Sattelkauf beim Fahrrad Diese Entscheidung muss sitzen

Der Ledersattel an meinem Stadtfahrrad ist kaputt. Das Leder ist brüchig, vorne ist eine Niete ausgerissen. Ersatz muss her - doch welcher Sattel ist der richtige für mich?

Beim Kauf eines Sattels gibt es einige Grundregeln, die man beachten sollte
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Beim Kauf eines Sattels gibt es einige Grundregeln, die man beachten sollte


Kein Fahrradteil ist so wichtig wie der Sattel. Lenker, Pedale, Schaltung - bei allen lässt sich mit Kompromissen leben. Aber nichts kann einem die Freude am Fahrradfahren so verleiden wie ein wundgescheuerter Oberschenkel oder schmerzende Pobacken.

Leider sind auch bei keinem Fahrradteil die Vorlieben so individuell wie beim Sattel. Objektive Kaufkriterien sind rar, Satteltests nutzen in der Regel wenig. Sie können allenfalls einen Anhaltspunkt dafür liefern, wie haltbar ein Sattel ist.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Ich habe mir vor einigen Jahren einen Sattel von SQ Lab-gekauft, der auf meine Gesäßbreite abgestimmt war und hinten zwei Höcker hat, die den Dammbereich entlasten sollten. Der Sattel hatte in Tests super abgeschnitten, es konnte eigentlich nichts schiefgehen. Dachte ich. Ich habe den Sattel drei Monate lang gefahren, dann habe ich ihn wieder verkauft. Er schmerzte zu sehr.

Ein paar Grundregeln gibt es schon

Sättel sind also eine sehr persönliche Sache. Trotzdem gibt es einige Grundregeln, die man beachten sollte. Die wichtigste lautet: je gebeugter die Haltung, desto schmaler sollte der Sattel sein. Breite Sättel sind okay, wenn man aufrecht fährt, der Hintern braucht dann Auflagefläche. Bei Rennrädern kommt es vor allem darauf an, dass die Sattelnase schmal ist, sonst reibt der Sattel an den Oberschenkeln. Das kann übel enden.

Die erste Frage, die sich beim Sattelkauf stellt, ist: Leder oder Kunststoff?

Ich finde nichts bequemer als einen eingefahren Ledersattel. Auf meinem Rennrad, mit dem ich Touren von 200 Kilometer und mehr unternehme, habe ich einen Brooks B15 Swallow mit Titangestell montiert. Ein sehr teurer Sattel, aber der komfortabelste, den ich je gefahren bin. Es ist kein Zufall, dass bei Langstreckenfahrten wie der über 1200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück überdurchschnittlich viele Ledersättel zu sehen sind.

Ledersättel sind teuer

Leider haben Ledersättel eine Reihe von Nachteilen: Sie kosten viel Geld. Dafür halten sie länger als die meisten Kunststoffsättel. Vorausgesetzt - und das ist der zweite Nachteil - sie werden gut gepflegt. Einen Ledersattel muss man hin und wieder einfetten, er muss nachgespannt werden, und man sollte ihn vor Nässe schützen. Das kann auf Dauer nerven.

Außerdem muss man einen Ledersattel einfahren. Anfangs sind die meisten Ledersättel bretthart, aber mit der Zeit passen sie sich der individuellen Kontur des Fahrers an. Das kann 500 bis 600 Kilometer oder mehr dauern. Dass der Sattel sich dann angenehm fährt, ist keineswegs sicher. Wer einen Ledersattel kauft, geht also immer auch ein Risiko ein.

Lange Zeit gab es für Ledersättel nur den Marktführer Brooks in Deutschland. Mittlerweile bekommt man zumindest in Großstädten auch die französische Marke Gilles Berthoud, deren Sättel meiner Erfahrung nach robuster und mindestens ebenso bequem sind. Puristen stoßen sich an dem Kunststoffrahmen, an dem das Leder befestigt ist. Mich stört er nicht. Im Gegensatz zu Brooks sind Berthoud-Sättel verschraubt, nicht vernietet. Das macht es kinderleicht, eine neue Satteldecke zu montieren, wenn die alte durch ist. Mein Berthoud-Sattel ist mir leider gestohlen worden. Ein neuer war mir seinerzeit zu teuer.

Neuen Sattel probefahren

Wem Leder nicht gefällt oder zu teuer ist, der greift zu Plastik oder anderen synthetischen Materialien. Sättel aus Kunststoff müssen nicht gepflegt werden und sie haben gegenüber Ledersätteln einen weiteren Vorteil: Man kann sie bei guten Händlern Probefahren. Dieses Angebot sollte man nutzen und nicht nur bei einer Runde um den Block. Dann aber auch bitte den Sattel bei dem Händler kaufen und nicht 10 Euro günstiger im Internet bestellen.

Anders als Ledersättel brauchen Kunststoffsättel eine Polsterung. Dabei gilt die zunächst paradox klingende Faustregel: Je länger die Tour, desto härter sollte der Sattel sein. Superweiche Sättel sind für die Stadt in Ordnung. Auf langen Fahrten sinkt der Körper aber bei weichen Sätteln zu sehr ein. Das verursacht unangenehme Druckstellen in genau den Bereichen, die eigentlich geschützt werden sollen.

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Auch bei Kunststoffsätteln haben sich im Laufe der Zeit einige klassische Formen durchgesetzt. Welche einem persönlich am besten liegt, muss man ausprobieren. In den letzten Jahren ist eine Variante auf dem Vormarsch, die man früher eher selten gesehen hat: In der Mitte des Sattels ist eine längliche Aussparung, ein breiter Schlitz. Diese Leerstelle soll den Dammbereich entlasten, auf dem sich bei längeren Fahrten unangenehmer Druck aufbauen kann. Bei mir funktioniert das leider nicht, im Gegenteil. Sättel mit Schlitz zwicken bei mir an Stellen, an denen ich das nicht so gerne habe. Aber wie gesagt, die Vorlieben sind hier sehr individuell.

Auch die Optik spielt eine Rolle

Ein Wort des Trosts an alle, die auch nach Jahren noch auf der Suche nach dem perfekten Sattel sind: Ich habe ihn auch noch nicht gefunden. Ich lese immer voller Neid (und auch ein wenig ungläubig) die Schilderung von Radfahrern, die auch nach 20 Stunden im Sattel keine Beschwerden haben. Das kenne ich nicht. Spätestens nach fünf oder sechs Stunden spüre ich Druck an irgendeiner Stelle. So lange er nicht so groß wird, dass er mir den Spaß verleidet, bin ich zufrieden.

Ich habe mich schließlich für einen Brooks Cambium C17 entschieden, einen Sattel aus Kautschuk mit Nylonüberzeug. Für die Stadt reicht der Komfort allemal, und ich muss mich nicht die Pflege kümmern. Er sieht fast so hübsch wie mein alter Ledersattel. Das ist von allen Aspekten, die man beim Sattelkauf beachten sollte, nicht der unwichtigste.



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65 Leserkommentare
qoderrat 19.10.2019
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