Fiat Croma Der Unerwartete

Als der Fiat Croma vor einem halben Jahr auf den Markt kam, wurde er mit dem Spruch "das italienische Auto, das Sie nicht erwartet hätten" beworben. Der Slogan spiegelt die typische Reaktion auf den Wagen wider, und das ist Dilemma und Chance zugleich.


Nach rund 2000 Kilometern und vielen Gesprächen mit unterschiedlichsten Passagieren im Fiat Croma ist klar, dass dieses Auto ein großes Defizit hat: Kaum jemand kennt es, und noch weniger Leute trauen ihm den Part zu, den es spielt. Den Part nämlich eines ausgesprochen bequemen, geräumigen und angenehmen Reisewagens. Alle, die im Fond Platz nahmen, fanden anerkennende Worte zu den prima Sitzen und dem wohltuenden Gefühl, dass einem nicht gleich das Dach auf den Kopf fallen wird. Und jeder, der den Beifahrerplatz besetzte, lobte anschließend die durchdachten Ablagemöglichkeiten und die schnörkellos geformten Armaturen. Stets schwang in solchen Aussagen die Verwunderung mit, ausgerechnet in einem Fiat so etwas vorzufinden.

Fiat Croma: Eine Kombi-Limousine, die erst in Fahrt ihre Stärken offenbart

Fiat Croma: Eine Kombi-Limousine, die erst in Fahrt ihre Stärken offenbart

Es sind solche Momente, in denen sofort einleuchtet, was der Begriff Image zu fassen versucht. Oder warum Marketingleute so gerne von Markenwert oder Markenkern oder Markenwelt sprechen. Gewiss, sie tun das viel zu oft und viel zu oft auch zu unreflektiert, doch natürlich ist da was dran: Wenn die Leute einem bestimmten Autohersteller nicht zutrauen, ein gewisses Niveau zu erreichen, dann kann sie nur die eigene Erfahrung eines Besseren belehren. Wer aber macht die schon? Wenn es aber doch dazu kommt, ist die Verwunderung groß, der Effekt auf das Image allerdings ebenso. Das ist die Chance, die Fiat mit dem Croma hat.

Wir waren mit dem Modell mit 1,9-Liter-Dieselmotor und einer Leistung von 120 PS (88 kW) unterwegs. Der Selbstzünder harmoniert mit dem geräumigen Wagen tadellos und erfreulicherweise hielt sich die Maschine auch mit Gepäck und Passagieren im Fond eng an die Verbrauchswerte, die das offizielle Datenblatt nennt. 6,1 Liter steht da als Durchschnittsverbrauch, mit rund 6,8 Litern kam unser Modell zurecht. Selbstverständlich ist serienmäßig ein Rußpartikelfilter im Abgasstrang verbaut. Der Grundpreis des Croma 1.9 Multijet liegt übrigens bei 23.050 Euro.

Sieben Airbags sind Standard

Was den Antrieb anlangt, fährt der Croma also problemlos auf dem Niveau der Mittelklasse mit. Das Sechsgang-Schaltgetriebe lässt sich flüssig bedienen, die Lenkung vermittelt ein gutes Gefühl für die Fahrbahn. Durch die im Vergleich zu herkömmlich geformten Limousinen etwas erhöhte Sitzposition im Croma bleibt der Rücken gerade auf langen Strecken unverkrampfter als auf manch anderen Fahrersitzen. Zur Sicherheitsausstattung gehören serienmäßig ABS, ESP sowie sieben Airbags, darunter einer für die Knie des Fahrers. Kürzlich musste das Auto beim Euro-NCAP-Crashtest antreten, erhielt 34 von 37 möglichen Punkten und damit die Bestnote von fünf Sternen.

Keine Höchstwertung erhält das Navigationssystem, das Fiat in Kombination mit CD- und MP3-Musikanlage sowie einem 6,5-Zoll-Farbbildschirm anbietet (Aufpreis 2400 Euro). Denn für die Navigationsdaten Deutschlands sind zwei Daten-CDs nötig, was auf manchen Nord-Süd-Strecken einen Wechsel der Scheiben nötig macht. In Zeiten, da bereits das komplette Straßennetz Europas auf einer DVD erfasst werden kann, mutet solch eine Lösung antiquiert an. Lästig ist auch der doppelte Boden des Gepäckabteils: Die an sich clevere Idee, den Laderaum horizontal zu unterteilen und ein blickdichtes Ablagefach zu schaffen, wird durch den seltsamen Klappmechanismus konterkariert, der den Zwischenboden stets nach unten sacken lässt, wenn er beim Be- oder Entladen des Kellerabteils leicht angehoben wird.

Olympia in Turin als Marketing-Chance für Fiat

Schade, dass der Croma durch solche Kleinigkeiten einen Punktabzug hinnehmen muss. Denn eigentlich hat Fiat hier ein zeitlos elegantes, praktisches und vor allem souveränes Familienauto auf die Räder gestellt. Jetzt müssen die Italiener dafür sorgen, dass die Kundschaft auch davon erfährt. Seit der Markteinführung des Croma im Mai wurden bis Ende September in Deutschland 1026 Modelle des Typs erstmals zugelassen. Da bleibt also noch reichlich Luft nach oben.

Als Nächstes wird Fiat wohl die Olympischen Winterspiele in Turin - dort ist das Unternehmen einer der Hauptsponsoren - dazu nutzen, um Autos wie den Croma, die man so nicht erwartet hätte, bekannt zu machen. Es muss gelingen, denn der zuletzt krisengeschüttelte Konzern kommt allmählich wieder in Fahrt. 2005 wird wohl erstmals seit Jahren wieder ein ausgeglichenes Geschäftsergebnis erreicht. Und im Olympia-Jahr strebt Fiat S.p.A. nach eigener Auskunft einen Nettogewinn von mehr als 700 Millionen Euro an; die Autosparte von Fiat allerdings wird erst im nächsten Jahr den Break-Even erreichen. Der Croma sollte dazu einen ansehnlichen Beitrag leisten können.



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