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09. April 2018, 06:21 Uhr

Elterntaxis

Autofahren schadet Kindern doppelt

Von Haiko Prengel

Immer mehr Kinder werden mit dem Auto zur Schule oder Kita gebracht. Das schadet Umwelt und Lernverhalten gleichermaßen, kritisiert der Umweltverband BUND. Mit einer Initiative will er die Elterntaxis stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Jung, warum können Kinder nicht mehr zu Fuß zur Schule laufen?

Gabi Jung: Das ist ein schwieriges Thema. Viele Eltern haben Angst, dass der Weg zur Schule nicht mehr sicher ist. Gerade im morgendlichen Berufsverkehr sind die Straßen ja voller Autos.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist die Sorge doch berechtigt, oder?

Jung: Ja, aber diese Eltern tragen dann paradoxerweise selbst zum erhöhten Verkehrsaufkommen bei, das sie so gefährlich finden, indem sie ihr Kind zur Schule fahren. Sie gefährden einerseits die Kinder vor der Schule und auch ihre eigenen Kinder, die vom Rücksitz aus nicht lernen können, sich sicher im Verkehr zu verhalten. Manchmal ist auch die Angst vor Übergriffen ein Thema. Im Großen und Ganzen ist der Schulweg aber nicht unsicherer als vor zehn oder 20 Jahren. In der Regel gibt es keinen Grund, nicht zur Schule zu laufen.

SPIEGEL ONLINE: In den Siebzigerjahren machten sich noch rund 90 Prozent der deutschen Grundschüler allein auf den Schulweg. 2016 waren es nach einer Forsa-Umfrage nur noch 37 Prozent, also jedes dritte Grundschulkind.

Jung: Das ist bedauerlich, denn die Fahrerei schadet auch dem Lernverhalten, wie eine Studie aus Schweden gezeigt hat. Psychologen der Universität Karlstad beobachteten Schüler aus der vierten, sechsten und achten Klasse. Das Ergebnis: Kinder, die ständig mit dem Auto gebracht wurden, zeigten sich im Unterricht müde und passiv. Auch für das Sozialverhalten ist es am besten, wenn Kinder gemeinsam mit Freunden zur Schule laufen.

SPIEGEL ONLINE: Beim BUND haben Sie eine Initiative gestartet, damit wieder mehr Schulkinder zum Unterricht gehen. Erfolgreich?

Jung: Wir rufen regelmäßig zur Beteiligung an der Aktion "Zu Fuß zur Schule und zur Kita" auf. Teilnehmende Schulen bekommen Mobilitätsberatung von uns und Materialpakete, in denen zum Beispiel große "Zu Fuß zur Schule"-Transparente zum Bemalen drin sind. Die sind wasserfest und können jedes Jahr wieder an der Schule aufgehängt werden. 2017 hatten wir in Berlin nachweislich 78 Schulen und 43 Kitas, die sich in unterschiedlicher Form beteiligten. Bundesweit gibt es weitere Initiativen. Seit 2007 ruft etwa der Verkehrsclub Deutschland (VCD) gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhilfswerk zu einem ähnlichen Programm auf, um Kinder fit für den Schulweg zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man den Stau vor den Schultoren auflösen?

Jung: Vielfach gibt es tatsächlich Verkehrssicherheitsprobleme bei der Infrastruktur im Schulumfeld wie zu wenig Tempo 30, fehlende Ampeln oder Zebrastreifen. Ärgerlich ist aber auch das Fehlverhalten von Autofahrern, die zu schnell fahren oder falsch parken. Zugeparkte Überwege sind eines der größten Sicherheitsprobleme auf den Schulwegen. Kinder können durch die falsch abgestellten Autos nicht gut sehen und werden gleichzeitig von Autofahrern übersehen. Da haben wir ein großes Problem bei der Überwachung. Falschparken wird viel zu selten geahndet. Es fehlt bei vielen Autofahrern das Bewusstsein, dass sie Kinder gefährden, wenn sie Kreuzungen bis zur Ecke zuparken (ohne die fünf Meter Abstand von der Ecke einzuhalten).

SPIEGEL ONLINE: Was können die Kitas und Schulen tun, um die Situation zu entspannen? Fehlen dort Mobilitätsberater und Lotsen?

Jung: Die Schulen können zusätzliche Möglichkeiten schaffen wie "Elternhaltestellen". Eltern, die ihre Kinder unbedingt mit dem Auto bringen "müssen", parken dann nicht direkt vor der Schule, sondern einige Meter entfernt. Die Kinder gehen dann die letzten paar Hundert Meter selbstständig sicher zur Schule. Dies ist aber nur eine Notlösung, die "Elternhaltestellen" sollten eingebunden sein in ein Gesamtkonzept zur Förderung nachhaltiger Mobilität. Auch sogenannte Schul-Laufbusse wären eine Lösung, also ein morgendlicher Treffpunkt in der Nähe, von denen aus die Kinder gemeinsam zur Schule gehen. Ältere, besonders dafür ausgebildete Schüler begleiten die jüngeren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Eltern? Inwieweit müssen sie ihr Verhalten hinterfragen?

Jung: Es ist schwierig, dauerhafte Verhaltensänderungen zu erreichen. Deshalb fangen wir mit der Aufklärungsarbeit bereits in der Kita an. Kinder müssen in den Straßenverkehr hineinwachsen und lernen, sich dort sicher zu bewegen - zunächst gemeinsam mit den Eltern und dann peu à peu selbstständig.

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist, wenn die Schule kilometerweit entfernt liegt, in einem anderen Stadtteil?

Jung: Diesen Trend gibt es leider auch, nämlich Kinder zu einer Schule mit besonderem pädagogischen Profil wie Waldorf oder Montessori-Schulen zu schicken - auch wenn diese weit weg liegen. Dabei stellt die Montessori-Methodik etwa nicht nur die Individualität der Kinder in den Vordergrund, sondern auch das Verantwortungsbewusstsein für Umwelt und Mitmenschen. Gleichzeitig nehmen die Eltern der Schüler durch ihre täglichen motorisierten Chauffeurdienste die zusätzliche Verkehrsdichte und höhere Umweltbelastung in Kauf - zum Teil unbewusst, teils wohl auch bewusst.

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