Fahrräder im Abo Paradies für Schraubermuffel

Bock auf ein teures E-Bike, aber gerade klamm? Lust auf ein Hollandrad, aber zwei linke Hände? Fahrrad-Abos lösen beide Probleme - die Angebote wachsen deswegen auch rasant. Die verschiedenen Modelle im Überblick.

Swapfiets

ADAC steht für Allgemeiner Deutscher Automobil-Club, und ausgerechnet dieser ADAC macht sich seit ein paar Monaten mit einem besonderen Angebot für Fahrradfahrer stark. Mit etwas hölzernen Slogans wie "Ja, mia san mit'm e-Bike da" oder "Einfach entspannt elektrisiert" startete der gewerbliche Zweig des Clubs, die ADAC SE, im Juli in München ein Pilotprojekt mit dem Ziel, herauszufinden, "wie Elektromobilität auf zwei Rädern in den Alltag passt". So formulierte es Mahbod Asgari, Vorstand der ADAC SE, bei der Vorstellung im Juli.

Unter dem Titel "e-Ride" können ADAC-Mitglieder zunächst nur in München ein E-Bike abonnieren. Sie bekommen das City-Pedelec frei Haus geliefert, eine Einweisung in Funktionsweise und Technik und zahlen dafür monatlich ab 89 Euro aufwärts, je nach Laufzeit des Vertrages. Sechs Monate sind das Minimum. Im Preis enthalten ist eine Vollkaskoversicherung sowie ein Vor-Ort-Service. Dazu kommt eine einmalige Startgebühr von 198 Euro. "Nach gegenwärtigem Stand werden wir das Angebot im ganzen Bundesgebiet verfügbar machen", sagt ADAC-Sprecher Christian Buric. Womöglich auch für Nichtmitglieder.

Bikesharing gibt es schon lange. Aber das Fahrrad über einen längeren Zeitraum zu mieten statt nur spontan bei einem Nextbike oder Call-a-Bike aufzusatteln, das ist neu am Markt. Geteilt wird mit niemandem mehr: Der Kunde erhält ein Fahrrad, das sich anfühlt wie sein eigenes, sagt Sven-Ulrik Schneider, Mitgründer von Smafo. Das Start-up aus Gütersloh bietet seit Ende 2018 Abos für E-Bikes an - bislang in Paderborn, Bielefeld und Gütersloh. Während das klassische Bikesharing "kleinere Städte und die ländlichen Gegenden komplett außen vor" lasse, funktioniere das Konzept des Abonnements auch jenseits der Ballungszentren. So stehen an der letzten Haltestelle am Stadtrand selten Sharing-Bikes bereit, doch das Mietrad lässt sich überall parken.

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Fahrräder im Abo: Paradies für Schraubermuffel

Smafo ist nur der jüngste und kleinste Player in der sich gerade öffnenden Marktnische zwischen klassischem Fahrradhandel und den seit dem Jahr 2000 in Deutschland operierenden Bikesharing-Unternehmen. Die derzeit größten Anbieter kommen aus dem Radlerland Holland: die Start-ups Swapfiets und VanMoof, die bislang im Regelbetrieb zunächst Fahrräder ohne Batterieantrieb zur Miete anpreisen, aber ihr weiteres Vorgehen ebenso elektrisieren. "Das Angebot mit E-Bikes werden wir im kommenden Jahr an allen deutschen Standorten ausrollen", sagt Swapfiets-Geschäftsführer Steven Uitentuis.

Den Hollandrad-Klassiker bequem im Abo fahren

Swapfiets wurde 2014 von Studenten im holländischen Delft gegründet und ist seit März 2018 in Deutschland vertreten, mittlerweile sind die City-Räder vom Kooperationspartner und Hersteller Gazelle in 20 deutschen Städten verfügbar. Ihr Erkennungsmerkmal: der blaue Vorderreifen und ein Frontgepäckträger. VanMoof machte zunächst mit seinen cleanen Urban-Bikes zum Kauf auf sich aufmerksam, ebenfalls seit 2018 kann man ein VanMoof "Smart Bike" im Monatstakt auch anmieten.

