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Schönwetter-Verkehrsmittel

Das Fahrrad boomt - wenn es nicht regnet

Die Deutschen entdecken das Rad als Verkehrsmittel neu - und nutzen es vor allem, wenn es warm und sonnig ist. Doch langsam härten sie offenbar ab.

Von Andreas Knie

DPA

Fahrradfahrer in Gelsenkirchen

Donnerstag, 15.11.2018   04:34 Uhr

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Wer nach Anzeichen einer wirklichen Verkehrswende sucht, findet sie beim Fahrrad. Seit gut zehn Jahren ist es im Alltag wieder deutlich sichtbar - vor allem bei gutem Wetter.

Die Bedeutung des mit Muskelkraft betriebenen Verkehrsmittels hat in Deutschland nachweislich zugenommen. Das zeigt die Erhebung "Mobilität in Deutschland": Während in den Neunzigerjahren der Anteil an den täglichen Wegen bei unter fünf Prozent lag, stieg er 2002 auf neun Prozent und 2017 auf elf Prozent an. Im Vergleich dazu ging der Anteil des Pkw von 60 (2002) leicht auf 57 Prozent im Jahre 2017 zurück.

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In einzelnen Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg ist das Fahrrad bereits bei einem Anteil von mehr als 20 Prozent auf allen täglichen Wegen angelangt. Zumindest dort ist es tatsächlich zu einem Merkmal eines veränderten Verkehrsverhaltens geworden.

Allerdings wird bei diesen amtlichen Erhebungen nur ein Stichtag eines Jahres herangezogen. Aber das Fahrrad ist ja nicht immer und bei jedem Wetter eine Option - wie sieht die Entwicklung also im Detail aus?

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Seit mehreren Jahren erfassen einige Städte an automatischen Zählstellen den Fahrradverkehr während des gesamten Jahres. Damit wird es erstmals möglich, die Bedeutung des Radverkehrs feinkörnig und im Zeitverlauf zu erfassen. Für zwei Zählstellen in Berlin sind Daten zurück bis in den Juni 2015 zugänglich, sodass eine Entwicklung über mehrere Jahre gezeigt werden kann.

Charakteristisch sind die sehr starken Schwankungen im Jahresverlauf. Dies verdeutlicht die Kurve in grün, die die Temperatur als Monatsmittelwert darstellt. Allerdings ist im Vergleich der Tiefpunkte zu den Jahresanfängen 2016 bis 2018 eine deutlich ansteigende Tendenz auszumachen: Im Frühjahr 2018 wurden für beide Zählstellen ungefähr 50.000 Radfahrten mehr gezählt als noch zwei Jahre zuvor - und das bei etwa gleichen Temperaturmittelwerten. In Straßburg (Frankreich) lässt sich eine ähnliche Tendenz beobachten.

Die Quintessenz aus diesen Zahlen: Ja, das Fahrrad hat an Bedeutung gewonnen, aber es bleibt ein volatiles Verkehrsmittel, sehr gut geeignet bei schönem Wetter, weniger attraktiv bei Kälte und Regen. Aber still und heimlich wächst die Zahl der Allwetterfahrer. Immer mehr Menschen stellen sich auf die Widrigkeiten ein und integrieren das Rad in ihren ganzjährigen Alltag. Ob bessere Kleidung dazu beträgt oder häufiger geräumte Radweg im Winter, lässt sich nicht eindeutig ermitteln.

So oder so - das Rad ist tatsächlich auf dem Weg, für mehr Menschen ein Ganzjahresfahrzeug zu werden. Dies ist umso erstaunlicher, da es in kaum einer Stadt in Deutschland eine ausreichende und genügende Infrastruktur gibt. Bleibt dieser Trend stabil, werden Verwaltungen den Rädern mehr Platz im öffentlichen Raum zuweisen müssen.

Video: Die RADikalen

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