Energieexperte Willenbacher "Fürs Elektroauto sind keine neuen Kraftwerke nötig"

Kritiker des Elektroautos sagen, die als sauber angepriesenen Fahrzeuge seien in Wahrheit Dreckschleudern - schließlich müsse der Strom irgendwo herkommen. Energieexperte Matthias Willenbacher erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, wie E-Autos CO2-neutral fahren könnten.

SPIEGEL ONLINE: Elektroautos erhöhen den Strombedarf - brauchen wir also in Zukunft neue Atom- oder Kohlekraftwerke?

Matthias Willenbacher: Ich bin überzeugt, dass wir unseren Energiebedarf zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien decken könnten. Das gilt nicht nur für Heizung und Licht, sondern auch für Mobilität. Für das Elektroauto brauchen wir kein einziges neues konventionelles Kraftwerk.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das funktionieren?

Willenbacher: Zwei Beispiele - wir haben einen Carport mit Solarzellen auf dem Dach entwickelt, der pro Stellplatz genug Strom für 12.000 Kilometer pro Jahr vom Himmel holt. Und wir errichten demnächst Windkraftanlagen mit einer Jahresproduktion von 20 Millionen Kilowattstunden. Die Rotoren produzieren genug Strom, damit 6000 Autos pro Jahr jeweils 15.000 Kilometer fahren können.

SPIEGEL ONLINE: Klingt etwas mickrig - in Deutschland gibt es schließlich 48 Millionen Autos.

Willenbacher: Wenn Elektroautos teils mit Solar- und teils mit Windenergie fahren, dann reicht eine Windkraftanlage nach unseren Berechnugen für 12.000 Autos. Um den gesamten deutschen Fuhrpark zu versorgen, wären also 4000 Anlagen nötig. Für die eine Million Elektroautos, die von der Bundesregierung bis 2020 gefordert werden, würden gut 80 Turbinen ausreichen. Bei etwa 20.000 bereits jetzt installierten Anlagen ist das ein Klacks. Die elektrische Mobilität wird nicht an den fehlenden erneuerbaren Energien scheitern.

SPIEGEL ONLINE: Schon jetzt gibt es Kritik wegen der Verspargelung der Landschaft und dem Lärm der Rotoren…

Willenbacher: …mit Windrädern der modernsten Generation ließe sich die Stromerzeugung vervielfachen und gleichzeitig die Zahl der Anlagen deutlich reduzieren. Zum Lärm: Eine Straße darf unmittelbar vor dem Haus entlang führen, jedes einzelne Auto macht Krach. Aber Windkraftwerke müssen hunderte Meter Abstand einhalten, weil sie angeblich so laut und störend sind - was im Übrigen nicht stimmt. Da wird mit zweierlei Maß gemessen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn genug Standorte vorhanden sind, neue Anlagen würden immens viel Geld kosten. Wer soll das bezahlen?

Willenbacher: Eine große Windkraftanlage kostet einen kleineren zweistelligen Millionenbetrag, und für einen Solar-Carport muss man gut 3000 Euro kalkulieren. Dafür erzielt man auch auf konkurrenzlos günstige Treibstoffpreise. Den Windstrom gibt es schon für 6 bis 9, den Solarstrom für 32 bis 43 Cent pro Kilowattstunde, wobei der Preis für Solarstrom durch die Degression der garantierten Einspeisevergütung pro Jahr um etwa zehn Prozent sinkt. Wer Sonnenkollektoren über dem Stellplatz installiert und ein Elektroauto fährt, hat die Investition nach 50 bis 60 eingesparten Benzinfüllungen wieder raus.

SPIEGEL ONLINE: Der Staat muss einerseits investieren und andererseits um die Einnahmen aus der Mineralölsteuer fürchten. Kann das gut gehen?

Willenbacher: Ich bin überzeugt, dass die Volkswirtschaft sogar gewinnt. Sehr viel Geld, das wir an der Tankstelle lassen, fließt nach Dubai oder Saudi Arabien. Mit erneuerbaren Energien schaffen wir die Wertschöpfung dagegen im eigenen Land. Das dürfte mehr sein als ein Ausgleich für die entgangene Mineralölsteuer.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das alles so unkompliziert ist, wann kommt dann der große Durchbruch?

Willenbacher: Das Thema rollt jetzt an. In den nächsten Jahren werden Fahrzeugangebot und die entsprechende Energieversorgung noch langsam wachsen, aber dann geht es Schlag auf Schlag. Spätestens in 20 Jahren wird es fast nur noch Elektroautos geben.

SPIEGEL ONLINE: Mit dieser optimistischen Prognose stehen sie ziemlich allein. Wie kommen Sie zu Ihren Zahlen?

Willenbacher: Ich verlasse mich ganz auf die Entwicklung der Benzinpreise. Mittelfristig wird das Barrel Rohöl mehr als 200 Dollar kosten. Irgendwann können wir es uns einfach nicht mehr leisten, das restliche Öl im Motor zu verbrennen. Da ist das Fahren mit Strom nicht nur besser, sondern auch billiger.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird es bis dahin fürs Auto brauchbare Akkus geben?

Willenbacher: Auch da bin ich optimistisch. Als ich vor elf Jahren die erste Photovoltaik-Anlage aufs Hausdach montierte, hatte die eine Leistung von einem Kilowatt. Zurzeit bauen wir mit dem Solarpark Lieberose bei Cottbus eine Photovoltaik-Anlage, die mit einer Leistung von 53.000 kW die zweitgrößte der Welt wird. Der Fortschritt kommt, man muss nur wollen.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem eigenen Fuhrpark ist der Fortschritt jedenfalls noch nicht angekommen. Unter ihren Solar-Carports parkt nur ein einziges Elektroauto - ihr Tesla Roadster. Warum so zaghaft?

Willenbacher: Ich fahre seit 2002 elektrisch; erst ein CityEl, dann ein Twike, seit Ende letzten Jahres den Tesla. Wir haben bereits zehn weitere Roadster und elf der neuen Limousinen bestellt. Langfristig wollen wir unseren rund hundert Fahrzeuge umfassenden Firmenfuhrpark komplett auf Elektroautos verschiedener Hersteller umstellen. Aber es gibt zurzeit niemanden, der uns solche Autos verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Nach 4000 Kilometern im Tesla - kann ein Elektromobil im Alltag das Auto wirklich ersetzen?

Willenbacher: Ohne jeden Zweifel! Wenn ich mit dem Tesla unterwegs bin, habe ich ungeheuer viel Fahrspaß, muss kein schlechtes Gewissen haben und komme überall hin.

SPIEGEL ONLINE: Und die limitierte Reichweite des Autos ist kein Problem?

Willenbacher: Im Gegenteil. Der Tesla hängt immer am Netz, so dass die Akkus ständig voll sind. Wenn ich dann ausnahmsweise mal ein konventionelles Auto fahre, vergesse ich regelmäßig zu tanken und komme meistens zu spät.

Das Gespräch führte Tom Grünweg