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10. November 2004, 09:20 Uhr

Ford Brennstoffzellen-Auto

Berliner Luft mit Wasserdampf

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An diesem Freitag wird es ernst. Dann läuten die neun Unternehmen der "Clean Energy Partnership" zusammen mit Vertretern der Bundesregierung das Wasserstoffzeitalter in der Praxis ein. Unter den Testfahrzeugen ist auch ein Ford Focus mit Brennstoffzellenantrieb. SPIEGEL ONLINE ist mit dem Auto bereits gefahren.

Ford Focus FCEV Hybrid: Übergabe des knapp eine Million Euro teuren Testfahrzeugs an die Firma Hermes
Jürgen Pander

Ford Focus FCEV Hybrid: Übergabe des knapp eine Million Euro teuren Testfahrzeugs an die Firma Hermes

Bis auf die auffällige Bemalung und dem Wort Brennstoffzelle auf der Flanke sieht der viertürige Ford Focus aus wie seine handelsüblichen Stufenheckbrüder. Doch das Auto kostet knapp eine Million Euro, denn es handelt sich um einen Focus FCEV Hybrid. Das Kürzel bedeutet "Fuel Cell Electric Vehicle", wir haben es also mit einem Fahrzeug mit Wasserstofftank und Brennstoffzelle und Elektromotor zu tun. Und ein Hybrid ist der Wagen deshalb, weil beim Bremsen die Bewegungsenergie in Strom umgewandelt und in einer Batterie gespeichert wird. Beim nächsten Beschleunigen zieht der Elektromotor den "Saft" dann wieder ab. Es gibt also zwei Energiequellen an Bord - Batterie und Brennstoffzelle.

Wie gesagt, das Auto sieht erst mal völlig normal aus. Ungewöhnlich wird es erst, wenn man den Kofferraumdeckel aufklappt, denn der Gepäckraum ist arg beengt, weil der Tank, in dem gasförmiger Wasserstoff mit einem Druck von 350 bar gespeichert wird, so viel Platz beansprucht. Vorne, unter der Motorhaube, sieht es auch ein wenig anders aus als bei einem Wagen mit Ottomotor, doch für den Laien macht das keinen wirklichen Unterschied.

Völlig neu jedoch ist der Klang dieses Autos. Wird die Antriebseinheit gestartet, klingt es, als ob weit entfernt eine Feuerwehrsirene ertönt. Ein helles, durchdringendes, turbinenartiges Geräusch, das zunächst anschwillt und dann einfach den Ton hält. Bis der Fahrer den Automatikhebel auf "D" stellt und losfährt. Wer im Auto sitzt, hört fast nichts. Ein fernes Säuseln wie in einem nagelneuen Düsenflugzeug. Es hat etwas Entrücktes, mit dem Ford Focus FCEV Hybrid zu fahren. So leise, so sanft, so angenehm scheint die Fortbewegung in diesem Auto, aus dessen Auspuff harmloser Wasserdampf nebelt.

Brennstoffzellen-Focus: Hightech-Arsenal unter der Motorhaube
Jürgen Pander

Brennstoffzellen-Focus: Hightech-Arsenal unter der Motorhaube

Erst wenn man aufs Gaspedal tritt - es sollte in diesem Fall besser Wasserstoff-Pedal heißen -, wird man gewahr, welche Kraft in dieser Technik steckt. Denn das volle Drehmoment von 230 Newtonmetern ist aus dem Stand da und packt sich die Vorderräder. Wer es drauf anlegt, kann mit dem Auto schwarze Streifen auf die Straße malen.

Dazu wird es vorerst nicht kommen, denn drei der Hightech-Modelle von Ford gehören zur insgesamt 16 Fahrzeuge großen Wasserstoff-Versuchsflotte, die an diesem Freitag in Berlin zum Praxistest antritt. Neun Unternehmen (Aral, BMW, Berliner Verkehrsbetriebe, Daimler-Chrysler, Ford, GM/Opel, Hydro, Linde und Vattenfall Europe) haben sich zur Clean Energy Partnership (CEP) zusammengeschlossen, die jetzt in ihre Praxisphase eintritt. Gemeinsam mit den Bundesministern Manfred Stolpe (Verkehr) und Jürgen Trittin (Umwelt) werden Vertreter der beteiligten Firmen die weltweit größte öffentliche Wasserstofftankstelle eröffnen, die sich am Berliner Messedamm befindet.

An dieser Aral-Station, an der es neben den normalen Spritsorten flüssigen und gasförmigen Wasserstoff gibt, wird unter anderem auch jener Brennstoffzellen-Focus regelmäßig nachtanken, den das Logistikunternehmen Hermes auf Leihbasis testet. Ford verspricht sich von der Kooperation mit dem Dienstleister Antworten auf die Fragen nach der Zuverlässigkeit der Brennstoffzellentechnik im normalen Straßenverkehr, nach den Eindrücken der Fahrer dieses Autos, nach dem Empfinden des Fahrgeräusches und der Leistungsentfaltung und nach der Akzeptanz des Betankungs-Prozederes.

Hermes plant, den Wagen im täglichen Serviceverkehr zwischen seinen Paketstationen einzusetzen, was sich auf ungefähr 100 bis 150 Kilometer pro Tag summieren dürfte. Eine Tankfüllung reicht dem auf 128 km/h begrenzten Auto für eine Strecke von rund 320 Kilometern.

In den nächsten Monaten jedoch dürfte der teure Technologieträger - und wohl auch die meisten der anderen Wasserstoff-Fahrzeuge der Testflotte - öfter in der Garage stehen als im Berliner Stadtverkehr herumkurven. Der Grund: Bei Temperaturen unter minus fünf Grad Celsius stellt die Brennstoffzelle ihren Betrieb ein. Auch dies ist ein Problem, das auf dem weiten Weg hin zur Wasserstoff-Mobilität noch zu lösen sein wird.

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