Elektromotorrad Zero SR/F im Test Schlussakkord in doll

E-Bikes wurden von Hardcore-Bikern lange belächelt. Mit dem brachialen Modell SR/F läutet Branchenpionier Zero Motorcycles nun die Totenglocke für klassische Motorräder: Mehr geht auch mit Verbrenner nicht.

Jochen Vorfelder

Der erste Eindruck: kompakt und elegant.

Das sagt der Hersteller: "Das können wir noch besser". Dieser Satz platzte im März 2011 aus dem jungen Entwicklungsingenieur Abe Askenazi heraus. Askenazi hatte vor seinem Engagement beim amerikanischen Elektromotorrad-Hersteller Zero Motorcycles bei der Traditionsmarke Buell gewirkt, wo er sich mit schweren V2-Motoren aus dem Hause Harley-Davidson beschäftigt hatte. Nun wohnte er im kalifornischen Santa Cruz der Präsentation des Modell Zero DS bei - dem ersten ernst zu nehmenden und in Deutschland zulassungsfähigen Elektromotorrad der Marke. Damals war Askenazi von seinem Produkt offenbar nicht besonders überzeugt.

Heute ist Abe Askenazi der Chief Technology Officer bei Zero. Er zeichnet auch für die SR/F verantwortlich und hat sein Versprechen von 2011 gehalten. Der aktuelle Elektro-Streetfighter für das Modelljahr 2020 ist nicht nur das drehmomentstärkste und schnellste Bike, das die Kalifornier bis heute auf die Räder gestellt haben. Es ist auch ein schönes Motorrad, nach dem sich selbst E-Bike-Hasser umdrehen. Abe Askenazi sagt zur SR/F: "Das ist das Motorrad, das wir seit 13 Jahren bauen wollten."

Das ist uns aufgefallen: Vor dem Start macht sich die Zero SR/F klein. Man kauert gedrungen hinter dem breiten Streetfighter-Lenker; mit einer Sitzhöhe von nur 787 mm ist die Maschine für eher kleinere Fahrer optimiert. Für größere Piloten ab etwa 1,80 Meter wird der Kniewinkel auf Dauer unangenehm.

Bis auf den fehlenden Kupplungshebel ist die SR/F ein voll ausgestattetes Naked Bike: ein tiefes, lauerndes Auge als Beleuchtung, unverkleidete Fronten, dazu eine schmale Taille und ein fast nacktes Heck. Man findet sich sofort zurecht, und ab geht die wilde Fahrt: Die 190 Nm Drehmoment schieben die 220 Kilogramm Gesamtgewicht derart vehement der 200 km/h-Begrenzung entgegen, dass der Atem stockt.

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Elektromotorrad Zero SR/F im Test: Schub ohne Ende

Die Zero SR/F beweist mal wieder: Der Beschleunigung eines losgelassenen E-Motors ohne Schaltunterbrechung kann kein Serien-Verbrenner folgen. Gut, dass Zero der SR/F zur Bändigung der Kraft einen neuen, sehr spurstabilen Gitterrohrrahmen, gute Bremsen und eine fein reagierende Showa-Gabel spendiert hat.

Auch die Steuerungselektronik der SR/F ist auf den aktuellen Stand: Um die brachiale Gewalt unter Kontrolle zu halten - was in der Vergangenheit bei einigen Zero-Modellen schwierig war -, haben die Kalifornier erstmals in einem Elektromotorrad die Bosch-Motorrad-Stabilitätskontrolle verbaut.

Zusätzlich wird die Elektropower durch mehrere Fahrmodi geregelt: Der Sport-Modus bringt volle Akku-Kraft, doch bei einem Streetfighter ohne aerodynamische Verkleidung ist die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h ein eher theoretischer Wert. Bei einer Beschleunigung von null auf Tempo hundert in gut drei Sekunden ist die kurvige Landstraße die Domäne der Zero. Im Street-Modus wird bei Tempo 175 abgeregelt, im Rain-Modus bei 160 km/h, im Eco-Modus bei 120 km/h. Im Eco-Modus ist die stärkste Rekuperation voreingestellt: Hier wirkt der E-Motor als Motorbremse und speist die Bremsenergie in den Akku ein.

Die neueste Version der Zero-Steuerelektronik mit Namen "Cypher III" befeuert auch das TFT-Display im Fahrzeugcockpit. Die lichtstarke Anzeige mit allen nötigen Informationen wird dominiert von einem farbigen Ring, der die Tempoanzeige einrahmt. Der Ring zeigt den "SoC", dem State of Charge, und damit die Restfahrtstrecke an. Je nach Fahrmodus verändert der Ring die Farbe: Bei Eco ist er grün, bei Street türkis, Rain und Custom (frei konfigurierbar) teilen sich die Farbe Dunkelblau, Sport strahlt orangefarben.

Das muss man wissen: Im Vergleich zu den Modellen von 2011, die trotz der elektronischen Drosselung auf maximal 110 km/h nach 140 Stadtkilometern schlappmachten, fahren aktuelle Zero-Bikes wie die SR/F in einer anderen Liga.

Zero verspricht bei der SR/F - mit einem Lithium-Ionen-Akku und der Maximalkapazität von 14,4 kWh - innerorts bei üblichem Stop-and-go eine Reichweite von 259 Kilometern, auf der Landstraße sind realistisch bis zu 160 Kilometer drin. Noch vor Jahresende 2019 soll ein zusätzlicher Batteriesatz, der "Powertank", erhältlich sein. Damit soll man dann innerorts 320 Kilometer weit kommen; auf der Landstraße - und beim Wochenendausflug - wären dann wohl 200 Kilometer mit einer Ladung drin.

