Fiat Topolino Italiens Volkswagen

Die Idee, dass Autos nicht nur Luxusprodukte, sondern auch Vehikel für die Massen sein und so für erkleckliche Umsätze sorgen können, kam in den dreißiger Jahren auch Fiat-Patron Giovanni Agnelli. Er ließ einen Kleinwagen entwickelt, der zur Legende wurde: den Topolino.


Ein Traumauto - das war vor rund 70 Jahren beinahe jedes Auto, zumindest für die allermeisten Gering- und Normalverdiener der damaligen Zeit in Europa. Doch in dreißiger Jahren setzte allmählich ein Umdenken ein. Drei- und vierrädrige Minifahrzeuge von Hercules, Bully, Goliath oder DKW mit bescheidenen Zweizylinder-Zweitaktern sollten die Massen mobilisieren. Auch Giovanni Agnelli träumte von einem Kleinwagen, den sich vielleicht sogar die Arbeiter in seinen Fabriken leisten konnten. Anfang 1933 erteilte er den Entwicklungsauftrag für einen solchen Kleinwagen - und zwar nicht an seine Autokonstrukteure, sondern die Ingenieure von der damaligen Flugzeugbauabteilung.

Der 28 Jahre alte Ingenieur Dante Giacosa übernahm die Leitung des Projekts, und binnen eines Jahres war der Prototyp fertig: Der Fiat 500, dessen vorne eingebauten Vierzylinder-Viertakt-Motor einen Hubraum von 569 Kubikzentimetern aufwies und 13 PS leistete. Um das Gewicht und die Kosten so gering wie möglich zu halten, wurden die Aggregate rund um den Motorblock so angeordnet, dass weder eine Benzinpumpe noch eine Kühlwasserpumpe nötig waren. Angetrieben wurden die Hnterräder, hinten waren auch die beiden Türen angeschlagen.

Für das neue Auto eine neue Fabrik

Agnelli, so wird berichtet, sei von dem Auto begeistert gewesen, dessen putzige Karosserie mit den freistehenden Scheinwerfern von Rodolfo Schaeffer entworfen worden war. Der Fiat 500, das schien der Chef bereits zu ahnen, würde ein Erfolg werden. Denn um den Wagen zu bauen, wurde im Turiner Stadtteil Lingotto eine neue Fabrik gebaut - im Inneren mit der damals modernsten Fließbandtechnik ausgestattet und auf dem Dach eine Teststrecke.

Vor 70 Jahren dann, im Sommer 1936, wurde der Fiat 500 vorgestellt. Das 3,21 Meter kurze und bis zu 85 km/h schnelle, flinke und hübsche Wägelchen eroberte auf Anhieb die Herzen der Italiener und bekam sogleich einen Spitznamen. Topolino, "das Mäuschen", wurde der Wagen genannt - genau so heißt übrigens auch die US-Comicfigur Micky Maus in Italien.

535 Kilogramm wog der Fiat 500. Es war das damals kleinste in Großserie gefertigte Auto der Welt und er kostet 8900 Lire. Stoßstangen waren in dieser Summe noch nicht inbegriffen, doch das machte gar nichts: Die Karosserie sah auch ohne diese Schutzbleche sehr attraktiv und vor allem puristisch aus. "Billiger", so erklärte Chefentwickler Giacosa später, "konnte man ein Auto nicht konstruieren."

Ein Kombi names "Giardiniera Belvedere"

Von der ersten Baureihe wurden zwischen 1936 und 1948 insgesamt 122.000 Exemplare gefertigt. In der Folge erschien das Modell Fiat 500 B, von dem allerdings in zwei Jahren lediglich 21.000 Fahrzeuge gebaut wurden. Immerhin gab es von dieser Variante erstmals eine Art Kombi mit dem klangvollen Namen Giardiniera Belvedere. Erst die C-Variante des Topolino, die von 1949 bis 1955 produziert wurde, brachte den endgültigen Durchbruch und die massenhafte Verbreitung mit 376.000 Exemplaren während der Bauzeit.

Der formale Bruch hin zum Kleinwagen mit "Ponton"-Karosserie vollzog sich dann ab 1955, als Fiat das Modell 600 (und ab 1957 das Modell Nuova 500) vorstellte, die beide - übrigens wiederum von Dante Giacosa entwickelt - zu Ikonen der Marke wurden und zum Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung Italiens. Der Fiat 500 in seiner klassischen Form wurde bis 1977 gebaut. 14 Jahre später tauchte die legendäre Zahl ein wenig getarnt mit dem Fiat Cinquecento wieder auf.

Und seit Fiat beim Genfer Autosalon 2004 die Studie Trepiuno vorstellte, ist klar, dass die Geschichte des Fiat 500 weitergehen wird. Inzwischen steht fest, dass der knubbelige Knirps im Retro-Look auf der IAA in einem Jahr seine Weltpremiere erleben wird. Gebaut werden soll das Auto in einer Kooperation mit Ford zusammen mit deren künftigen Kleinwagen Ka, und zwar auf Basis des Fiat Panda.

jüp

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