Rahmenbaukurs "Nimm bloß kein Wasserrohr"

Fahrradfahren ist kinderleicht. Aber ein Fahrrad bauen? SPIEGEL-Redakteurin Margret Hucko wollte es wissen und hat sich für einen Rahmenbaukurs angemeldet.

Andreas Müller

Von Margret Hucko


Ich hatte nicht geahnt, dass es so viele Fahrradexperten wie Bundestrainer gibt. Spielt die deutsche Nationalmannschaft, wissen es mindestens 40 Millionen Menschen besser. Kündige ich im Freundeskreis den Besuch eines Rahmenbau-Kurses an, sind es immerhin - na ja, zwei. Aber die Gesprächsrunde bestand auch nur aus vier Erwachsenen. Die Quote ist also die gleiche wie beim Fußball.

Kostprobe gefällig? "Nimm ja kein Wasserrohr für den Fahrradrahmen", sagte Besserwisser A. "Was meinst du damit?", frage ich nach. Besserwisser B: "Ein Reynolds 103, das ist dick und schwer". Besserwisser A: "Der Designer Paul Smith hat nach dem Reynolds 531 sogar eine Klamottenlinie benannt. Das ist ein gutes Rohr."

Auswahl an Stahl für den Fahrradrahmenbau
Andreas Müller

Auswahl an Stahl für den Fahrradrahmenbau

Ich möchte ein Fahrrad bauen, dabei ein bisschen Spaß haben und keine Doktorarbeit abliefern. Deshalb lass ich die gutgemeinten Tipps an mir abprallen und warte ab, was mir Robert Piontek, Fachmann für selbstgebaute Fahrradrahmen aus Potsdam, anbieten wird.

Der 42-jährige Amerikaner gibt in einem kleinen Keller in Potsdam Rahmenbaukurse für Laien. Meiner dauert insgesamt vier Tage, die Geometrie meines Single-Speed-Modells haben wir schon festgelegt (Lesen Sie hier die erste Folge). Bei der Wahl des Rohres empfiehlt mir Piontek ein Columbus Cromor, "das relativ günstig" ist, wie er sagt und auch kein Leichtbau. Wasserrohr, schießt es mir durch den Kopf. Doch der Vorteil des Cromor soll seine Stabilität sein.

So baue ich ein Fahrrad - eine Kurzanleitung in Bildern:

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Rahmenbaukurs, Teil: Schritt für Schritt zum eigenen Rad

1290 Euro kostet der Kurs für gemuffte Rahmen

Fahrradfahren ist etwas für Materialfetischisten. Die einen schwören auf Stahl, weil er sich besonders komfortabel fährt, andere auf die nahezu Unzerstörbarkeit von Titan, wiederum andere schätzen die Leichtigkeit von Karbon oder das Preis-Leistungsverhältnis von Aluminium. Dass es aber Sorten von Stahl gibt wie Mitglieder der biologischen Ordnung der Primaten wusste ich nicht. Sprechen Fahrradfans über die Hersteller Reynolds, Tange, Columbus oder Dedacciai wird es fast religiös.

"In diesen Diskussionen spielt auch viel Halbwissen mit", sagt Patrick Laible von TotemBikes, der Rohre, Anbauteile und Komponenten verkauft. "Es gibt heute kaum noch minderwertige Stähle für den Fahrradrahmenbau, die in Europa gehandelt werden - erst recht nicht im Maßrahmenbau", so der Experte.

Ein gutes Rohr zeichnet aus, dass es bei der Herstellung nahtlos über einen Dorn gezogen und anschließend gewalzt wurde. Es ist an den Enden dicker als in der Mitte und besitzt eine hohe Festigkeit. Diese schützt den Rahmen vor Bruch und Verformung. Je höher die Festigkeit, desto dünner kann die Wandstärke des Rohrs gestaltet werden. Das spart Gewicht.

