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Fahrrad-Leihsysteme: Zwei Räder sind genug

Foto: DB AG/Ralph Winn

Fahrrad-Verleihsysteme Wie Europas Städte aufs Velo kommen

Sie heißen StadtRad, Vélib oder Citybike: Über 100 europäische Städte haben mittlerweile Leihfahrradsysteme. Kann das Bike-Sharing die Mobilität in Metropolen dauerhaft verändern und werden die Ballungszentren der Zukunft vielleicht ganz anders aussehen?
Von Tanja Rieckmann

Frankreich ist immer für eine Revolution gut: Das Fahrradleihsystem Vélib hat es geschafft, die herrschenden Verhältnisse auf Pariser Straßen zumindest ein bisschen durcheinanderzuwirbeln. In ganz Paris gibt es 1451 Leihstationen mit insgesamt 20.600 Leihrädern. Die Gebühren für Nutzer sind kaum der Rede wert: Eine Tageskarte kostet ein Euro, das Jahresabo 29 Euro.

Von der neuen Freiheit auf zwei Rädern profitieren Einwohner, Touristen - und die Stadt: 46 Prozent der Vélib-Nutzer (das Wort setzt sich aus Vélo und Libération zusammen) fahren aufgrund des Umstiegs in den Sattel weniger Auto. Und 94 Prozent der Pariser sagten in einer Umfrage, ihre Stadt sei durch Vélib angenehmer geworden. Mit mehr als 50 Millionen Fahrten seit der Einführung vor drei Jahren ist Vélib das größte Leihradsystem der Welt - und gilt anderen Städte als Vorbild.

Beispielsweise für London, wo es seit Ende Juli dieses Jahres ein Radleihsystem gibt. Um die Autolawine vom Zentrum fernzuhalten, führte London schon im Jahr 2003 eine Citymaut ein. Das Leihprojekt Barclays Cycle Hire soll nach den Worten von Bürgermeister Boris Johnson ein weiterer Versuch sein, "die Menschen aus ihren Autos heraus zu bekommen". 5000 Fahrräder an mehr als 300 Stationen stehen zu diesem Zweck bereit. Die geschätzten Betriebskosten von jährlich 20 Millionen Pfund (etwa 24 Millionen Euro) will die Stadt durch die Ausleihgebühren stemmen. Vorsichtshalber hat man sich aber die Großbank Barclays als Sponsor geholt, die sich die grüne Imagepflege 25 Millionen Pfund (etwa 30 Millionen Euro) kosten lässt.

Kooperationen mit Unternehmen sind notwendig, denn allein durch die Mietgebühren werden viele der Leihsysteme kaum rentabel sein. Zumal bei den meisten Fahrradverleihern die erste halbe Stunde kostenfrei ist und das Gros der Fahrten sich in diesem Zeitrahmen bewegt. In Hamburg fahren beispielsweise 80 Prozent der Nutzer Kurzstrecken, wie eine aktuelle Auswertung ergab. Ist man länger unterwegs, zahlt man in der Hansestadt 1,20 Euro pro Stunde und höchstens 12 Euro pro Tag; für Bahn-Card-Inhaber oder Kunden des Verkehrsverbunds ist es sogar noch billiger.

Hansestadt zahlt pro Jahr 1,1 Millionen Euro für StadtRAD

Die DB Rent GmbH, die von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt mit dem Betrieb des StadtRads beauftragt wurde, nennt keine Zahlen zur Rentabilität. Klar ist nur, dass im Haushalt der Hansestadt für den Betrieb und Ausbau des Systems jährlich rund 1,1 Millionen Euro zur Verfügung stehen, wie Enno Isermann erklärt, der Sprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Dazu kommen Einnahmen aus öffentlichen Werbeflächen rund um die Stationen.

Zudem konnte die Stadt jetzt erstmals ein Unternehmen als Mitfinanzier gewinnen. Die Firma Unilever beteiligt sich an den Kosten einer Leihstation vor ihrem neu gebauten Firmensitz in der Hafencity. Weitere Kooperationen sind ausdrücklich erwünscht. Angesichts der Nutzungszahlen stehen die Chancen dafür gut. StadtRad gilt in Hamburg als eines der wenigen wirklich gelungenen Projekte der schwarz-grünen Koalition. Im ersten Jahr des Bestehens wurden 500.000 Touren registriert.

Paris hat das Vélib-System an eine Betreiberfirma abgegeben

Der Stadt Paris entstehen dagegen keine Kosten für Unterhalt, Errichtung und Wartung ihres Systems. Betreiber ist das Unternehmen JCDecaux, das Vélib unter anderem auch in Lyon, Marseille, Brüssel und Dublin anbietet. Die Kosten des Verleihsystems refinanziert der Dienstleiter für Außenwerbung und Stadtmöblierung durch die Vermarktung von Werbeflächen im jeweiligen Stadtgebiet.

Die Franzosen können sich durchaus als Trendsetter der Revolution auf zwei Rädern sehen: 1998 gab es in Rennes mit Vélo à la carte das erste Fahrradverleihsystem weltweit. Es hält auch heute noch 200 Leihfahrräder bereit.

Leihfahrradprojekte allein machen die Stadtluft noch nicht sauberer

Trotz der hohen Nutzungszahlen reichen die bestehenden Systeme oft noch nicht aus, um wirklich zur Entlastung der Städte von Lärm, Verkehr und CO2-Emissionen beizutragen. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung fördert deshalb im Modellversuch "Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme" weitere Projekte, die Leihsysteme und öffentlichen Nahverkehr verknüpfen.

Gratis-Fahrräder, die es etwa in Helsinki seit dem Jahr 2000 gibt, sind offenbar kein geeigneter Weg, um Mobilität mit weniger Staus und Abgasen zu ermöglichen. Das Projekt wird in kommenden Sommer wegen zu hoher Kosten beendet. Eventuell ließ sich der finanzielle Aufwand begrenzen, würden die Verleihsysteme in ganz Europa vereinheitlicht. In Frankreich wurde zumindest regional eine solche Standardisierung schon einmal angedacht.

Ein erstes, kleines Denkmal wurde den Leihfahrrädern übrigens auch schon gesetzt: im Hamburger Miniaturwunderland können aufmerksame Besucher eine StadtRad-Leihstation im Mini-Format entdecken.

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