Feldversuch in Hamburg Brennstoffzellen für Europas grüne Hauptstadt

Wasserstoff und Brennstoffzellen gelten als wesentliche Elemente künftiger Mobilität. Forschungsprojekte werden mit erklecklichen Summen Steuergeld unterstützt. Jetzt startet in Hamburg ein weiterer Großversuch. Wohin der führen soll, ist allerdings noch nicht ganz klar.


Die Hansestadt Hamburg, die sich ab 2011 mit dem von der EU verliehenen Titel "Green Capital", also Grüne Hauptstadt Europas, rühmen darf, will beim Thema Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Mobilität eine Vorreiterrolle übernehmen. Dazu wurde jetzt eine Absichtserklärung unterzeichnet, in dem die Stadt gemeinsam mit den Unternehmen Daimler, Shell, Total und Vattenfall ein neuerliches Großprojekt für den Einsatz von Brennstoffzellenfahrzeugen im Straßenverkehr verabredet. 2010 soll es losgehen; 2,25 Millionen Euro steuern der Bund und der Stadtstaat Hamburg bei, Daimler-Chef Dieter Zetsche nannte "einen zweistelligen Millionenbetrag", den sein Unternehmen in diesem Rahmen einsetze.

Brennstoffzellenstadt Hamburg - das gilt bereits seit einem Jahrzehnt. Im Advent 1999 stellte Daimler der Hochbahn einen Nebus-Brennstoffzellen-Omnibus als "Christmas Shuttle" zur Verfügung. Das Hightech-Fahrzeug pendelte damals zwischen den Weihnachtsmärkten in der Innenstadt hin und her und sollte Lebkuchen- und Glühweinfreunde mit den Vorteilen der emissionsfreien Mobilität vertraut machen. Vier Jahre später war Hamburg eine von zwölf Städten weltweit, in denen Daimler in einem Großversuch insgesamt 36 Citaro-Brennstoffzellenbusse (Stückpreis damals 2,45 Millionen Euro) einsetzte. Unter anderem wurde das Projekt von der EU gefördert.

Viel übriggeblieben ist davon allerdings nicht. "Von den damals beteiligten Städten ist nur Hamburg dieser Zukunftstechnologie treu geblieben", sagt eine Daimler-Sprecherin. "Wir wollen eine Region werden, in der Hightech-Fahrzeuge unterwegs sind", erklärte der Erste Bürgermeister Ole von Beust gestern in der Handelskammer. Und Daimler-Chef Dieter Zetsche sekundierte: "Hamburg könnte auch für den Brennstoffzellenantrieb das Tor zur Welt werden."

Die Stadt wird jedenfalls der weltweit erste Einsatzort der neuen Brennstoffzellen-Fahrzeuggeneration von Mercedes. Im nächsten Jahr sollen zehn neue Citaro-Brennstoffzellenbusse (bislang waren es sechs) sowie erstmals auch Pkw mit Brennstoffzellenantrieb, nämlich 20 Mercedes-B-Klasse-Modelle, in Hamburg an den Start gehen. Das Besondere an den Bussen ist die erstmals modular aufgebaute Antriebstechnik: Darin stecken einfach zwei miteinander gekoppelte Pkw-Einheiten. "Das senkt die Kosten und erhöht den Reifegrad", erklärte Zetsche.

Das Brennstoffzellenauto ist im Prinzip marktreif

Der Daimler-Chef betonte, dass Brennstoffzellenautos inzwischen keinerlei Einschränkungen mehr gegenüber konventionell angetriebenen Fahrzeugen hätten. "Die Reichweite liegt bei 400 Kilometern, das Tanken dauert nur wenige Minuten." Tanken ist jedoch das entscheidende Stichwort - denn was noch fehlt, sind Wasserstoff-Zapfsäulen. Ein bundesweit flächendeckendes Netz von tausend Wasserstoff-Tankstellen, so Zetsche, würde eine Investition von circa 1,7 Milliarden Euro bedeuten. Zetsche: "Das kann keiner alleine schultern, da braucht man vereinte Kräfte."

In Hamburg deutet sich an, wie so ein Zusammenspiel aussehen könnte, denn mit Shell und Total sind zwei Mineralölkonzerne und mit Vattenfall auch ein Energieversorger mit an Bord des Brennstoffzellenprojekts. Insgesamt, so sieht es die unterzeichnete Absichtserklärung vor, sollen in den kommenden Jahren insgesamt vier öffentliche Wasserstoff-Tankstellen in der Hansestadt betrieben werden. Zwei gibt es bereits, der Ölmulti Total betreibt sie. Peter Blauwhoff, Geschäftsführer der Deutschen Shell Holding GmbH, sagte, sein Unternehmen werde die "Einrichtung von zwei öffentlichen Shell-Tankstellen für Wasserstoff zwischen 2011 und 2014 prüfen".

Der Wasserstoff soll mit Windkraft produziert werden

Der Stromkonzern Vattenfall wiederum kündigte an, den Wasserstoff - wie auch bisher schon - zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien herstellen zu wollen. Man denke da vor allem an Windkraft, sagte Rainer Schubach, der Generalbevollmächtigte von Vattenfall Europe.

Wieder ein neues Projekt; wieder ein bisschen Aufbruchstimmung; wieder nur ein sehr, sehr kleiner Tropfen auf den heißen Stein Klimawandel. Wann denn endlich der Brennstoffzellenantrieb in der Großserie und zu einem bezahlbaren Preis auf den Markt komme, wird Zetsche gefragt. Die Antwort: Wenn man eine Jahresproduktion von 100.000 Brennstoffzellenautos zugrunde lege, dann könne man ab etwa 2015 solche Fahrzeuge zu Preisen konventioneller Pkw herstellen. Vier Wasserstoff-Tankstellen in Hamburg würden dann allerdings nicht mehr reichen.



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