Fiat 500 Partyspektakel am Po

Dagegen ist selbst die Premiere eines VW Golf nur besseres Laientheater - exakt 50 Jahre nach dem Debüt des Ur-500 enthüllte Fiat gestern abend das neue Modell, und ganz Italien feierte. Die größte Party stieg in Turin, wo 7000 geladene Gäste den kleinen Star begrüßten.


Er ist 3,55 Meter kurz, 1,69 Meter schmal, 1,45 Meter flach und nüchtern betrachtet eher ein Zwerg. Jedenfalls in der Welt der Autos. Doch letzte Nacht kam der Kleine ganz groß raus. In Italien gibt es derzeit wohl kein anderes Auto, das mehr Aufmerksamkeit erregt als der neue Fiat 500. Da könnten Kimi Räikkönen und Felipe Massa mit ihren Formel-1-Ferraris im Konvoi durch die Stadt fahren – wahrscheinlich würde nicht einmal jemand den Kopf nach ihnen drehen. Denn in Turin und fast überall sonst im Land richten sich die Blicke auf die Reinkarnation jenes Kleinwagens, der für die Mobilisierung Italiens mindestens ebenso wichtig war, wie der VW Käfer für das Wirtschaftswunder in Deutschland.

Auf den Tag genau 50 Jahre nach der Premiere des "Nuovo Cinquecento" hat Fiat Mittwochnacht den neuen 500er vorgestellt. Was andere Hersteller im Rahmen einer Pressekonferenz erledigen, zelebrieren die Italiener als riesiges Volksfest, bei dem die ganze Stadt und die gesamte Industrie des Piemont mitfeiert. 7000 geladene Gäste aus mehr als 60 Ländern und mehrere zehntausend Einwohner erlebten deshalb eine riesige PR-Show für ein kleines Auto, die vermutlich nirgendwo sonst auf der Welt möglich gewesen wäre.

Begonnen hatte die Feier schon am Nachmittag mit einer Parade von mehr als 500 alten 500ern, die mal bunt mal uni, mal klassisch restauriert und mal bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, mit 18 oder 300 PS auf der Piazza Vittorio Veneto Aufstellung nahmen. Die Autos kullerten dann munter - von der Polizei eskortiert - durch die von Arkaden gesäumten Boulevards und flanierten oder knatterten bis spät in die Nacht durchs Zentrum Turins, wo sie an jeder roten Ampel mit Applaus gefeiert wurden.

Kleines Auto - große Hoffnung

Auf solche Szenen stützt Fiat-Markenchef Luce De Meo seine großen Hoffnungen. De Meo war der maßgebliche Kopf hinter dem Projekt, er braucht den Erfolg des 500. "Wir sind überzeugt, dass er ein Manifest der erneuerten Marke Fiat ist", sagt der Vorstand. 25.000 Vorbestellungen gibt es bisher, obwohl der Wagen bislang nur im Rahmen einer Internet-Werbe-Kampagne zu sehen war.

Das gestrige Werbespektakel dauerte 90 Minuten und wurde live von einem großen Italienischen TV-Sender sowie via Internet übertragen. Inszeniert von Marco Balich, der auch Eröffnung und Finale der Olympischen Winterspiele in Turin konzipierte, feierte Turin den alten und den neuen 500er mit einem Fest aus Musik, Akrobatik, Lichterglanz und einem spektakulären Feurwerk. Einen zweistelligen Millionenbetrag , schätzen Branchenkenner, hat das Spektakel gekostet.

Eine Nudelfabrik spendierte 500 Kilo Pasta

Mit dem verglühen des letzten Goldregens über den Ufern des Po endete nur der offizielle Teil der Party. Anschließend lockte in der Innenstadt eine "Notte Bianca 500" mit teils ungewöhnlichen Attraktionen rund um das Auto. Schon dass in sechs mobilen Postämtern bis um Mitternacht Sondermarken mit dem klassischen Fiat 500 verkauft wurden, wäre in Deutschland schwer vorstellbar. Doch dass eine Nudelfabrik zur Premiere eines Autos 500 Kilo Pasta spendiert, die Museen bis um zwei Uhr morgens öffnen, dutzende von Musikgruppen in Oldtimern durch die Stadt fahren und sogar die Friseurinnung "500 Bürstenstriche unter den Sternen" vorstellt, sprengt vollends den Rahmen einer Autopräsentation.

Dabei weiß immer noch keiner, wie sich der Wagen anfühlt, wie er fährt und wie er auf der Straße ankommt. Doch das wird sich bald zeigen. Zwar kommt der Fiat 500 zu Preisen um 10.500 Euro erst ab 6.Oktober nach Deutschland. Doch in Italien beginnt der Verkauf zeitgleich mit der Premiere und den ersten Testfahrten, für die Fiat noch einmal groß aufgefahren hat. Denn nicht wie sonst auf einem staubigen Parkplatz, sondern im Stadio Comunale beginnen die 180 Autos ihr Heimspiel mit den mehr als 1000 Journalisten. Auch SPIEGEL ONLINE wird morgen über die ersten Fahreindrücke berichten.

Der komplette Fiat-Vorstand flog zum Präsidenten

Gefeiert wird allerdings nicht nur in Turin. Als würde VW-Chef Martin Winterkorn den neuen Golf oder Porsche-Vorstand Wendelin Wiedeking den nächsten 911 höchstselbst ins Kanzleramt fahren, flog das Fiat-Management am Tag nach der großen Gala geschlossen nach Rom, um den Wagen persönlich dem Präsidenten der Republik vorzustellen.

Aber so freudvoll das ganze Land und insbesondere die Fiat-Metropole Turin die Wiedergeburt des Klassikers auch feiern, hat die Party doch einen kleinen Schönheitsfehler. Denn anders als das Auto von 1957 kommt der neue 500er nicht aus Italien, sondern wird - wie auch der Fiat Panda - in Polen montiert.



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