerdem seien die teuren Komponenten im Souterrain besonders Crash-sicher untergebracht und senkten obendrein den Schwerpunkt, argumentieren die Techniker.

Der gravierende Schönheitsfehler des Konzepts: Es lässt sich noch nicht umsetzen. Für Kleinserien taugt die Technik immerhin, weshalb noch auf Basis der aktuellen B-Klasse im nächsten Jahr weitere Brennstoffzellenautos und ab 2010 auch ein Elektro-Mercedes gebaut werden soll. Doch für nennenswerte Stückzahlen mangelt es sowohl an einer Infrastruktur für Wasserstoff wie auch für Batterien.

Mercedes und Evonik bauen Lithium-Ionen-Batterien

Doch zumindest dieses Problem will Mercedes nun selbst in die Hand nehmen. Nachdem die Zulieferer offenbar nicht schnell genug vorankommen und die Schwaben bereits mehr als 600 Patente rund um das Thema batteriegetriebene Fahrzeuge halten, starten sie nun eine eigene Batterieproduktion. Heute kündigte Daimler ein Joint Venture mit dem Energieversorger Evonik an. Beide Großkonzerne wollen darin die Entwicklung und Herstellung von Batteriezellen und -systemen vorantreiben.

Weil die Evonik-Tochter Li-Tec über serienfähige Batterien verfügt und Mercedes über das nötige Pkw-Wissen, soll die Technik bereits kurzfristig in Mercedes-Fahrzeugen zum Einsatz kommen. Für die Zukunft planen beide Unternehmen, die Hightech-Batterien auch an Dritte weiterzuverkaufen.



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