Neuer Ford Mustang Rennpferd für Europa

Der Ford Mustang ist eine globale Auto-Ikone - nun hat das auch der Hersteller kapiert. Während einer Show auf vier Kontinenten wurde jetzt die neue Mustang-Generation enthüllt. Und: Erstmals wird Ford das Retro-Muscle-Car auch offiziell in Europa verkaufen.

Ford

Der verschlüsselte USB-Stick wird von einem Kurier ausgehändigt, der dazugehörige Zugangscode trifft per E-Mail ein: Selten hat ein Autohersteller ein derartiges Geheimhaltungsbrimborium veranstaltet wie jetzt Ford. Der Grund für die Agentenspielchen in James-Bond-Manier: Es geht diesmal nicht um ein Allerweltsmodell, sondern um die Ikone der Marke: den Mustang.

Im kommenden April feiert das US-Kultmodell das 50. Jubiläum, und nun, sozusagen zum Warmlaufen vor dem runden Autogeburtstag, stellt Ford erstmals die neue Mustang-Generation vor, die zeitgleich in sechs Städten auf vier Kontinenten enthüllt wird. Die globale Show ist auch symbolisch zu verstehen: Ford hat endlich begriffen, dass der Mustang ein weltweiter Imageträger ist.

"Zum ersten Mal wird der neue Ford Mustang offiziell auch in Europa erhältlich sein", verkündete Konzernchef Bill Ford vor rund 3000 Gästen bei der Premierenfeier in Barcelona. Für Ford kommt das einer Kulturrevolution gleich, denn fast 50 Jahre lang war der Mustang vor allem eines: ein Ur-amerikanisches Phänomen. Als das Auto am 17. April 1964, begleitet von einer bis dahin beispiellosen Werbekampagne, erstmals in den USA und in Kanada auf den Markt kam, begann eine neue Automobilära: die der sogenannten Pony-Cars, zu denen auch Chevrolet Camaro, Mercury Cougar, Pontiac Firebird, Plymouth Barracuda oder Dodge Challenger gehörten.

"Jeder hat eine ganz klare Vorstellung vom Mustang"

Der Mustang machte den Anfang. Der Zweitürer wurde explizit als "Baby-Boomer-Car" vermarktet. Der anfängliche Grundpreis von lediglich 2368 US-Dollar verlockte die Kunden, aufpreispflichtige Extras wie einen stärkeren V8-Motor, Weißwandreifen, Mittelwellenradio, Vinyldach oder Cruise-O-Matic-Getriebe (Automatik) zu ordern. Schon am ersten Wochenende wurden 22.000 Mustang verkauft, was einen zweimonatigen Auftragsstau zur Folge hatte. Ford richtete rasch ein zusätzliches drittes Montagewerk für den Mustang ein. Nicht einmal zwei Jahre nach der Markteinführung wurde der einmillionste Mustang ausgeliefert. Ford-Chef Lee Iacocca bezifferte damals, im Februar 1966, den Nettogewinn auf 1,1 Milliarden US-Dollar.

Ein derartiger Hype wegen eines Autos ist heute undenkbar. Doch in der Erinnerung schwelgen die Ford-Verantwortlichen noch heute gern. Um das zu erkennen, muss man sich nur mal das neue Modell anschauen, das typische Mustang-Züge trägt. Der neue Ford-Designchef Moray Callum verkniff sich alle gestalterischen Experimente mit der Legende. "Jeder in der Welt hat eine ganz klare Vorstellung vom Mustang, und wir haben alles daran gesetzt, diese Vorstellung zu treffen", sagt Callum. "Wenn man dieses Auto anschaut, sieht man sofort den Mustang in ihm: stark und wahrhaftig."

Wie lange lässt sich das Mustang-Design noch auspressen?

So kann man es natürlich sehen. Man könnte jedoch Callum und seinem Designteam den gleichen Vorwurf machen, wie beispielsweise auch den Mini-Designern oder den Machern anderer Retro-Autos, nämlich: Fällt euch denn gar nichts Neues ein? Ja, es stimmt, der neue Mustang fällt etwas flacher und sehniger aus als das Vorgängermodell; die Motorhaube wurde etwas länger, das Heck etwas breiter, der Wagen insgesamt etwas aggressiver. Doch was hier als großer Generationswechsel gefeiert wird, ließe sich auch als Rundumrenovierung interpretieren.

Es ist das Grundproblem von Autos, die den Blick verklärt in die Vergangenheit richten - sie lassen sich kaum wirklich kreativ in Richtung Zukunft ausrichten. Entweder man verprellt die gusseisernen Fans, oder man dreht sich so lange im Kreis, bis auch der Letzte vor Langeweile eingeschlafen ist.

Immerhin ein paar Neuheiten hat der neue Mustang dann doch zu bieten. Um das zu bemerken, muss man sich lediglich die ersten Fotos des neuen Innenraums anschauen. Hier haben die Designer Retro-Details wie die sogenannten die Toggle-Switches hinter dem Schaltknauf oder die "Ground Speed"-Anzeige des Tachos schlüssig in ein modernes Interieur integriert und so ein recht ansehnliches Ambiente geschaffen.

Downsizing im Pferdestall

Sogar technisch wurde das Auto vorangebracht. Der neue Mustang erhält ein frisches Fahrwerk mit Multilink-Achse hinten und Hilfsrahmen vorn - das war überfällig. Es heißt, als Referenzmodelle hätten die Ford-Ingenieure unter anderem auch einen Porsche 911 und einen BMW M3 im Entwicklungsfuhrpark gehabt. Und auch bei den Motoren gibt es nun eine wirkliche Alternative. Neben dem Muscle-Car-Klassiker, einem 5-Liter-V8 mit 426 PS, gibt es ein V6-Aggregat für die US-Kunden und einen 2,3-Liter-Vierzylinder-Turbo mit 309 PS für die Mustang-Klientel in Europa.

Ford glaubt auch beim Mustang an die Überzeugungskraft des Downsizing-Konzeptes in Europa. Projektleiter Dave Pericak sagt: "Sportwagenkunden kaufen zwar Leistung, genießen später aber das Drehmoment. Und davon hat der Vierzylinder reichlich." Maximal 407 Nm, um genau zu sein. Wie genau sich der Drehmomentverlauf auf das Fahrgefühl des neuen Mustang auswirkt, wo die Höchstgeschwindigkeit liegt oder wie hoch der Durchschnittsverbrauch ist, all das will Ford allerdings noch nicht verraten.

Selbst erfahren werden das hiesige Mustang-Fans ohnehin erst 2015. Denn nach Angaben eines Ford-Sprechers dauert es wohl noch mindestens ein Jahr, ehe der Mustang zum ersten Mal in seiner dann mehr als 50-jährigen Geschichte offiziell in Europa angeboten wird. In Nordamerika wird das neue Modell schon ein paar Monate früher verfügbar sein. Wer sich die Wartezeit Mustang-like verkürzen will, kann "Bullitt" anschauen, "Mustang Sally" hören oder sich auf Facebook tummeln. Dort ist der Ford Mustang angeblich das Auto mit den meisten "Likes".



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