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Hamburger Supertrailer: Schwer in Fahrt

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Supertrailer Der Gigaliner fürs Fahrrad

Kistenweise Bier mit dem Fahrrad transportieren und dafür nicht mal stärker in die Pedale treten - geht nicht? Geht doch, durch die Erfindung eines Hamburger Tüftlers.

Lastenräder bringen Karl Thiel mächtig in Fahrt. Zu teuer, zu wenig Zuladung, ungewohnte Fahreigenschaften. Oder, und das ist für ihn das schlimmste, abgerundete Stauräume: Wer gewerblich Ladung transportiert, brauche rechtwinklige Gehäuse, mahnt er: "Alles andere ist Operette." Deshalb will er einer anderen Lösung zum Durchbruch verhelfen, die mehr kann, als kleine Kinder von A nach B zu kutschieren: dem Anhänger. Der sei vor allem einfacher zu fahren - und man brauche eben kein zweites Fahrrad, erklärt er.

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Thiels Anhänger ist, wie sein Erfinder auch, ziemlich geradlinig und kommt ohne jeden Schnickschnack daher. Die Ambitionen des Bastlers werden erst beim Namen deutlich: "Hamburger Supertrailer" steht als Firmenbezeichnung auf Thiels schlichter Visitenkarte. Doch in der Konstruktion steckt deutlich mehr, als der einfache Stahlrahmen auf den ersten Blick vermuten lässt. Ein paar feuerverzinkte Vierkantrohre, als Ladefläche dienen lackierte Holzlatten. Doch der simple Anhänger ist gewissermaßen der Gigaliner fürs Fahrrad: Die Zuladung liegt bei bis zu 250 Kilogramm - das reicht locker für zehn Kisten Bier oder den umweltfreundlichen Transport der Klitschko-Brüder.

Dabei müsste man nicht einmal mit den beiden ehemaligen Boxern auf der Ladefläche stärker in die Pedale treten, denn der Supertrailer hat einen eigenen Motor. "Sie können den Anhänger einfach an Ihr Lieblingsfahrrad anhängen, das wird dadurch zum Pedelec", erklärt Thiel. Möglich macht es ein kleiner Sensor, der in der Kurbel des linken Pedals verstaut wird. Dadurch ist das Pedal kabellos mit dem Anhänger verbunden, sobald man zu treten beginnt, schiebt der Anhänger mit an. Und tatsächlich, auf ein paar Runden um die Werkstatt wird klar, das Fahrrad fährt sich mit Anhänger wie ein normales Pedelec.

Mühelos gleitet man mit dem Anhänger dahin, die einzige Tücke ist die Größe des Anhängers: Bei einer Länge von 1,80 Metern und einer Breite von rund einem Meter sollte man den Supertrailer an Engstellen oder im Verkehr im Hinterkopf behalten - ansonsten vergisst man den Anhänger schnell und könnte gegen ein parkendes Auto rumpeln. Angetriebene Anhänger gibt es auch bei anderen Anbietern, beispielsweise bei Electrail, der Firma, die auch die Sensorik für Pedale und Motor des Hamburger Supertrailers liefert. Doch die sind ungebremst, die Bremsen des Fahrrads müssen hier die ganze Arbeit verrichten - bei 250 Kilo auf der Ladefläche würde das jedoch nicht mehr ausreichen.

Hier darf gestapelt werden - der Anhänger kann 250 Kilo transportieren

Hier darf gestapelt werden - der Anhänger kann 250 Kilo transportieren

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Sicher bremsen dank Patent

Beim Supertrailer ist das anders, denn der Anhänger ist gebremst. Beim Bremsen ist der Anhänger kaum spürbar, nichts wackelt oder schiebt von hinten. Möglich wird das durch ein zumindest in der Welt der Fahrräder einzigartiges Extra: eine Auflaufbremse, ersonnen und patentiert von Bastler Thiel. Dadurch bremst der Anhänger mit und kann das Fahrrad auch nicht vor sich her schieben. Sobald sich die Pedale nicht mehr drehen, stoppt der Motor - schiebt der Anhänger nun gegen die eigens dafür konstruierte Deichsel, löst das die Bremsen des Anhängers aus.

