Neue Abgasnorm Der Diesel ist sauber - und kaum einer merkt es

Umweltschützer und ADAC loben Dieselautos der neuesten Generation - doch diese Nachricht geht im Streit um Fahrverbote und Nachrüstungen unter. Für das Überleben des Diesel kommt der Sprung wohl zu spät.

Fahrverbotsschild für Dieselautos in Hamburg
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Fahrverbotsschild für Dieselautos in Hamburg

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Als der französische Autohersteller Peugeot im März dieses Jahres Abgaswerte von fünf Dieselautos präsentierte, gab es Lob von ungewohnter Stelle. "Die Messungen zeigen exzellente Resultate bei Stickoxiden und Zahl der Feinstaubpartikel", pries die Umweltorganisation Transport & Environment die Wagen der Abgasnorm Euro 6d-temp, darunter ein 208er-Modell und zwei 308er. Der französische Naturschutz-Dachverband FNE bestätigte die Messungen.

Aus heutiger Sicht waren die Peugeot-Modelle zusammen mit einigen anderen nur die Vorreiter. Drei Jahre, nachdem der Abgasskandal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, kommen nach und nach neue Dieselfahrzeuge auf den Markt, die auch im Realbetrieb deutlich weniger Stickoxide ausstoßen als gefordert.

Gewaltiger Sprung für die Technik

Mit der neuesten Technik ist der Diesel sauber - nicht weniger legen die Untersuchungen nahe. Fahrverbote müssen die Halter dieser Autos demnach kaum fürchten. Für die Technik ist das ein gewaltiger Sprung. In den Jahren zuvor hatte die Industrie nahezu ausschließlich Dieselfahrzeuge auf den Markt gebracht, die die Labor-Grenzwerte auf der Straße um ein Vielfaches übertrafen. Das hat die Affäre ausgelöst.

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Hardware-Nachrüstung: Ist das die Lösung?

"Die Hersteller haben offenbar verstanden", sagt der Leiter des ADAC-Technikzentrums, Reinhard Kolke. "Die Ergebnisse sind hervorragend. Die untersuchten Dieselautos stoßen nicht mehr Stickoxide aus als vergleichbare Benziner - im Labor und auf der Straße."

Der ADAC hat bereits 14 Diesel mit Euro 6d-temp genau untersucht. "Diese Fahrzeuge stoßen durchschnittlich 76 Prozent weniger NOx aus als Euro-6b-Diesel und 85 Prozent weniger als Euro-5-Diesel", heißt es beim Verkehrsclub.

Schadstoffreduzierung bis 99 Prozent

Stichproben bei Straßenmessungen hätten gezeigt, dass die Schadstoffreduzierung bei guten Modellen im Vergleich zu Euro-5-Dieseln sogar bei 95 bis 99 Prozent liegt. Der sauberste bislang gemessene Diesel sei ein BMW X1 sDrive18d mit nur noch acht Milligramm Stickoxid pro Kilometer. Der Grenzwert liegt bei 168 Gramm.

Unter öffentlichem Druck gelingt der Autoindustrie, was sie jahrelang mit Verweis auf den "Motorschutz" für unmöglich erklärt hatte. Zusätzliche und bessere Katalysatoren, größere Tanks für das Abgasreinigungsmittel Ad Blue - schon kommt hinten nicht mehr Dreck raus als erlaubt. Und das bei realen Fahrbedingungen auf der Straße, ein Anwendungsszenario, das die Hersteller bei der Abgasreinigung lange für nicht beherrschbar hielten.

Knapp 400 Diesel-Modelle mit Euro 6d-temp listet der ADAC auf. Seit September 2017 ist die Norm für neue Typen verpflichtend, ab September 2019 dann für alle neu zugelassenen Fahrzeuge.

Von Comeback-Stimmung für Diesel ist wenig zu spüren

Trotz alledem ist von einer großen Comeback-Stimmung für den Diesel wenig zu spüren. In den vergangenen zwölf Monaten haben die Hersteller ledig 40.000 der gelobten Euro-6d-temp-Modelle zu den Kunden gebracht. Offenbar standen zu wenige der sauberen Wagen tatsächlich zur Verfügung. Vor allem Volkswagen ist bei der neuen Norm spät dran. Der Luft in den Städten bringen die neuen Diesel bisher also kaum etwas.

"Seit zwei Jahren lobpreist die Industrie die neuen Modelle als Problemlösung", sagt Oliver Krischer, Verkehrsexperte der Grünen im Bundestag. "Doch die Autos sind bisher erst in homöopathischen Dosen auf der Straße."

Hersteller missbrauchen Umweltprämie

Stattdessen missbrauchten Hersteller die sogenannte Umweltprämie im vergangenen Jahr munter, um dreckige Altdiesel vom Hof zu bekommen. Fahrer sitzen deshalb in nagelneuen Dieselautos der Normen Euro 6b oder 6c, die oft genauso dreckig sind wie deutlich ältere Wagen und mittelfristig ebenfalls von Fahrverboten bedroht sind. Hersteller hatten die Prämie der Bundesregierung beim Dieselgipfel im Sommer 2017 versprochen und gewährten sie in Form von hohen Rabatten. Käufern sollten mit ihrer Hilfe eigentlich dreckige Autos gegen saubere eintauschen.

