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12. Mai 2005, 11:42 Uhr

Familienkutsche

Keine Angst vor Schokofingern

Familie und Beruf zu koordinieren ist schon keine einfache Sache. Ein zur Familie passendes Auto zu finden scheint jedoch ungleich komplizierter: Die Kleinen müssen sicher sitzen, ihr Spiel- und Sportgerät muss Platz finden, und die Ausstattung sollte gegen jeden Kleinkindangriff gewappnet sein.

Honda FRV: Drei Plätze für die Kleinfamilie in der Frontreihe
GMS

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München/Hamburg "Früher sind wir im Käfer mit der ganzen Familie in den Urlaub gefahren." So in etwa lauten die Kommentare der Großeltern, wenn man über die Anschaffung eines größeren Autos für die junge Familie nachdenkt. Doch auch bei schmalem Geldbeutel wollen Eltern ihren Nachwuchs heute nicht mehr auf eine enge Rückbank zwängen und den Kinderwagen auf einen Dachgepäckträger schnallen. Viel Platz allein macht jedoch noch keine "Familienkutsche" - auch auf die Ausstattung kommt es an.

Mit den Ausstattungsmerkmalen von Autos beschäftigt sich Nick Margetts täglich. Er ist Geschäftsführer von Jato Dynamics, einem auf die Kfz-Ausstattung spezialisierten Marktforschungsunternehmen mit Sitz in Limburg. "Das Thema Sicherheit spielt bei deutschen Käufern eine besonders wichtige Rolle, vor allem für Familien", sagt Margetts. Seitenairbags vorn und hinten seien daher ein Muss.

Und wenn der Nachwuchs noch im Kindersitz transportiert wird, sollte auf Isofix-Arretierungen geachtet werden. Diese mit dem Sitz verbundene Halterung braucht es, um den Kindersitz direkt mit dem Auto und nicht nur mit dem Gurt befestigen zu können. Nach Isofix sollte man den Händler Margetts zufolge auf jeden Fall fragen: "28 Prozent aller auf dem deutschen Markt verfügbaren Fahrzeugversionen werden ohne serienmäßige Isofix-Montierungspunkte geliefert."

Staufach unterm Dach: Herausforderung für Ordnungsfanatiker
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Wenn sie allein mit dem Kind unterwegs sind, montieren manche Eltern die Babyschale gern auf dem Beifahrersitz. Das sollte man allerdings nur machen, wenn sich der Beifahrerairbag abschalten lässt - ein ausgelöster Airbag könnte das Kind töten. Mittlerweile gebe es Fahrzeuge, in denen ein Sensor automatisch den Beifahrerairbag deaktiviert, sobald dort eine Babyschale steht, sagt Arnulf Volkmar Thiemel, Technik-Experte beim ADAC in München. "Das funktioniert jedoch nur mit Babyschalen vom gleichen Hersteller."

Manche Ausstattungsmerkmale erleichtern vor allem längere Autofahrten mit Kindern deutlich. Dazu gehört die Klimaanlage. Eine Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber empfiehlt Nick Margetts ebenfalls. Allerdings sollten die Fensterheber hinten von den Eltern per Knopfdruck blockiert werden können und müssen einen Einklemmschutz besitzen.

Da vor allem kleine Kinder empfindlich auf Sonneneinstrahlung reagieren, können hinten abgedunkelte Scheiben vorteilhaft sein. Jedermanns Fall sind sie aber nicht - "aus ästhetischen Gründen und weil sie die Sicht beeinträchtigen", sagt Margetts.

Velourteppiche sind für Kindermobile nicht die beste Wahl

Vor allem Vans und größere Kombis werden oft gegen Aufpreis mit zusätzlichen Stauräumen angeboten. Das Angebot reicht von einer einfachen Ablagegalerie bis hin zum eingebauten Kühlfach. Gekühlte Staufächer sind laut Margetts in rund einem Viertel aller Fahrzeugversionen in Deutschland serienmäßig erhältlich. "Entweder für das Handschuhfach oder die Mittelkonsole." Einige Autos bieten ein gekühltes Staufach in der hinteren Mittelarmlehne.

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Bei der Wahl der Ausstattungsmaterialien sollte ebenfalls daran gedacht werden, dass Kinder mitfahren: Kinder kommen mit ihren Schuhen schnell gegen die Rücklehnen der Vordersitze oder greifen mit ihren kleinen Schokofingern beherzt in die Polster. "Helle Farben sind da nicht so toll", sagt Stefan Bleitner, der die Dekra-Niederlassung in Hamburg leitet. Auch Velourteppiche beziehungsweise Velourfußmatten sind fürs Familienauto nicht unbedingt die beste Wahl. "Legen Sie Gummimatten rein", rät Bleitner.

Wer viel mit dem Familienwagen unterwegs ist und dabei auch mal ein Fahrrad oder andere sperrige Gegenstände transportiert, wird sich über einen flexibel gestaltbaren Innenraum freuen: Teilbare und umklappbare Rückbänke oder herausnehmbare Sitze sind von Vorteil, weil sie bei Bedarf viel zusätzlichen Stauraum schaffen. Manche Wagen wie der Fiat Multipla oder der Honda FRV haben vorn drei Sitze. Dreiköpfige Familien kommen also komplett in der ersten Reihe unter, während der Rückraum reichlich Platz für großes Gepäck bietet.

Probefahrt ist ein Muss

Wer einen familientauglichen Pkw sucht, muss nicht zwangsläufig zu Van oder Kombi greifen. Auch eine Limousine könne ausreichend Platz für eine vierköpfige Familie bieten, so Bleitner. Oft habe diese im Kofferraum genausoviel Stauraum wie der Kombi. Nur wenn hoch gestapelt wird, ist dieser im Vorteil. Um welche Karosserievariante es sich auch handelt - man sollte ausprobieren, ob oft transportierte Gegenstände wie der Kinderwagen durch die Kofferraumöffnung passen.

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"Ein Auto ist ein sehr komplexes Gerät. Man muss sich also viel Zeit nehmen, um es auszuprobieren", rät Thiemel. Und es sei ein Muss, den Wagen gemeinsam mit der Familie Probe zu fahren. Dabei setze man das Fahrzeug am besten so ein, wie man es im Alltag auch tun würde: "Bringen Sie die Kinder zum Sport oder machen Sie einen Großeinkauf."

Die Wahl des Autos hängt natürlich nicht allein von der zur Verfügung stehenden Innenausstattung ab. "Auch die wirtschaftlichen Aspekte müssen bedacht werden", so Bleitner. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob es ein Diesel oder ein Benziner sein soll. Der Diesel ist etwas teurer in der Anschaffung, der Benziner dafür etwas teurer im Unterhalt.

Vor allem das Budget junger Familien ist oft eher klein. Um dennoch den Wunsch nach einem Familienauto zu erfüllen, greifen viele zum Gebrauchten. Autos seien heute vergleichsweise langlebig, so dass man auch von hohen Laufleistungen nicht pauschal zurückschrecken müsse, so Thiemel. "Auf jeden Fall sollte man die Verkäufer jedoch fragen, warum sie sich von ihrem Gefährt trennen wollen."

Von Sven Appel, gms

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