Elektrofahrrad Mit dem Strom radeln

Wem das Strampeln aus eigener Kraft zu mühsam ist, kann sich ein Bike mit Batterie zulegen. Beliebt sind die umweltfreundlichen Zweiräder besonders in Norddeutschland: Die steife Brise hinter Deich scheint Radfahrern eher den Atem zu nehmen als Berganstiege.


Elektrofahrrad: Für die Extraportion Schubkraft sind 1500 bis 2500 Euro anzulegen
GMS

Elektrofahrrad: Für die Extraportion Schubkraft sind 1500 bis 2500 Euro anzulegen

Tanna/Schönau - "Die Räder mit Elektromotor sind nicht nur für ältere Personen, einige Modelle fordern geradezu eine sportliche Fahrweise heraus", sagt Hannes Neupert von ExtraEnergy im thüringischen Tanna, einem unabhängigen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Elektrofahrräder zu testen. "Viele sind beim ersten Fahren überrascht."

Die Modellpalette reicht von klassischen E-Bikes - elektrisch angetriebenen Leichtmofas - bis zu so genannten Pedelecs, bei denen der Radfahrer nur beim Strampeln unterstützt wird. "Bei E-Bikes kann der Fahrer am Griff Gas geben, ohne selbst in die Pedale treten zu müssen", erläutert Neupert. Bei Pedelecs wird dagegen die Motorleistung über einen Kraft- oder Bewegungssensor durch die Muskelkraft des Fahrers gesteuert. Ähnlich der Servolenkung beim Auto unterstützt der Motor lediglich die Bewegung des Fahrers: Wer gar nicht in die Pedalen tritt, kommt auch nicht vom Fleck.

Auch rechtlich bestehen Unterschiede zwischen beiden Fahrradtypen: Um ein E-Bike mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 20 Kilometer pro Stunde (km/h) fahren zu dürfen, ist in Deutschland ein Mofa- oder anderer Führerschein notwendig. Das Mindestalter des Fahrers liegt bei 16 Jahren. Zudem benötigen E-Bikes ein Versicherungskennzeichen, Helmpflicht besteht nicht. "Pedelecs dagegen dürfen auch Kinder fahren", erklärt Neupert. Bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 24 km/h betrachte der Gesetzgeber sie als Fahrräder.

Elektrofahrrad von Sachs: Die batteriegetriebenen Zweiräder wiegen nur noch circa 10 Kilogramm mehr als die herkömmlichen
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Elektrofahrrad von Sachs: Die batteriegetriebenen Zweiräder wiegen nur noch circa 10 Kilogramm mehr als die herkömmlichen

Bislang fristen Elektroräder allerdings ein Nischendasein: Ihr Marktanteil liegt in Deutschland Neupert zufolge deutlich unter einem Prozent. Im Gegensatz zum gesamten Radmarkt seien die Verkaufszahlen bei Rädern mit Elektroantrieb jedoch im vergangenen Jahr gestiegen, so Axel Reinhard, Vertriebsleiter beim Hersteller Heinzmann in Schönau im Schwarzwald. Das Problem der Konstrukteure sei, leistungsstarke Akkus mit einem vertretbaren Gewicht einzubauen. Obendrein solle das Ganze möglichst elegant wie ein herkömmliches Fahrrad aussehen - und nicht wie der Prototyp eines Bastlers.

Mittlerweile bringen die Räder laut Reinhard mit Akku und Motor mit einem Gewicht von knapp unter 30 Kilogramm nur noch rund zehn Kilogramm mehr als herkömmliche Räder mit Stahlrahmen auf die Waage. "Auch die Zuverlässigkeit ist besser geworden", so der Vertriebsleiter. Als Stromspeicher dienten heute in der Regel Nickel-Cadmium- (Ni-Cd) und Nickel-Metallhydrid-Akkus (Ni-MHd). Zukünftig könnten auch Lithium-Batterien eingesetzt werden. Die sind zwar teuer, doch bei gleichem Volumen wiegen Lithium-Batterien nur halb so viel wie die bisher verwendeten Stromspeicher - gegenüber denen sie sich auch durch eine längere Lebensdauer auszeichnen.

Käufer schätzten vor allem Modelle mit möglichst großer Reichweite, sagt Dieter Scholz, Marketingleiter beim Hersteller Sachs in Nürnberg: "Die Kunden wollen die Gewissheit haben, dass sie von einer Tagestour auch wieder zurückkommen." Je nach Motorausführung reiche die Energie eines Pedelecs für rund 70 Kilometer, bei E-Bikes für die Hälfte.

Als einen Grund für den Dornröschenschlaf der motorisierten Drahtesel hat Radexperte Neupert allerdings auch das noch lückenhafte Händlernetz ausgemacht. Auch die Preise dürften für manchen muskelschwachen Freizeitradler eine Hemmschwelle darstellen: Für die Extra-Portion Schubkraft müssen Radfahrer laut Neupert mindestens 1300 Euro auf den Tisch legen. "Alles was günstiger ist, taugt nichts", so sein Urteil. Billiger seien die Räder, Motoren und Batterien einfach nicht zu produzieren. "Die Mehrheit der angebotenen Modelle liegt preislich zwischen 1500 und 2500 Euro."

Angesichts der Typenvielfalt, sei es unmöglich zu sagen, welches das beste ist. Der so genannte Unterstützungsgrad der Räder sei von Modell zu Modell sehr unterschiedlich. Je nach Motorleistung schiebt den Radfahrer mal ein starker "Rückenwind" an, der die Muskelkraft glatt verdoppelt, oder es unterstützt ihn beim Berganstieg nur ein schwaches Lüftchen.

Von Arnd Petry, gms



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