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12. Juli 2005, 09:26 Uhr

Ford Focus FFV

Treibstoff aus der Biotonne

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Nach Biodiesel und Erd- oder Flüssiggas füllt Ford jetzt eine weitere Alternative in den Tank: Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen. Weil das in Schweden gut funktioniert, kommen im August die ersten Autos auch nach Deutschland. Nur an Tankstellen fehlt es noch.

Ford Focus FFV: Alkohol im Tank, nicht am Steuer

Ford Focus FFV: Alkohol im Tank, nicht am Steuer

Ford nimmt Anlauf für einen weiteren alternativen Kraftstoff. Nachdem der Markt für Erdgasfahrzeuge augenscheinlich noch immer nicht in Schwung kommt und regenerativ erzeugter Diesel aus Rapssamen den modernen Einspritzsystemen Probleme bereitet, wollen es die Kölner jetzt mit Bio-Ethanol versuchen. Dabei schlagen sie gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Der Kraftstoff hat eine bessere CO2-Bilanz und damit einen geringeren Einfluss auf das Klima, er macht unabhängig von den endlichen Rohölreserven, und er kann wegen der Befreiung von der Mineralölsteuer sogar die Betriebskosten senken. So sparen Ethanol-Kunden laut Ford in Deutschland - trotz des um etwa 30 Prozent höheren Verbrauchs - an der Tankstelle rund 20 Prozent.

Bio-Ethanol entsteht ähnlich wie trinkbarer Alkohol aus der Destillation nachwachsender Rohstoffe und ersetzt zum Beispiel in Brasilien schon seit Jahrzehnten einen Gutteil des Benzinbedarfs. Und auch in Schweden hat mit einem politisch geförderten Pilotprojekt vor drei Jahren die Revolution an der Zapfsäule begonnen: In einem Land, in dem die Null-Promille-Grenze gilt und für Autofahrer selbst ein Glas Bier zum Mittagessen verboten ist, füllen jetzt immer mehr Fahrzeugbesitzer Alkohol statt Benzin in den Tank.

Dabei steht ihnen derzeit als einziges Fahrzeug ein Ford Focus zur Verfügung. Denn weil zum Start des Projekts kein anderer Hersteller die Umrüstung auf sich nehmen wollte, haben die Kölner den Fünftürer und den Kombi - einer Abnahmegarantie von 3000 Autos sei Dank - zum Flexible Fuel Vehicle (FFV) weiterentwickelt und davon bis jetzt 15.000 Fahrzeuge verkauft. "80 Prozent aller Focus-Zulassungen in Schweden entfallen mittlerweile auf die Flex-Fuel-Modelle", sagt Projektmanager Andy Taylor. Die Alkohol-Tanker sollen eher kurz- als mittelfristig 15 Prozent des schwedischen Markts ausmachen. Denn Saab drängt in diesen Tagen mit dem 9-5 BioPower und zum Jahreswechsel mit einem entsprechenden 9-3 auf den Markt, und Ford will die Ethanol-Technik auch der Tochter Volvo für den S40 und V50 weitergeben.

Ethanol-fressender Motor: Nach dem großen Erfolg in Schweden kommt das Öko-Auto nun auch nach Deutschland

Ethanol-fressender Motor: Nach dem großen Erfolg in Schweden kommt das Öko-Auto nun auch nach Deutschland

Jetzt will Ford das schwedische Modell auch auf Deutschland übertragen. Für einen eher symbolischen Mehrpreis von 300 Euro holen die Kölner deshalb ab Mitte August den fünftürigen Focus FFV ins Land und erweitern das Angebot gleichzeitig um eine entsprechende Variante des C-Max. Unter der Haube steckt in beiden Fällen ein 92 kW/125 PS starker 1,8-Liter-Motor, der nahezu jedes Mischungsverhältnis von Superbenzin und Bio-Ethanol akzeptiert und der für den neuen Kraftstoff nur minimal modifiziert werden muss.

"Wir haben einen stabiler beschichteten Tank, neue Kraftstoffleitungen und andere Ventile eingebaut", sagt Wolfgang Schneider, der bei Ford Europe das Umweltressort und die politische Lobbyarbeit leitet. "Außerdem bekommt der Motor eine neue Steuerung, die das Mischungsverhältnis erkennt und die Zündpunkte entsprechend variiert." Bei ersten Testfahrten in Schweden gibt sich der Öko-Focus auffällig unauffällig: Zündschlüssel rein, Motor an, und losfahren. Weder fehlt es dem Wagen an Leistung, noch machen Kontrollleuchten oder eine verfremdete Geräuschkulisse auf den neuen Sprit aufmerksam. Einzig beim Tanken riecht es jetzt etwas blumiger.