Inspiriert haben Karl Thiel zwei traurige Zufälle: Zuerst verletzte sich vor rund fünf Jahren ein Fahrradkurier mit einem Anhänger direkt vor seiner Haustür in Hamburg-Altona schwer, wenig später hatte auch ein Bekannter einen Unfall mit einem Eigenbau-Anhänger - beide Trailer waren natürlich ungebremst. "Die Dinger waren saugefährlich und wackelig", erinnert er sich. "Da hab ich dann 'ne Woche Zuhause gesessen und gegrübelt, wie man das verbessern kann", erinnert sich Thiel. Denn eigentlich sei er gar kein begeisterter Radfahrer, merkt er an.

Zur See statt mit dem Rad gefahren

Genauer gesagt hat er in seinem Leben so ziemlich alles gemacht, außer Radfahren. Thiel hat Autos getunt, Fischereibiologie studiert, ist zur See gefahren und hatte eine Kneipe, ebenfalls in Altona, mit dem Namen Titanic. "Jeden Abend ein gelungener Untergang", stand auf einem Schild über dem Eingang. Die Leute auf ein Fahrrad mit angehängtem Supertrailer zu kriegen, sei allerdings viel schwieriger, als sie in eine Kneipe zu locken - schuld daran seien die Unfälle mit ungebremsten, schweren Fahrradanhängern, meint Thiel: "Ich muss die Leute beinahe zwingen, meinen Anhänger zu testen."

Doch angesichts drohender Fahrverbote und verstärkter Fahrradlogistik werde die Zeit langsam reif für den Supertrailer, glaubt er. Ein paar Exemplare konnte er bereits verkaufen, an Gewerbetreibende aus dem Bekanntenkreis, doch die Zahl der Kunden blieb bisher überschaubar. Denn billig ist der Supertrailer nicht, rund 2000 Euro werden für einen Anhänger fällig - dabei handelt es sich allerdings um das Einstiegsmodell, das zwar Thiels patentierte Auflaufbremse an Bord hat, aber keinen Elektromotor. Die 250 Kilo Zuladung müssten hier also klassisch mit Muskelkraft bewegt werden. Ein Supertrailer mit Elektroantrieb kostet 3000 Euro und mehr - je nach Motor und Akkukapazität. Die relativ hohen Preise lägen einerseits an teuren Bauteilen, erklärt Thiel. So kosten beispielsweise die Räder im Einkauf über 100 Euro pro Stück. "Dafür kaufen sich manche bei Aldi ein ganzes Fahrrad", sagt er. Andererseits mache die Einzelfertigung der Anhänger deutlich teurer, erklärt so Thiel - ein Investor soll hier Abhilfe schaffen.

Keine unnötigen Extras

Ansonsten steckt im Supertrailer klassische Fahrradtechnik, der Anhänger hat Felgenbremsen und keine Federung - das brauche man bei einem Lastenrad auch nicht, erklärt Thiel und redet sich angesichts der Ausstattung mancher Räder in Rage: "Wenn ich 'ne Federung brauch', nehme ich 'nen dickeren Reifen und pump ihn nicht so stark auf, das reicht vollkommen." Vor allem die nötige Handarbeit treibt den Preis des Anhängers nach oben: Die hohe Zuladung wäre nicht ohne die von Thiel entwickelte, extrem steife Deichsel möglich, passende Teile von Zulieferern gibt es noch nicht.

Jeder Supertrailer ist deshalb bisher ein Einzelstück, angefertigt in der kleinen Werkstatt des Bastlers. Doch damit soll bald Schluss sein, Thiel sucht nach einem Partner, der die Fertigung der Anhänger übernehmen kann. Schließlich sei er Rentner, da könne er nicht die ganze Woche in der Werkstatt stehen und Anhänger bauen - sonst gäbe es Ärger mit seiner Frau. Mit dem Tüfteln will Thiel jedoch noch lange nicht aufhören, derzeit arbeitet er an einem Modell mit Rekuperation. Durch diese elektrische Motorbremse wird der Anhänger langsamer, gleichzeitig gewinnt der Motor dadurch Energie zurück und lädt die Akkus. Damit könne man vor allem auf langen Bergabfahrten die Bremsen entlasten, so Thiel. Doch bisher gibt es das erst bei einem Prototypen.

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