Lastenrad, Anhänger und Co. So fahren Sie mit Ihren Kindern am sichersten

Der Unfall nahe Wien, bei dem zwei Kinder in einem Fahrradanhänger ums Leben kamen, hat eine Sicherheitsdebatte ausgelöst. SPIEGEL ONLINE zeigt, worauf Eltern achten sollten.

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Bei der Kollision eines Pkw mit einem Fahrradanhänger in Österreich sind zwei Kleinkinder gestorben - der Fall hat eine Diskussion über die Sicherheit solcher Transportmittel ausgelöst. Es wurden sogar Forderungen laut, die Anhänger auf Straßen komplett zu verbieten.

Kurz zum Supermarkt um die Ecke, an den Baggersee oder das Kind in die Kita fahren. Insbesondere in Großstädten erledigen immer mehr Menschen alltägliche Fahrten mit dem Fahrrad. Ist das Kind noch zu jung, um selbst aufs Rad zu steigen, muss es auf dem Zweirad der Eltern transportiert werden. Im Wesentlichen gibt es dafür vier gängige Systeme: Kindersitze, Fahrradanhänger, Cargobikes und sogenannte Nachziehräder. Je nach Einsatzort und -zweck hat jede Lösung ihre Vor- und Nachteile.

Der ADAC rät aber in jedem Fall: Kinder sollten immer einen Fahrradhelm tragen und angegurtet sein - egal, für welches System man sich entscheidet. Außerdem muss der Fahrer selbst, wenn er Kinder auf dem Rad mitnimmt, mindestens 16 Jahre alt sein.

Hier ein Überblick über die gängigen Transportlösungen für Kinder:

Der Kindersitz

Ein Kindersitz lässt sich an verschiedenen Stellen am Fahrrad montieren: vorn am Lenker, auf dem Oberrohr, oder am Gepäckträger. Von einem Kindersitz am Lenker rät der ADAC allerdings ab, da die Verletzungsgefahr durch Lenker und Erwachsenen - der im Falle eines Unfalls auf das Kind stürzen könnte - sehr hoch ist.

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Vorteile

  • Kind ist in Hör- und Reichweite,
  • schnell und leicht zu montieren,
  • für den täglichen Gebrauch sehr praktisch, gerade wenn man nur mit einem Kind unterwegs ist,
  • man kann den Sitz durch verstellbare Gurtsysteme und Fußhalterungen problemlos an die Größe des Kindes anpassen,
  • kostengünstiger als beispielsweise ein Fahrradanhänger.

Nachteile

  • höhere Verletzungsgefahr durch höhere Fallhöhe bei Unfall,
  • erst wenn das Kind selbstständig aufrecht sitzen kann, kann es im Kindersitz mitfahren,
  • wenn Kinder älter werden und sich bewegen, erschwert das die Fahrt gerade bei langsameren Geschwindigkeiten, da das Rad instabil wird,
  • kein Schutz vor Wind und Wetter,
  • keine Möglichkeit, zusätzliches Gepäck zu transportieren.

Einsatzgebiet

Der Kindersitz eignet sich besonders für die Kurzstrecke. Die höhere Wendigkeit ist ein großer Vorteil im Stadtverkehr. In riskanten Situationen kann man leichter ausweichen und bietet beim Überqueren der Straße weniger Angriffsfläche als mit einem Gespann.

Nur Kinder unter sieben Jahren dürfen in Kindersitzen mitgenommen werden. Außerdem ist eine Speichenabdeckung gesetzlich vorgeschrieben, damit das Kind mit den Beinen nicht an die Speichen kommt.

Preis: circa 60 Euro bis 150 Euro

Der Fahrradanhänger

Immer beliebter bei Eltern werden die Fahrradanhänger. Sie werden hinter das Fahrrad gehängt und bieten viel Platz. Auch im Anhänger sollten Kinder laut ADAC angeschnallt werden und einen Helm tragen. Außerdem sollte man den Anhänger vor dem Kauf ohne Kinder testen, um sich an die veränderten Fahreigenschaften zu gewöhnen.

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Vorteile

  • Verletzungsrisiko im Falle eines Sturzes ist geringer als beim Kindersitz, weil die Fallhöhe geringer und der Anhänger kippstabil ist,
  • in viele Anhänger passen zwei Kinder. Zudem können Eltern zusätzliches Gepäck, Proviant oder Spielzeug unterbringen,
  • mit einem speziellen Einsatz können Kinder bereits ab dem ersten Monat mitgenommen werden,
  • Kind ist vor Wind und Regen geschützt,
  • viele Modelle lassen sich mit wenigen Handgriffen zum Jogger oder Buggy umbauen.