Auch für die Zukunft ist keinesfalls sicher, dass die neue Technik den Diesel an glorreiche Zeiten anknüpfen lässt. "Das Käufervertrauen wird sich kurzfristig nicht wiederherstellen lassen", sagt Elmar Kades, Autoexperte beim internationalen Beratungsunternehmen AlixPartners. Viele Autofahrer dächten bei Diesel automatisch an Fahrverbot. Der Gesetzgeber habe bis heute nicht eindeutig klargestellt, dass zumindest die neuesten Diesel langfristig davon verschont blieben. AlixPartners rechnet damit, dass der Diesel in Europa bis 2030 zum Nischenprodukt verkümmert.

"Ruf der Technik ist ruiniert"

"Die Hersteller haben saubere Diesel zu spät ins Rennen geschickt", sagt Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "Der Ruf der Technik ist ruiniert." Daran etwas zu ändern, werde viel Geld kosten und könne Jahre dauern. Zu lange womöglich, als dass der Diesel den Herstellern dabei helfen könnte, den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeuge kurzfristig in den Griff zu bekommen.

Tatsächlich sinkt der Diesel-Marktanteil in Europa weiter. In den ersten sechs Monaten des Jahres ist der Selbstzünder-Anteil um 8,4 Prozentpunkte auf 36,8 Prozent eingebrochen, wie Dudenhöffer ermittelt hat. In Deutschland stürzte er gar um 9,2 Punkte auf 32,1 Prozent ab.

Außer einem Image- hat der Diesel zudem womöglich ein Kostenproblem. Auf 500 bis 1000 Euro schätzt Automobilexperte Stefan Bratzel den finanziellen Mehraufwand, der für eine wirklich saubere Abgasreinigung erforderlich ist.

Vorteil für Elektroautos

Bei Kleinwagen verliert der Selbstzünder damit deutlich an Attraktivität gegenüber einem Benziner. Bei großen Limousinen und SUVs spielen die Kostenprobleme des Diesel Herstellern von Elektroautos in die Hände - zumal Batterien kontinuierlich billiger werden.

"Technisch ist der Diesel auf jeden Fall zu retten", sagt Peter Mock, Geschäftsführer der Umweltorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT), der vor drei Jahren den VW -Dieselskandal in den USA mit aufgedeckt hat. "Aber für mich ist es fraglich, ob sich der Aufwand ökonomisch lohnt."



insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
-volver- 18.09.2018
1. Der
Diesel wurde nun mal einfach totgeschrieben. Bessere Alternativen gibt es jedoch nicht.
marcnu, 18.09.2018
2. Vom Verkehrslärem durch Diesel sollte auch mal gesprochen werden.
Weiterhin zerstören die starken Vibrationen den Asphalt. Wenn unser Nachbar seinen Diesel-SUV startet, vibrieren die Fenster so stark, dass sie fast rausfallen. Vom Gestank ganz zu schweigen.
noalk 18.09.2018
3. Geschenkt
Angesichts der Milliardenbeträge, die VW (und andere Hersteller) an Straf- und Entschädigungszahlungen bisher zahlen mussten und künftig noch zu zahlen haben werden, hätte man den Dieselkäufern die effizienten Abgasreinigungsvorrichzungen auch schenken können. Politiker sollten aufhören, Industrielobbyisten Glauben zu schenken. In der Vergangenheit hat sich oft genug gezeigt, dass die lügen, sobald sie den Mund aufmachen.
qwertreiber 18.09.2018
4. Dabei kommen 80-85% der Feinstaub-Belastung gar nicht aus dem Auspuff
Meine Güte, was wir uns wieder für Bären haben aufbinden lassen. Klar will keiner die alten Diesel-LKWs und Busse in der Stadt haben, aber bei Pkw stammen 80-85% der Feinstaub-Belastung laut schweiterischem Materialforschungsinstitut nicht aus dem Auspuff, sondern von Brems-, Reifen- und Straßenabrieb verbunden mit aufgewirbeltem Staub aller Fahrzeuge. Und nun? Da liegt doch das generelle Fahrverbot wirklich nah.
fabian_feussner 18.09.2018
5. Dezente Übertreibung
Zitat von marcnu,Weiterhin zerstören die starken Vibrationen den Asphalt. Wenn unser Nachbar seinen Diesel-SUV startet, vibrieren die Fenster so stark, dass sie fast rausfallen. Vom Gestank ganz zu schweigen.
Hier zwei Lösungsansätze: a) Sie lassen Ihre Fenster prüfen, das ist nicht normal b) Ihr Nachbar sollte mal in die Werkstatt, das ist nicht normal Ich würde vorschlagen, dass Sie gleich beides in Betracht ziehen. Es könnte natürlich auch sein, dass Sie, wie das in der aktuellen Zeit ja so gerne gemacht wird, ein klitzekleines bisschen übertreiben, denn: ja, alte Dieselmotoren sind laut und unruhig aber das was Sie hier beschreiben ist schlichtweg völlig überzogener Unfug. Ganz aktuelle Dieselmotoren laufen sogar fast genau so ruhig wie Benziner. Manchmal frage ich mich, warum manche Leute so vehement gegen die Dieseltechnik sind, selbst nachdem bestätigt wurde, dass sie in der aktuellen Form besser als die Technik der Benziner ist (Verbrauch, Laufleistung/Haltbarkeit). Dann fahren Sie halt einen 1,0 Liter 3-Zylinder Benziner mit Biturbo und Kompressor. Haltbarkeit lässt grüßen.
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