Die Angebote ähneln einander: Der Kunde zahlt eine laufende Gebühr und nutzt das Fahrrad, Neuware oder wieder instand gesetzte Rückläufer, exklusiv. Bei Swapfiets werden dafür regulär 19,50 Euro monatlich fällig, bei VanMoof sind es 25 Euro zuzüglich einer "Schlüsselgebühr" genannten Startgebühr von 98 Euro. Smafo kassiert für sein Tiefeinsteiger-E-City-Rad mit 100 Kilometer Reichweite und dem Akku auf dem hinteren Gepäckträger monatlich 59 Euro, die Startgebühr liegt bei ebenfalls 59 Euro.

Fahrraddetektive sind bei einem Anbieter Teil des Angebots

Dafür versprechen die Anbieter ein Rundum-sorglos-Paket. Wird das gesicherte Rad gestohlen, gibt es bei Swapfiets gegen 60 Euro Selbstbeteiligung Ersatz, bei Smafo sind es 120 Euro. Bei VanMoof versuchen hauseigene "Bike Hunter" für eine Gebühr von 100 Euro das Rad wieder aufzuspüren, es hat dazu einen GPS-Sender eingebaut. Wird es nicht gefunden, bekommt der Kunde nach 14 Tagen Ersatz.

Für Schraubermuffel sind die Angebote das Paradies. Geht was kaputt, kümmern sich die Unternehmen kostenfrei, auch wenn nur ein Platten behoben werden muss. "Auch kleinste Reparaturen sollten nur von unserem Team durchgeführt werden. Das ist der Sinn von unserem 'Bicycle as a Service'-Modell", sagt Swapfiets-Mitgründer Uitentuis. Gibt es ein Problem, meldet sich binnen 24 Stunden ein Mitarbeiter vor Ort. "Das Swapfiets wird innerhalb von zehn Minuten repariert oder gegen ein funktionstüchtiges Modell sofort ausgetauscht."

Ähnlichen Service bieten Smafo und der ADAC. Bei VanMoof muss der Kunde bei Problemen eine Filiale aufsuchen, Zusatzkosten entstehen aber auch dort nicht. Allerdings betreibt VanMoof in Deutschland nur in Berlin einen Fahrradladen. Weltweit sind es acht, darunter neben dem Stammsitz in Amsterdam auch in New York und Tokio.

Laut ADAC-Sprecher Buric liegt der Vorteil der Fahrrad-Abos darin, dass man nicht viel Geld investieren muss. Das ist vor allem bei E-Bikes ein schlagendes Argument, denn sie kosten schnell mehrere tausend Euro: "Kapitalaufwand oder Finanzierung entfallen. Ein Abo kann also auch die richtige Kombination sein, wenn man ein hochwertiges Modell eines Lifestyle-Anbieters zu vertretbaren Kosten nutzen möchte", so Buric.

Niemand will sich festlegen

Zwar kann der Kunde sich anders als beim Kauf kein individuelles Modell bis zu den letzten Komponenten zusammenstellen, doch glaubt man den Unternehmen, hält das die Kunden nicht ab. Smafo freut sich nach eigenen Angaben über eine "überwältigende Nachfrage". Für 2020 sind zwei bis drei weitere Standorte geplant. Swapfiets zählt allein an seinen Deutschland-Standorten mehr als 30.000 Abonnenten und plant, in weiteren deutschen Städten sowie in Dänemark und Belgien zu expandieren. Und VanMoof-Sprecherin Karlijn Marchildon sagt: "Deutschland ist unser am schnellsten wachsender Markt." Mittlerweile fahren mehr Kunden ein VanMoof im Abo als ein gekauftes Rad.

Laut dem Berliner Mobilitätsforscher Andreas Knie bedienen die Fahrradvermieter einen gesellschaftlichen Trend: "Man will sich nicht festlegen mit einem Investitionsgut, gerade, wenn es hochwertiger ist - aber man will es nutzen." In diesem Sinne könnten ihm zufolge auch Lasten-E-Bikes oder typischerweise nur kurz genutzte Kinderfahrräder als Aboräder auf Nachfrage treffen. Stephan Rammler vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin sieht das größte Marktpotenzial im "studentischen Milieu" und unter den "Neonomaden", wie er sagt. "Das sind hochmobile Menschen, die an mehreren Orten leben und keinen Privatbesitz mehr brauchen."