"Anders als bei der Umrüstung auf Erdgas bleiben dem Kunden im Ethanol-Fahrzeug alle Freiheiten", sagt Ford-Manager Schneider. Man braucht keinen separaten Tank, hat kein Limit bei der Reichweite und ist auch nicht auf eine neue Infrastruktur angewiesen. "Denn wer keine Ethanol-Zapfsäule findet, füllt einfach normales Benzin nach." Und selbst die Tankstellen-Pächter haben mit dem neuen Kraftstoff leichtes Spiel, weil laut Schneider eine Zapfsäule für Ethanol nur ein Bruchteil dessen kostet, was eine Erdgas- oder gar eine Wasserstoff-Anlage verschlingen würde.

Der einzige Haken an der schönen Vision: In Deutschland ist Ethanol bislang quasi nicht verfügbar. Doch Kritik an der mangelnden Infrastruktur ficht Ford nicht an. Dabei denken die Kölner zunächst an Flotten- und Firmenkunden, vor allem bei Behörden und Agrarorganisationen, die wie die Raiffeisenverbände oder die BayWa schon heute Zugriff auf Bio-Ethanol haben. Aber auch Privatkunden wollen die Kölner erreichen. Auch dabei verweisen sie auf das Beispiel von Schweden, wo in den letzten drei Jahren rund 200 Ethanol-Tankstellen entstanden sind und der Anteil der Flottenkunden von anfänglich 100 auf nur noch 40 Prozent gesunken ist.

"Wir sind ganz sicher, dass sich der Markt auch in Deutschland entwickeln wird, wenn erst einmal die ersten Autos fahren, die ersten Tankstellen entstehen und der Benzinpreis weiter steigen sollte", sagt Schneider zuversichtlich. Und spätestens dann werden auch die Wettbewerber reagieren und entsprechende Fahrzeuge ins Land holen. "Schließlich haben VW, Opel und fast alle anderen Anbieter zum Beispiel für Brasilien längst eine Ethanol-Flotte." Bei den Kunden sieht Schneider dagegen die geringsten Akzeptanz-Probleme: "Schließlich erfordert der FFV-Antrieb keinerlei Umgewöhnung und ist zudem billiger als ein Satz Alufelgen."

 Bio-Ethanol: Der Benzin-Ersatz kann zum Beispiel aus Getreide gewonnen werden.
obs / Ford-Werke GmbH

Bio-Ethanol: Der Benzin-Ersatz kann zum Beispiel aus Getreide gewonnen werden.

Und Ethanol ist nicht schwierig herzustellen. Der Kraftstoff wird in einem Vorgang wie beim Schnapsbrennen schon heute aus speziell dafür angebauten Pflanzen wie Zuckerrohr und aus der überschüssigen Agrarproduktion etwa von Getreide oder Zuckerrüben gewonnen. In schwedischen Pilotprojekten wird Ethanol bereits aus den Abfällen der Holz- und Papierindustrie destilliert, und schon in naher Zukunft soll der Treibstoff auch aus den organischen Bestandteilen des Hausmülls gewonnen werden. Damit wäre dann die Nachschubversorgung dauerhaft gesichert. Und weil die Pflanzen beim Wachstum ein Gutteil des CO2 absorbieren, das später beim Verbrennen des Kraftstoffes freigesetzt wird, kommt die Automobilindustrie damit nahe an eine ausgeglichene Kohlendioxid-Bilanz.

"Dass diese Vision Wirklichkeit werden kann, machen uns die Brasilianer vor", sagt Per Carstedt von der Bio Alcohol Fuel Foundation (BAFF) im schwedischen Örnsköldsvik. Die produzieren pro Jahr mittlerweile 15 Milliarden Liter Bio-Ethanol vornehmlich aus Zuckerrohr. Und das zu Kosten, die deutlich unter dem Einkaufspreis von Rohöl liegen und die Südamerikaner weitgehend unabhängig von den Fördermengen der OPEC machen. Deshalb kommen Ethanol-Autos dort heute auf einen Marktanteil von 50 Prozent. "Und auch die USA gehen bei vier Millionen Flex-Fuel-Fahrzeugen bis 2007 mit einem guten Beispiel voran", so Carstedt.

Zwar werde es in Europa wohl weder bei der Kraftstoffversorgung noch beim Fuhrpark so schnell vorwärtsgehen. Doch könnten laut Carstedt zwischen Athen und Aberdeen mittelfristig immerhin rund zwei Drittel des Benzinbedarfs mit Ethanol ersetzt werden. Für Schweden erwartet er bis 2010 einen Ethanol-Marktanteil von sieben und bis 2012 von zehn Prozent. "So ähnlich könnte sich das auch im Rest von Europa entwickeln", prognostiziert der Treibstoff-Experte. "Und jeder Cent, um den der Benzinpreis steigt, wird diesen Prozess beschleunigen."

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