In der Werkstatt von Robert Piontek gibt es allein drei Regale mit Stahlrohren unterschiedlichster Qualität. Dabei handelt es sich nicht um Meterware, sondern um bereits grob vorgefertigtes Material für den Rahmenbau. Meine ausgewählten Stahlrohre für Ober-, Unter und Sitz- und Steuerrohr lege ich in eine Holzkiste, dazu gibt es nur einen passenden Muffensatz. Bei den Sitzstreben, also die beiden dünnen Rohre, die vom Sattel Richtung Hinterradaufnahme führen, wähle ich die schlankeren aus. Die sind vielleicht nicht so steif, dafür eleganter. Etwa 400 Euro für das Material muss man schon rechnen, 1290 Euro für den Kurs kommen noch dazu.

Ich brauche außerdem eine Brücke für die Bremsen. Drei Euro für die Version aus Stahl, 15 Euro für die Edelstahlversion. Edel kostet eben. Ich entscheide mich für die Billiglösung. Einen Bügel für den Fahrradständer legt Piontek dazu . "Das ist der einzige, den ich habe, die meisten möchten keinen", sagt er.

Muffe mit Herz
Andreas Müller

Muffe mit Herz

Zunächst müssen die Rohre auf Länge gebracht werden

Nachdem ich alle Teile in meine Holzkiste einsortiert habe, müssen die Rohre ausgemessen und beschriftet werden. "Nicht, dass du das Sitzrohr an der falschen Seite abschneidest", sagt Piontek. Unten ist die Wandstärke dicker. Ich markiere das obere Ende.

Aus diesen Rohren besteht ein Fahrradrahmen
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Aus diesen Rohren besteht ein Fahrradrahmen

"Hast du schon mal eine Feile in der Hand gehabt", fragt mein Lehrer mich. Ich schüttele den Kopf. Weißt du, wie man eine Bohrmaschine bedient? "Eher nein". Ich komme mir vor wie beim Ausfüllen der amerikanischen Einreiseformulare. Nein, ich bin nie aufgrund eines Verbrechens verhaftet worden. Nein, ich habe nicht geplant, mich an terroristischen Aktivitäten, Spionage, Sabotage oder Völkermord zu beteiligen. Aber ich kann mich eben auch nicht erinnern, so viele Fragen wie beim Rahmenbaukurs mit nein beantwortet zu haben. Nun wird offenbar: Meine handwerkliche Erfahrung tendiert gegen null, in Baumärkte gehe ich nur, wenn es sein muss.

Wer ein Fahrrad baut, muss viel feilen
Andreas Müller

Wer ein Fahrrad baut, muss viel feilen

Zunächst müssen alle Rohre auf die richtige Länge gebracht werden. "Schneiden ist nicht so einfach wie man denkt", warnt mich Piontek. Es gibt etliche Methoden - manchmal kommt ein Rohrschneider zum Einsatz, der den Stahl schon einmal grob auf Länge bringt. Er funktioniert so ähnlich wie ein manueller Dosenöffner. Weitere sind Sägen - entweder manuell oder mit einem Aufsatz für die Bohrmaschine, ähnlich einer Lochsäge. "Jetzt mit wenig Druck und gleichmäßiger Drehzahl schneiden", fordert Piontek mich auf, während ich die Bohrmaschine vorsichtig Richtung Rohr schiebe. Es qualmt. "Stopp", befiehlt Piontek. Der Schneider wird zu heiß. Oje, er ist kaputt. Ich sehe die Kosten für meinen Rahmen explodieren. "Der hat generell nur eine Lebensdauer von ein paar Wochen", tröstet mich mein Lehrer. Alle Rohre und Streben müssen eingekürzt werden.

In das Sitzrohr drücke ich mit einem automatischen Körner eine Delle. Es folgt der Bohrer und damit ein Loch, damit später das Regenwasser aus dem Oberrohr ablaufen kann. An meinem Arbeitsplatz sammelt sich das Werkzeug, Piontek räumt geduldig hinter mir her. Nachdem alle Rohre auf Maß gebracht worden sind, spanne ich sie in eine Lehre ein. Darin wird der Rahmen korrekt ausgerichtet. Mit einem Winkelmesser überprüft Piontek, ob die Geometrie des Rahmens stimmt. " Passt", sagt er. "Cool, oder?"