Allerdings treten die Experten auch auf die Bremse. "Der Markt ist nicht so groß", sagt Rammler. Mögliche Risikokapitalgeber, die weitere Anbieter mit Geld versorgen könnten, müssten ganz genau hinsehen. Und Andreas Knie meint, dass es wie beim Bikesharing noch ein paar Jahre dauern könne, bis das Konzept aus der Nische heraustritt: "Aber können es die Anbieter so lange aushalten?" Denkbar wäre auch, dass die Räder der Anbieter zu "rollenden Verkaufsräumen werden." Nach dem Motto: erst mal ausprobieren, bevor man ganz altmodisch dann doch kauft - eine Option, die der ADAC nach Ablauf der Abo-Periode zur Sicherheit bereits bietet.

insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
eunegin 21.11.2019
1. 1000 Euro / Jahr - günstig?
Gerade günstig finde ich das nicht. Eine eigene Anschaffung amortisiert sich irgendwann, zumal man ein (E-)-Fahrrad ja länger hat. Das hier nicht.
severus1985 21.11.2019
2. Swapfiets - gutes Konzept
In meiner Stadt kostet ein Swapfiets Rad 15,90€ und ich finde, das ist ein sehr fairer Preis. Ich stecke pro Jahr bei entsprechender Fahrleistung auch 100€ Reparaturen (Verschleißteile wie Bremsbeläge, Ritzel und Kette) in mein eigenes Rad, da finde ich 180€ für ein Rund-um-Sorglos Paket echt überlegenswert. Swapfiets ist auch monatlich kündbar, und daher ideal für das universitäre Klientel (Gastwissenschaftler, Austauschstudenten etc), die nach einem halben Jahr wieder weiterziehen. Zudem ist die Vermarktung mit dem blauen Reifen natürlich sehr clever, die Räder haben hohen Wiedererkennungswert und das ohne penetrant mit Werbung voll geklebt zu sein.
gwyar 21.11.2019
3. Preisfrage
Wo liegt jetzt der - geldwerten - Vorteil gegenüber Leasing? Gerade und speziell im Falle des ADAC - Angebots empfinde ich die Abokosten, insbesondere die eventuelle Verrechnung am Ende, als unverschämt teuer. Soll die Argumentation in den kostenlosen Reperaturen liegen? Es ist kein Auto und verschuldete Reperaturen (dazu dürfte auch ein Sturz ohne Fremdeinwirkung zählen) müssen weiterhin selbst gezahlt werden. Aber ich bin gerne bereit, mich von tatsächlichen Vorteilen überzeugen zu lassen.
Greenkeeper2021 21.11.2019
4.
Zitat von euneginGerade günstig finde ich das nicht. Eine eigene Anschaffung amortisiert sich irgendwann, zumal man ein (E-)-Fahrrad ja länger hat. Das hier nicht.
Ein E Bike in ordentlicher Qualität kostet etwa 3000 Euro Dazu im Jahr Versicherung und Wartung, da sind schnell 500 600 Euro zusammen wenn man viel fährt Dürfte also für viele doch lukrativ sein, sieht man ja an den Absatzzahlen
Sollu 21.11.2019
5.
Ich finde, dass gerade der Punkt mit den Reparaturen hakelig wirkt. Am Auto macht das ja Sinn. Dort können (mittlerweile) selbst Kleinstreparaturen nicht mehr einfach durchgeführt werden - aber am Fahrrad??? Einen Platten kriegt selbst der Laie mit Youtube in unter einer Stunde repariert und das Reparaturwerkzeug samt Ersatzschlauch passt unter jeden Sattel. Dafür erstmal bis zu 24h auf die Antwort vom Leasinggeber zu warten ist mehr als ineffizient.
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