Fahrzeugschein
Hersteller: Zero Motorcycles
Typ: Zero SR/F Standard
Karosserie: Motorrad
Motor: Elektromotor
Getriebe: Direktübersetzung
Leistung (E-Motor): 110 PS (82 kW)
Drehmoment (E-Motor): 190 Nm
Höchstgeschw.: 200 km/h
Gewicht: 220 kg
Preis: 20.790 EUR

Auch die Standzeiten haben sich verkürzt. Früher wurden die Zero-Modelle ausschließlich mit einem handelsüblichen Netzstecker geladen und hingen bis zu acht Stunden an der Dose. Jetzt ist unter einer zusätzlichen Klappe im als Tank getarnten Staufach eine Schnellladebuchse eingebaut. Die Standardausführung wird serienmäßig mit einer 3,0-kW-Einheit geliefert; die Premiumversion der SR/F hat bereits einen 6,0-kW-Lader zusätzlich zu einem Wildschild und Heizgriffen. Beide Versionen können um 6,0 kW erweitert werden. Das bedeutet in der Praxis, dass die Zero SR/F je nach Ausführung zwischen einer und 4,5 Stunden für eine Vollladung an die Steckdose muss.

Ein Schnäppchen ist die Zero - in Rot oder Taubenblau - in keinem Fall: Zwischen 20.790 und 26.485 Euro kostet eine SR/F, je nach Ausführung. Im gleichen Preissegment bewegen sich auch die aktuellen Modelle von Energica wie die EsseEsse9. Die neue Harley-Davidson LiveWire kostet gar ab 32.995 Euro.

Das werden wir nicht vergessen: Welche Entwicklung Elektromotorräder in den vergangenen zehn Jahren gemacht haben. Dafür gibt es kein besseres Beispiel als die Zero SR/F. Als Zero im Sommer 2010 erste Prototypen auf einem abgesperrten Hamburger Parkplatz vorstellte, war die Enttäuschung groß. Die angekündigte "Weltsensation" entpuppte sich als schlecht verarbeitetes Mountainbike mit angeflanschtem E-Motor und billigen Baukomponenten. Zulassung für den deutschen Markt: Fehlanzeige. Reichweite und Ladezeit: unklar.

Heute ist die Zero SR/F mit Blick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis unangefochten der E-Bike-Champion. Hier fährt die Zukunft.



insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
greiband51 30.10.2019
1. Fahren Sie mit?
Am Freitag machen wir eine Ausfahrt von Cancún nach Valladolid, in Mexiko. wir sind sind 5 Mororradfahrer und fahren mittelgrosse Bikes, von 400 bis 800 cc. Die Strecke sind einfach etwa 200 Km. Wir wollen dort in einem typischen Lokal gut essen und anschliessend zurückfahren. Solange man für die Rückfahrt mit diesem e-Gefährt einen Abschleppwagen braucht, ist das Ding nicht Strassentauglich, ausserdem ist es natürlich wahnsinnig teuer. Die e-Branche braucht wohl noch ein paar Jahre um bei so etwas mithalten zu können. Sie schreiben von e-Bike "Hassern", das ist schon eine ziemlich armselige Aussage, ich glaube nicht dass irgendjemand die Dinger hasst, sie taugen halt einfach nur zum Brötchen holen um die Ecke bevor sie wieder eine Weile an die Ladestation müssen. Melden Sie sich wieder, wenn Sie etwas haben mit dem sie mitfahren können und das etwa 50% weniger kostet.
dolfi 30.10.2019
2. Nischenprodukt
Natürlich ist die Zero in Sachen Beschleunigung den heutigen Nakeds überlegen. Und natürlich ist sie ein perfektes Gerät für die Feierabend-Hatz auf der Hausstrecke. Aber sind wir uns doch einmal ehrlich: Die Biker-Fraktion ist konservativ. Denn wenn ich für das gleiche Geld eine R 1200 R mit Vollausstattung bekomme, kann die Zero (oder auch gerne die E-Harley) maximal ein Drittmotorrad für wohlhabende Zahnwälte sein. Ja, es ist die Zukunft, aber nicht heute.
inmado 30.10.2019
3. "Totenglocke für klassische Motorräder"?
Rund 25 k€ für eine Reichweite von nur 200 km? Vermutlich im "Eco-Modus". Danach ein bis vier Stunden Aufladen Das ist nun wirklich kaum konkurrenzfähig.
chilibär 30.10.2019
4. Und ich lächle weiter
Design, Preis, Reichweite. Mehr sag ich nicht. Als Hardcore-Biker und ewig Gestriger habe ich mir deshalb vor 4 Wochen noch einen zweiten Verbrenner geleistet. Und wenn ich damit durch den Schwarzwald fahre und jemanden mit nem Kabel an der Strasse stehen sehe, werde ich an diesen Artikel denken. Kling Glöckchen, klingelingeling...
flyhi152 30.10.2019
5.
Die wenigsten Harley Fahrer werden sich von den Fahrleistungen überzeugen lassen - in erster Linie geht es bei Harley um den Sound (Krach....) Das allererste was der typische amerikanische Harley Fahrer an seiner Maschine verändert ist der Endschalldämpfer, je lauter desto besser. Die Polizei kümmert sich in den USA ohnehin nicht darum ob die Auspuffanlage legal ist oder nicht.
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