Erdgasautos Der subventionierte Tritt aufs Gaspedal

Eine echte Wohltat für Umwelt und Geldbeutel: Autos mit Erdgasantrieb produzieren wenig Abgase und senken die Tankkosten. So ist es kein Wunder, dass die Nachfrage steigt. Bei der teuren Anschaffung helfen manchmal Hersteller und Kommunen.


Das schnellste Erdgasfahrzeug der Welt: Designstudie Rinspeed Bedouin

Das schnellste Erdgasfahrzeug der Welt: Designstudie Rinspeed Bedouin

Köln/Bonn - In den vergangenen Jahren hat sich eine Alternative zu konventionellen, immer teurer werdenden Kraftstoffen etabliert, mit der Autofahrer buchstäblich Vollgas fahren und trotzdem sparen können: der Erdgasantrieb. Er verspricht eine Halbierung der Tankausgaben und entlastet dabei nicht nur die Kasse, sondern dank geringerer Emissionen auch die Umwelt.

Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid reduziert sich laut Thomas Hanel vom schwedischen Automobilhersteller Volvo in Köln im Gasbetrieb um etwa 25 Prozent. Smogfördernde Emissionen seien kaum messbar, Partikel oder Geruchsbelästigungen kein Thema mehr. Selbst der Geräuschpegel gehe deutlich zurück.

Für den Antrieb mit Erdgas sprechen nach Angaben des Interessenverbandes "Trägerkreis Erdgasfahrzeuge" in Bonn vor allem aber die deutlich geringeren Betriebskosten: Ein Kilogramm Gas kostet derzeit rund 67 Cent, entspricht aber im Energiegehalt etwa 1,5 Litern herkömmlichen Kraftstoffs. Umgerechnet auf den Energiegehalt eines Liters Benzin ergibt das laut Trägerkreis-Sprecher Christian Jacobs einen Vergleichspreis von 42 bis 48 Cent. Da Erdgas bis 2010 steuerbegünstigt ist, macht das angesichts steigender Ökosteuern auf Benzin und Diesel eine Vergünstigung von rund 70 bis 80 Prozent.

Seltener Anblick: Bisher gibt es nur rund 350 Erdgastankstellen in Deutschland
GMS

Seltener Anblick: Bisher gibt es nur rund 350 Erdgastankstellen in Deutschland

Allerdings profitieren Erdgas-Fahrer nicht zum Nulltarif vom günstigen Treibstoff. Vor dem Sparen steht die Investition für das entweder direkt vom Hersteller oder später bei einem unabhängigen Zulieferer entsprechend umgerüstete Fahrzeug. Der Mehrpreis liegt bei Fahrzeugen ab Werk nach Angaben des Trägerkreises bei zwischen 1500 und 3500 Euro. Eine nachträgliche Umrüstung ist nach Angaben der Initiative gibgas.de in München für 2500 bis 4000 Euro zu haben.

Vielfach dürfen Interessenten aber auf Unterstützung hoffen: Viele Energiekonzerne und Kommunen bezuschussen den Neukauf oder die Umrüstung, manche locken auch mit Tankgutscheinen. Zwei von drei regionalen und lokalen Erdgasversorgern in Deutschland steuern nach Angaben von Opel in Rüsselsheim (Hessen) durchschnittlich 1300 Euro zum Neukauf bei oder unterstützen den Halter im Mittel mit 1500 Kilogramm kostenlosem Kraftstoff.

Das Angebot an Erdgasfahrzeugen ist auf Grund steigender Nachfrage in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. So bietet Volvo die Baureihen S60, S80 und V70 mit entsprechenden Motoren an. VW verkauft seit dem Herbst 2002 Golf und Bora Variant mit Erdgasantrieb, Opel hat den Zafira CNG und einen umgerüsteten Astra Caravan im Angebot. Ford verkauft den Ka und den Focus Turnier mit Erdgasantrieb, Fiat den Multipla. Dazu kommen vor allem für den gewerblichen Einsatz noch Kleintransporter und Kastenwagen.

Durch Gastanks verringert sich der Kofferraum nicht zwangsläufig: Opel Zafira
GMS

Durch Gastanks verringert sich der Kofferraum nicht zwangsläufig: Opel Zafira

Die Fahrleistungen umgerüsteter Modelle ändern sich nach Angaben von VW in Wolfsburg nur minimal. Dank konstruktiver Eingriffe bringen viele Hersteller die Gastanks so unter, dass sich der Kofferraum nicht nennenswert verkleinert. Und auch die Reichweite der Wagen ist durchweg alltagstauglich: Schon mit den Erdgasvorräten allein kommen die Fahrzeuge im Normzyklus meist mehr als 300 Kilometer weit. Weil jedoch viele Modelle noch einen Reservetank mit Benzin an Bord haben, steigt die Reichweite teilweise deutlich über 500 Kilometer.

Wer seinen Wagen allerdings nachträglich umrüstet, büßt in aller Regel wegen der zumeist im Kofferraum montierten Tanks einen großen Teil des Ladevolumens ein. Außerdem gibt es laut "Trägerkreis Erdgasfahrzeuge" beim nachträglichen Umbau häufig Leistungsverluste und mitunter eine schlechtere Schadstoff-Einstufung.

Doch bei aller Vernunft sprechen Erdgasfahrzeuge nicht nur den Verstand an, auch Leidenschaft ist durchaus möglich: Das zeigt in Deutschland etwa der Tuner Abt in Kempten im Allgäu, der regelmäßig auch mit Erdgas-Fahrzeugen am 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring teilnimmt. In der Schweiz veredelt Rinspeed Erdgasautos. Auf dem Genfer Automobilsalon im März zeigte das Unternehmen mit der Designstudie Bedouin das schnellste Erdgasfahrzeug der Welt. Der Wagen basiert auf dem Porsche 911 Turbo und kommt auf 309 kW/420 PS und ein maximales Drehmoment von 560 Newtonmetern. Wer buchstäblich Vollgas gibt, beschleunigt damit in 5,9 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht mühelos die Endgeschwindigkeit von 250 Kilometer pro Stunde.

Das größte Problem der Erdgasfahrzeuge ist derzeit das dünne Tankstellen-Netz. Nach Angaben des "Trägerkreises Erdgasfahrzeuge" gibt es in Deutschland nur rund 350 entsprechende Tankstellen. Jeden Monat kommen aber 15 neue Gas-Zapfsäulen dazu. Addiert man die Ankündigungen der Mineralölindustrie, wächst das Netz bis zum Jahresende auf mehr als 500 Stationen. Bis Ende 2006 sollen es in Deutschland dann mehr als 1000 sein.

Von Thomas Geiger, gms



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