Nachteile

  • Kind ist nicht im Blickfeld der Eltern, und Autofahrer können den Anhänger aufgrund der geringen Höhe leicht übersehen,
  • Fahren auf Radwegen ist erlaubt, wegen der Breite aber oft schwierig. Zudem ist der Wendekreis mit Anhänger deutlich größer,
  • hoher Platzbedarf zum Abstellen,
  • deutlich teurer als beispielsweise ein Kindersitz,
  • Mitnahme in der Bahn ist schwierig.

Einsatzgebiet

Kinderanhänger eignen sich für Familien mit ein oder zwei Kindern, die gern und oft mit dem Rad in der Stadt und am Wochenende auf Tour sind und dabei auch Gepäck mitnehmen wollen. Bei langen Strecken ist der wind- und wettergeschützte Anhänger zudem die komfortablere Lösung.

Preis: Günstige Modelle sind im Baumarkt ab rund 200 Euro erhältlich, allerdings sind die nicht so sicher wie hochwertigere Fachmarktmodelle - die gibt es ab 600 Euro und bis über tausend Euro.

Das Lastenrad

Lastenräder oder Cargobikes liegen besonders bei größeren Familien im Trend. Anders als im Anhänger kann man darin mehr als zwei Kinder und viel Gepäck transportieren. Zum Anschnallen der Kinder ist ein bequemer 3-Punkt-Gurt Mindeststandard.

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Vorteile

  • Eltern haben die Kinder direkt im Blick,
  • äußerst kippstabil und dadurch sicher, bis zu vier Kinder können mitfahren,
  • erhältlich sind Modelle mit Isofix-Halterung, zum Beispiel für Maxi Cosi,
  • viel Stauraum für zusätzliches Gepäck.

Nachteile

  • besonders sperriges Fahrrad, das sich nicht tragen lässt,
  • verändertes Fahrgefühl gegenüber anderen Rädern, da man vorn mit zwei Rädern lenkt,
  • Transportfunktion ist fest verbaut, kann also nicht abgenommen werden; für einfachere Fahrten braucht man daher meist ein weiteres Fahrrad.

Einsatzgebiet

Da das Cargobike rechtlich als normales Fahrrad eingestuft ist, ist die Benutzung von Radwegen erlaubt. Cargobikes sind relativ schwer, weshalb sie für den Kindertransport am besten mit E-Motor ausgestattet sein sollten. Gerade bei welligen Strecken oder viel Stop-and-go ist die Zusatzunterstützung wichtig, um schnell und möglichst kraftsparend voranzukommen. Das spiegelt sich dann wiederum im Preis wider.

Preis: Cargobikes gibt es ab circa 1500 Euro ohne E-Motor. Wer darauf nicht verzichten mag, muss etwa zwischen 3000 und 6000 Euro zahlen. Bei vielen Anbietern sind Kindersitze noch nicht inklusive und kosten extra.

Der Nachläufer

Sogenannte Nachlauffahrräder sind eine Alternative für Kinder ab etwa vier Jahren. Man unterscheidet zwei Arten: Eigenständige Nachläufer, die wie ein Anhänger am Fahrrad angebracht werden. Und es gibt Tandemstangen, eine Art Zugvorrichtung, an die ein komplettes Kinderfahrrad angehängt werden kann.

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Vorteile

  • bei einem Nachläufer kann das Kind mittreten,
  • einfach am Fahrrad des Erwachsenen zu montieren.

Nachteile

  • Kind außer Sichtweite des Elternteils,
  • müde Kleinkinder können einschlafen und vom Fahrrad fallen,
  • erst für Kinder ab vier Jahren,
  • großer Wendekreis des elterlichen Fahrrads.

Einsatzgebiet

Nachläufer eignen sich für Radreisen oder längere Radtouren mit Kindern. Die Tandemstange hat zudem den Vorteil, dass man das eingespannte Kinderfahrrad herausnehmen und das Kind streckenweise komplett selbstständig fahren kann.

Preis: Nachläufer ab rund 150 Euro, Tandemstangen ab etwa 80 Euro

Die Selbstfahrer

Kinder dürfen bis zum vollendeten siebten Lebensjahr in Kindersitzen oder einem Anhänger an einem Fahrrad befördert werden. Danach müssen die Kinder selbst aufs Fahrrad steigen. Der ADAC empfiehlt, Kinder erst nach der schulischen Fahrradprüfung in der vierten Klasse allein mit dem Rad am Straßenverkehr teilnehmen zu lassen. Für Kinder gilt es, einige Regeln und Besonderheiten zu beachten.

