Exoten auf der IAA Lack, Leder, Plastik

Das wahre Abenteuer auf der IAA versprechen die Außenseiter: Unbekannte Hersteller mit Spaß am Experiment zeigen Geländewagen aus Alt-Plastik, Vans mit Schiebetüren wie Messerklingen und PS-Giganten mit Akku-Antrieb. In Serie gehen werden sie wohl nie.

Tom Grünweg

Von , Frankfurt am Main


Normalerweise kennt man solche Auftritte nur vom Genfer Salon: Ein improvisierter Messestand, ein paar orientierungslose Hostessen und mittendrin das neue Auto einer neuen Firma. Denn nirgendwo sonst geben mehr Kleinserienhersteller und Newcomer ihren Einstand als auf der Automesse in der Schweiz.

Doch in diesem Jahr kann die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt durchaus mithalten: Wie am Fuß des Mont Blanc findet man auch im Schatten des Messeturms überraschend viele, völlig neue Marken und Modelle, die sich unter die Stammspieler gemischt haben. Dort, wo Firmen wie Nissan oder Saab Platz gemacht haben, auf dem Freigelände und in den oberen Etagen der Hallen, stehen die erwartungsfrohe Firmenvertreter und hoffen, dass sich zwischendurch mal jemand zu ihren Exoten verirrt.

Zu sehen bekommt man an diesen Kleinstständen eine ganze Menge: Elektrische Supersportwagen ebenso wie Öko-Autos fürs Volk. Ein SUV für Superreiche in Lack und Leder ebenso wie einen Billiggeländewagen aus Altplastik. Doch was die Newcomer eint, sind ihre schier unzerstörbare Zuversicht und die vollmundigen Prognosen: Preise in Millionenhöhe sind für sie genauso selbstverständlich wie die Planung fünfstelliger Produktionszahlen.

Der Sprecher der neuen russischen Marke Yo zum Beispiel berichtet stolz, dass seit der Gründung des Unternehmens im letzten Jahr bereits 100.000 Vorbestellungen für eine Art Volkshybriden eingegangen sind. Dieser "Crossover", der wie eine Mischung aus VW Polo, Dacia Duster und Renault Kangoo anmutet, fährt mit einem Verbrenner für Gas oder Benzin und einem E-Motor, der den Verbrauch des Vier-Meter-Autos auf 3,5 Liter drücken soll.

Großartige Versprechungen

Das allein ist kein Hexenwerk, doch der Preis lässt aufhorchen: Wer jetzt im Internet eine Reservierung für den angeblich ab Mitte 2012 lieferbaren Teilzeitstromer ausfüllt, ist mit nicht einmal 10.000 Euro dabei. Ist der weiß-blaue Sparzwerg schon ein ungewöhnliches Auto, reiben sich die wenigen Messegäste am Stand von Yo-Concept gar vollends die Augen. Denn was da in feuerrotem Gewand das neue Gesicht der Marke werden will, ist ein Schiebetüren-Van wie ihn noch niemand gesehen hat - wo sonst gleiten die Türen wie Klingen in einen Messerblock und schließen so die großen Öffnungen für den bequemen Zustieg in den Viersitzer?

Aufhorchen lässt auch der kroatische Rimac Concept-One: Weil es seit Yugo keinen Autohersteller vom Balkan mehr gegeben hat, macht eine Firma aus dieser Gegend per se neugierig. Und wenn sie dann auch noch vier Motoren mit zusammen 1088 PS, eine Höchstgeschwindigkeit jenseits von 300 km/h und Lithium-Ionen-Akkus mit bis zu 600 Kilometer Reichweite verspricht, kann man sich die rote Flunder ja zumindest mal anschauen. Ob es für mehr reicht, steht in den Sternen. Denn vor dem Produktionsbeginn bis 2013 müssen die Kroaten erst einmal ein paar Kunden finden - bei einem Preis auf dem Niveau eines Pagani Zonda ist das sicher kein leichtes Unterfangen. Dass sie bislang eigentlich noch keine Komponente der komplizierten Antriebstechnik vorweisen können, die einen plausiblen Grund liefert, ihren Versprechungen zu glauben, macht die Sache auch nicht einfacher.

Fast genauso sportlich und trotz der konventionellen Technik nicht minder exotisch wirkt der Radical SR3 SL. Dass man von dieser englischen Marke bis dato noch keinen Auto auf der Straße sehen konnte, hat einen guten Grund: Bislang wurden die Boliden aus Britannien nur für die Rennstrecke gebaut - das allerdings mit großem Erfolg: Über 1000 Sportwagen in knapp 15 Jahren sind kein schlechtes Ergebnis. Jetzt hat Firma nach zwei Jahren Kampf im Paragraphendschungel für den zivilen Ableger des SR3 eine Straßenzulassung erreicht. In Frankfurt steht der nicht einmal 700 Kilo schwere aber mit einem Vierzylinder von Ford immerhin 300 PS starke Zweisitzer deshalb nicht nur mit einem Preisschild über knapp 80.000 Euro - sondern erstmals auch einem Kennzeichen an Heck und Haube.

Kantiger Kraxler aus Altplastik

Ein alter Hase unter den neuen Automanagern ist Markus Noeske. Der PS-Pionier hat zuletzt russische Geländewagen wie den Tiger im Prinzip europatauglich gemacht, aber bislang nur mit eher mäßigem Erfolg an den Mann gebracht. Jetzt steht er in Frankfurt wieder vor einem kantigen Kraxler, dessen Komponenten ebenfalls aus dem Reich des Zaren stammen. Doch ist der Tecdrah, der Plattform und Antrieb von Nissan, Renault und Dacia nutzt, diesmal eine Eigenkonstruktion, deren Endmontage zudem in Deutschland erfolgt: "Jetzt haben wir alles selbst in der Hand und sind entsprechend zuversichtlich, dass es diesmal klappt", sagt Noeske und blickt hoffnungsfroh auf den Zweitürer, der ein bisschen aussieht wie die geschrumpfte Kreuzung aus Hummer und Mercedes G-Klasse.

Was seine Zuversicht stützt, ist neben dem Preis von wohl knapp 15.000 Euro auch das ungewöhnliche Material- und Konstruktionskonzept: Die Karosserie des Geländegängers besteht zu 70 Prozent aus Altplastik. Damit ist sein SUV nicht nur robust, sondern obendrein auch noch ein Umweltfreund.

Auf das andere Ende der Allrad-Liga zielt der Hemera - ein SUV im Smoking, der gerade in England auf die Räder gestellt wird. Technisch inspiriert vom Porsche Cayenne und entwickelt von Alastair Macqueen, der in seiner Zeit bei Jaguar den XJ220 auf die Straße gebracht hat, soll der Viersitzer mit den elektrischen Liegesesseln wie im Maybach im Fond im nächsten Frühjahr in den Handel kommen. Für standesgemäßen Vortrieb sorgt ein auf 620 PS getunter V8-Turbo mit 4,8 Litern Hubraum, den man ebenfalls aus Zuffenhausen kennt, für kurze Reisezeiten sorgt ein Spitzentempo von knapp 300 km/h und die nötige Exklusivität garantiert ein Preis von gut und gerne 200.000 Euro.



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