Der Text ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie. Im nächsten Teil wird Margret Hucko viel feilen und zum ersten Mal in ihrem Leben löten.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Mertrager 19.10.2017
1. Halbwissen
Dieses Wort beschreibt es ziemlich gut. Es gibt eben doch Themen, bei denen sich das wahre Leben nur schwer in einen Lehrgang packen läßt. - Wie wäre es sonst zu erklären, dasz gute Rahmenbauer bei Insidern wie Heilige verehrt werden ? - Früher und auch heute noch. Die hatten wohl einen Lehrgang mehr.
Leser161 19.10.2017
2. Interessant
Ob und wer mit welchem Rohr oder Wissen einen Rahmenbaukurs machen soll, soll jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht nach Lektüre dieser interessanten Artikelserie von Frau Hucko. Daumen hoch dafür.
robeuten 19.10.2017
3.
Zitat von MertragerDieses Wort beschreibt es ziemlich gut. Es gibt eben doch Themen, bei denen sich das wahre Leben nur schwer in einen Lehrgang packen läßt. - Wie wäre es sonst zu erklären, dasz gute Rahmenbauer bei Insidern wie Heilige verehrt werden ? - Früher und auch heute noch. Die hatten wohl einen Lehrgang mehr.
ich habe mir letzte WoEnde eine Stradivari gebaut :-). Im Ernst - ich habe Verständnis für Beides: Wer das Optimum will, kommt um einen Profi nicht herum (und, nein, der Herr im Artikel spielt noch nicht einmal in der Kreisklasse!). Dann lernt man auch, daß der von der Autorin angedeutete Rohrfetischismus bez. "Reinheit" - nur Columbus etc. - totaler Quatsch ist - Florian Wiesmann verbaut gerne gemischt... Umgekehrt gehe ich mit der Idee, mir einen eigenen Rahmen zu bauen, auch schon länger spazieren - denke, das ist eine feine Sache, wenn man nicht erwartet, da Topqualität zu produzieren, sondern z.B. den Rahmen für ein solides Stadtfahrrad. Soll bei mir auch weder das Wiesmann-Fully noch das Titanhardtail ersetzen :-).... P.S.: freue mich auf Folge 3-4!
Steve B 19.10.2017
4.
Endlich mal jemand, der zum Thema Fahrrad auch was über Fahrräder schreibt. :-) Ich dachte schon, SpON hat zu diesem Thema nur die Werbepräsentationen aus "Radel verpflichtet" zu bieten. Der von @Mertrager erwähnte Lehrgang mehr, den ein guter Rahmenbauer hat, heißt "Erfahrung". Mit CAD was zeichnen, in der Simulation irgendwelche Kräfte darauf loslassen und am Ende Rohre entsprechender Wandstärke auszusuchen ist heutzutage nicht so furchtbar schwer. Schwer ist, die tatsächlich wirkenden Kräfte zu kennen und zu wissen, wie ein Fahrer die kleinen Ausweichbewegungen des Rahmens wahrnimmt. Erst damit kann man einen leichten und dennoch haltbaren, und antriebssteifen und dennoch komfortablen Rahmen auslegen. Mag sein, dass ein Rahmenbauer das nicht in Zahlen fassen kann, aber er hat es im Gefühl.
Forist2 19.10.2017
5. Danke für den interessanten Bericht !
Seit nunmehr 22 Jahren, fahre ich mit dem gleichen Rad (Schauff Super castilia) jeden Tag 40 km ins Geschäft. Auf die Idee eine Rahmen selbst zu bauen, bin ich noch nie gekommen. Sieht gar nicht mal so kompliziert aus, mit den Muffen. Nur die Vorrichtungen benötigt man halt. Die Software BikeCAD gibt's als Freeversion. Denke aber, der Rahmen meines Bikes überlebt mich, der ist ja unzerstörbar, nur die Anbaukomponenten wurden bereits alle xmal erneuert.
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