Fiat 500 Das Retortenbaby

Mit dem Stolz werdender Eltern bereitet Fiat die Wiedergeburt des Cinquecento vor. Doch das Kind hat viele Väter: Im Internet können künftige Kunden am Design des Kleinwagens mitarbeiten. Neun Monate vor der Premiere geht das "Concept Lab" jetzt in die nächste Phase.


Wenn Luca De Meo vom neuen Cinquecento spricht, dann schwillt im vor Stolz die Brust. Als wäre es das persönliche Baby des Fiat-Markenchefs, tritt ihm beim Gedanken an den neuen Kleinwagen ein väterlicher Glanz in die Augen. Er freut sich nicht nur über das Auto selbst, mit dem Fiat exakt 50 Jahre nach der Premiere im nächsten September einen ähnlichen Erfolg landen möchte wie BMW mit dem Mini. Sondern er freut sich auch über die Entwicklung des Wagens, der in Polen auf Basis des Panda vom Band laufen wird und auch als Gerüst für die nächste Auflage des Ford Ka dient. Denn zum ersten Mal entwickelt Fiat nicht hinter verschlossenen Türen, sondern bezieht die künftigen Kunden in die Arbeit mit ein.

Auf einer speziellen Internetseite können sie schon seit drei Monaten am Design der kleinen Knutschkugel mitarbeiten. 365 Tage vor der Premiere haben die Italiener das "Concept Lab" der Phase eins gestartet, und an diesem Freitag soll - neun Monate vor dem ersten Auftritt am 15. September 2007 - die Phase zwei einen wahren Babyboom auslösen - im Internet und im Ehebett.

"Eigentlich ist die Integration der Öffentlichkeit nichts Neues", sagt Luca De Meo und verweist auf Internet-Projekte wie Wikipedia oder die Kollektiv-Software Linux. "Doch die Automobilhersteller haben bislang eher diktatorisch gearbeitet", gibt der Markenchef zu. "Das ist das Auto, von dem wir glauben, dass ihr es toll findet", habe die Maxime bis dato gelautet. Fiat dagegen habe nun zum ersten Mal einen Prozess gestartet, den De Meo "demokratisch" nennt und dem er eine umgekehrte Richtung zuschreibt: "Hier arbeiten wir tatsächlich von unten nach oben."

Die künftigen Kunden machen davon regen Gebrauch: Allein in den ersten 50 Tagen haben die Italiener mehr als 500.000 Zugänge gezählt, nach wenigen Monaten waren zehn Millionen Klicks, fast 400 Menschen haben ein Foto zu den "500 Faces" auf die Website gestellt, und mehr als 170.000 Entwürfe zeigen, wie sich die Fans den neuen Cinquecento vorstellen. "Dabei erreichen wir bei weitem nicht nur Menschen aus Italien", so De Meo weiter. Mehr als die Hälfte der Besucher kommen aus dem Ausland. "Und viele davon sogar aus Ländern, in denen Fiat oder der alte 500er gar nicht angeboten wurden", sagt er und berichtet von Hunderten Vorschlägen etwa aus Japan, China oder den USA. Sogar aus Indien und Südafrika kamen Anregungen.

Wichtige Erkenntnisse durch einfache Spielereien

Zwar ist der Spielraum der Möchtegern-Designer nicht ganz so groß, weil Fiat natürlich die technische Entwicklung in der Hand behält und zudem die finale Form des neuen Modells noch gar nicht veröffentlicht hat. Doch auf Basis der Studie Trepiuno von 2004 können die Surfer im virtuellen Entwicklungsstudio trotz allem mehr verändern als die Farbe und die Variation mit Rallyestreifen, Uni-Lackierung, Prilblümchen, züngelnden Flammen oder Psychedelic-Muster. "Nach mehr als 20.000 Zuschriften wissen wir jetzt auch, welche Form sich die Kunden für den Auspuff wünschen, dass beinahe jeder Zweite eine kleine italienische Flagge unter dem Außenspiegel haben möchte und dass viele Kunden Wert auf verchromt Stoßfänger legen werden", sagt De Meo weiter. Außerdem haben die Surfer ein Maskottchen und rund 1000 Accessoires gestaltet. "Und warum sollten sie uns nicht auch sagen, welche Werbung sie sich für den neuen Fiat 500 wünschen?"

Noch ist es dafür allerdings ein paar Monate zu früh. Jetzt geht es erst einmal ans Interieur. Dafür schaltet Fiat nun die zweite Phase des "Concept Lab" frei und gewährt einen Einblick in den Innenraum des Retortenbabys. Zwar darf man auch weiterhin am Lack herumspielen, doch sind jetzt eigentlich "die Instrumente, die Sitzbezüge, die Konsolen und das Lenkrad an der Reihe", sagt De Meo und verweist auf einen großen Baukasten, in dem die Surfer per Mausklick Farben und Formen vieler Elemente auswählen können.

Fans geben ihre Design-Anregungen umsonst

Natürlich könnten Ketzer die Amateur-Designer auch als Maßnahme zur Kostensenkung sehen. "Um Geld geht es dabei nicht", sagt De Meo. Viel mehr sieht er in der Internetarbeit moderne Marktforschung und eine Risikoversicherung für guten Geschmack. "Wenn wir auf das hören, was uns die Kunden sagen, dann können wir relativ sicher sein, dass unser Auto später auch gut ankommen wird", begründet De Meo den ungewöhnlichen Weg, der freilich auch Aufmerksamkeit erregen soll. "Während über den Ford Ka noch niemand spricht, ist der Fiat 500 schon heute in aller Munde", freut sich ein Manager.

Allerdings hat die Mitmachaktion nicht nur ambitionierte Amateurdesigner animiert. Auch in die Familienplanung wollen die Italiener bald eingreifen. Da Eltern, falls ihr Baby am Tag der Weltpremiere zur Welt kommt, ein neuer 500er winkt, dürfte es künftig ein paar Bambini mehr geben. Allerdings braucht es dafür Glück: Weil allein in Italien pro Tag 1520 Kinder geboren werden, muss das Los entscheiden. Einer macht ganz sicher nicht mit: Luca De Meo muss an diesem Tag ein Auto auf die Welt bringen und schafft es wohl kaum in den Kreißsaal.



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