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  • Grundsätzlich ist jedem Fahrradfahrer zu empfehlen, einen Helm zu tragen, vor allem Kinder sollten immer mit Fahrradhelm fahren. Eine gesetzliche Helmpflicht für Radfahrer existiert in Deutschland jedoch nicht, selbst nicht für Kinder.
  • Bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen Kinder, bis zum vollendeten zehnten dürfen Kinder den Gehweg benutzen. Aufsichtspersonen dürfen Fahrrad fahrende Kinder unter acht Jahren ebenfalls mit Fahrrädern auf Gehwegen begleiten. Beim Überqueren der Straße müssen beide absteigen und schieben.
  • Die richtige Größe hat das Kinderfahrrad, wenn das Kind mit beiden Beinen bequem auf dem Boden stehen kann und den Lenker aufrecht sitzend bedienen kann.
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Damit Kinder auch für Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer sicht- und hörbar sind, muss ein verkehrssicheres Fahrrad mit folgenden Komponenten ausgestattet sein:

  • eine helltönende Klingel,
  • zwei voneinander unabhängige Bremsen,
  • zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale, die mit je zwei nach vorn und hinten wirkenden, gelben Rückstrahlern ausgestattet sind,
  • weißer Frontscheinwerfer und Frontreflektor (oft kombiniert),
  • ein rotes Rücklicht und ein roter Rückstrahler (oft kombiniert),
  • wahlweise Reflektorstreifen am Rad, Speichenclips oder pro Rad zwei gelbe Speichenreflektoren.

cfr



insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
Radlermass 12.08.2019
1. frei nach Tegtmaier
"wea sowat nich haben tut is entweda aarm oder dooof". In der Aufzaehlung fehlt klar das einspurige Lastenrad a la bakfiets, Bullit, r-m Packster oder Load. Letzteres habe ich mir endlich gegoennt und es ist ein Ding das ich mir sehr gut fuer den Kindertransport vorstellen kann. Kinder sind nicht in Auspuffabgashoehe wie im Anhaenger, sind staendig im Blick und das Load ist echt wendig mit einem sehr vertrauenserweckenden Fahrwerksgefuehl und weil einspurig immer noch sehr wendig. M.E. ersetzt ein langes Lasenrad ein Auto, aber nur wenn es elektifiziert ist, was gerade beim Anfahren ein nicht zu unterschaetzender Sicherheitsgewinn ist.Mein Load ist die HS Variante und ich aergere mich dass ich es mir nicht schon viel frueher gekauft habe, es ist genial. Und ich muss oft an Tegtmaier denken (s.o.), denn billig ist das nicht.
the_mosvik_beast 12.08.2019
2. Allgemeinwissen online
Jetzt mal ehrlich, wer hier gross geworden ist, braucht diese Infos nicht, das ist erlebte Alltagswahrheit. Macht einen Flyer draus für unsere MdBs und MdLs, damit sie sich an ihre Kindheit erinnern und AfD nahen Forderungen, wie das Verbot von Kinderanhängern, entschieden entgegentreten.
fehleinschätzung 12.08.2019
3. ist das so richtig?
der Ursprung war: "Gespann wurde 15 Meter in einen Acker geschleudert" - das heißt für mich, der Autofahrer hätte wohl auch die Frau allein ohne Hänger umgefahren, da er den Sicherheitsabstand von 1,5m nicht eingehalten hat. Jetzt alles an Anhänger festzumachen greift mM nach zu kurz. Wer Menschen töten will, wird das tun, ganz gleich welches Bewegungsmittel das Opfer benutzt: 15m sind kein Parkrempler - das ist rote Gewalt. Fliegt ein schweres Lastenrad dann nur 10m in den Acker, dürfte das Bild ähnlich ausfallen. Leider.
jung&jang 12.08.2019
4. zum Lastenrad
auch hier wird die Sicherheit durch tragen von Kopfschutz erheblich erhöht.
intercooler61 12.08.2019
5. Bravo!
Ein sachlicher und wertvoller Beitrag. Zwei Anmerkungen (ohne jetzt zu viel Wasser in den Wein gießen zu wollen): Sowohl Räder als auch Anhänger brauchen bei Dämmerung und Dunkelheit ein helles, rotes, eingeschaltetes und _nicht_ blinkendes Rücklicht (in Zeiten von LED sollte das kein Problem mehr sein). Auch ein grellgelber Wimpel an Anhängern ist mMn Gold wert, da er die Sichtbarkeit verbessert. Der furchtbare Unfall nahe Wien ist Anlass genug; allerdings wäre er möglicherweise auch mit Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen genauso geschehen (sofern sich erheben sollte, dass der Pkw-Fahrer das Gespann infolge Ablenkung gar nicht bemerkt hat). Vor _allen_ denkbaren Fehlern und Gefahren kann man sich leider nicht schützen.
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