Erste Hilfe bei Verkehrsunfällen Angst und Ekel überwinden

Im Statistischen Bundesamt spricht man von den niedrigsten Todeszahlen seit 50 Jahren. Dennoch sind die heute veröffentlichten Fakten erschütternd: Allein im Mai starben in Deutschland 576 Menschen bei Verkehrsunfällen, 43.200 wurden verletzt. Was können Augenzeugen tun, wenn das Unerwartete passiert? - Experten geben Rat.


 Die ersten Maßnahmen: Unglücksstelle absichern, Hilfe rufen
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Die ersten Maßnahmen: Unglücksstelle absichern, Hilfe rufen



"Das Allermindeste, was ein Mensch tun kann, ist Hilfe zu holen", sagt Willy Fellhauer, zuständig für die Einsatzplanung bei der Feuerwehr Bremerhaven. Der ADAC rät, zuvor die Warnblinker einzuschalten und dann gut sichtbar ein Warndreieck aufzustellen, um weitere Unfälle zu vermeiden. Auf Autobahnen sollte das Warndreieck mindestens 100 Meter vom Unfallort entfernt platziert werden.

Rettungskräfte brauchen präzise Angaben

Anschließend sollte schnellstmöglich der Rettungsdienst informiert werden. Wichtig sei bei einem Anruf unter den Nummern 112 oder 110 die genaue Ortsangabe, sagt Willy Fellhauer. Um Rettern die Anfahrt zu erleichtern, sollten Ortsfremde so exakt wie möglich beschreiben, auf welcher Strecke sie sich befinden und was sie von ihrem Standort aus sehen. "Nützlich sind außerdem Angaben zur Zahl der Verletzten und wenn möglich der Schwere der Verletzungen." Stehen mehrere Autofahrer unschlüssig am Unfallort, sei es hilfreich, wenn einer die Aufgaben verteilt - beispielsweise die Unfallstelle zu sichern oder den Rettungsdienst zu rufen.

Angst vor erster Hilfe

Nicht minder dringlich ist natürlich die Versorgung der Verletzten. Doch gerade davor fürchten sich viele Menschen, da sie oft die Grundregeln der Ersten Hilfe nicht mehr beherrschen. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) haben zwar 80 Prozent der Deutschen im Laufe ihres Lebens einen entsprechenden Lehrgang durchlaufen, zum Beispiel im Rahmen der Fahrprüfung - doch oft liegen diese Kurse 15 Jahre und mehr zurück.

Nicht zuschauen, sondern den Anfang machen

"An der Unfallstelle muss sich jemand einen Ruck geben und den Anfang machen", sagt Ralf Sick, Leiter des Johanniter-Bildungswerks in Münster. "Je mehr Menschen dort sind, desto mehr gucken einfach nur." Einer der Anwesenden müsse "den Mut haben, da ran zu gehen". Und zwar auch, wenn keine umfassenden Kenntnisse in Erster Hilfe vorhanden sind: "Es müsste der natürlichste Instinkt sein, zumindest ruhig mit einem Verletzten zu reden - ihm beispielsweise zu sagen, dass Hilfe unterwegs ist."

Risikofaktor Wirbelsäule

Bei den Entscheidungen kommt es natürlich auch auf Art und Lage der Unfallstelle an. "Alles ist immer ein Abwägen", sagt Sick. Das gilt auch, wenn Verletzte im Auto sind und die Frage aufkommt, ob sie vor Eintreffen der Rettungskräfte herausgeholt werden sollten. Muss zum Beispiel bei einem der Insassen eine Wirbelsäulenverletzung vermutet werden, ist es sicherer, ihn vorerst im Wagen zu lassen. Liegt die Unfallstelle allerdings so, dass ein weiteres Fahrzeug in den Wagen rasen könnte, geht das Leben des Verletzten vor. Ähnlich sieht es aus, wenn der Wagen in Brand gerät.

Schnelle Hilfe für Bewusstlose

Besonders wichtig ist schnelle Hilfe, wenn der Verunglückte bewusstlos ist oder wenn akute Lebensgefahr durch Atem- oder Herzstillstand besteht. Stefan Osche vom DRK rät, Verletzte an den Schultern zu rütteln, wenn sie nach dem Ansprechen keine Reaktion zeigen. Sind sie "erweckbar", ist das Gröbste geschafft. Anders sieht es aus, wenn das Unfallopfer gar nicht ansprechbar ist. Dann rät Osche zu kontrollieren, ob der Verunglückte noch atmen kann. Dazu nähert der Helfer sich mit der Wange dem Mund des Patienten und spürt oder hört die Atmung. Man kann aber auch beobachten, ob der Brustkorb sich noch hebt.

Ekelgefühle überwinden

Ein Bewusstloser darf nicht auf dem Rücken liegen gelassen werden, sondern muss in die stabile Seitenlage gebracht werden, um nicht zu ersticken. Hat die Atmung oder der Kreislauf ausgesetzt, dürfen Helfer nicht in Panik verfallen, sondern müssen schnell etwas tun. "In solchen Fällen muss man sich überwinden, auch über mögliche Ekelgefühle hinweg", sagt Ralf Sick.

Das gilt beispielsweise für die Mund-zu-Nase-Beatmung. Dabei wird der Mund des Opfers mit dem Daumen zugehalten, der Retter atmet normal ein und atmet dann in die Nase des Verletzten aus. Auch die Herz-Lungen-Wiederbelebung funktioniert nicht ohne direkten Körperkontakt, kann aber lebensrettend sein. Dabei nimmt der Retter zwei Mal eine Mund-zu-Nase-Beatmung vor. Dann drückt er 15 Mal schnell auf die untere Hälfte des Brustbeins. Beide Maßnahmen werden so lange wie nötig abwechselnd wiederholt. "Lieber eine schlechte Herz-Lunge-Wiederbelebung als gar keine. Hier kommt es auf die ersten Minuten an", mahnt Ralf Sick.

Alte Kenntnisse auffrischen

Noch besser allerdings ist es, sich auf eventuell nötige Erste-Hilfe-Maßnahmen mit Hilfe von Profis vorzubereiten. Laut dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) in Bonn bieten mittlerweile alle bekannten Hilfsorganisation "Erste Hilfe-fresh up"-Kurse an, bei denen das Wissen über lebensrettenden Sofortmaßnahmen aufgefrischt wird. Die Kurse dauern wenige Stunden und kosten etwa 20 Euro.

Von Heiko Haupt, gms



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