Ford-Neuheiten Bills Bilderbuch

Ford ist angeschlagen. Zwar machen viele Auslandstöchter wieder Gewinne. Doch daheim leiden die Verkaufszahlen an Schwindsucht. Bevor Konzernchef Bill Ford demnächst einen schmerzhaften Rettungsplan verkündet, schwört er die Marke in Detroit auf die Zukunft ein.


Bill Ford spart nicht mit markigen Worten. Weil sein Unternehmen in einer schweren Krise steckt und der Gründer-Enkel am 23. Januar einen dramatischen Sanierungsplan verkünden muss, lassen er und seine Vorstandskollegen derzeit keine Gelegenheit aus, um die Marke auf eine neue Zukunft einzuschwören. Und wo könnte man das besser tun als auf der Motorshow in Detroit, die noch bis 22. Januar beinahe in Sichtweite der Unternehmenszentrale über die Bühne geht?

Dabei gibt sich Ford ausgesprochen patriotisch, beschwört mit dem Slogan "Driving American Innovation" das technische Geschick seiner Ingenieure und prophezeit, dass Ford wieder zu der amerikanischen Marke schlechthin werden wird.

Fotostrecke

3  Bilder
Ford-Neuheiten: Mehr Bescheidenheit wagen

Allerdings mutet er seinen Zuhörern erst einmal einen kleinen Kulturschock zu: Im Mittelpunkt der Show steht nämlich zunächst kein riesiger Geländewagen und auch kein potenter Sportler, sondern die Studie eines bescheidenen Coupés, das den Namen Reflex trägt und Fords Prognose von der großen Zukunft für die kleinen Autos untermauern soll. Der Flügeltürer ist mit einer Länge von rund vier Metern für US-Verhältnisse fast schon winzig, und mit seinem Dieselmotor erst recht ein Außenseiter.

Weil dem Selbstzünder jedoch ein Elektroaggregat zur Seite steht, reitet der Reflex mit auf der Hybrid-Welle und trifft so vielleicht doch den amerikanischen Geschmack. Außerdem nutzt er zum Teil sogar Solarenergie und ist mit einem Durchschnittsverbrauch von rund 3,5 Litern auf 100 Kilometern wahrscheinlich der sparsamste Ford am Stand.

Ein paar nette Ideen haben die Designer um ihren Chef J. Mays im Innenraum verwirklicht. Insbesondere bei den Sitzen, die mit ihren Netzbezügen auf den ersten Blick an Gartenmöbel erinnert, gehen sie neue Wege. So dient der Rücksitz mit dem viel versprechenden Namen "Love Seat" wahlweise als bequemer Sessel für einen Erwachsenen oder für zwei Kinder, die Mittelarmlehne wird per Knopfdruck versenkt. Für Sicherheit im Fond sorgen Airbags in den Gurten und ein rückwärts gerichteter Kindersitz. Damit man sein Kind während der Fahrt trotzdem im Auge behalten kann, wurde im Dach eine "Babycam" zur Videoüberwachung installiert.

Protz und Großformat war gestern

Ebenfalls ungewöhnlich klein für den Marktführer bei den riesigen Light- und Pick-up-Trucks ist der Edge, den Ford als "Modern Crossover Utility Vehicle" definiert und als ersten amerikanischen Beitrag zum "heißesten Segment des Marktes" (Bill Ford) sieht. Der hochbeinige Allrad-Kombi teilt sich eine Plattform mit dem ebenfalls in Detroit enthüllten Mazda CX-7 und geht - angetrieben von einem neuen V6-Motor mit 3,5 Litern Hubraum und 250 PS - in den USA in diesem Sommer an den Start. Auch wenn sich deutsche Ford-Vertreter den Edge mit einem Dieselmotor als modischen Ersatz für den angestaubten Maverick ganz gut vorstellen können, bleibt der Wagen wohl vorerst dem US-Publikum vorbehalten.

Bei aller Konzentration auf kompakte und vernünftige Fahrzeuge hat Ford die Bleifuß-Fraktion nicht vergessen. Und so fährt US-Chef Mark Fields nicht in einem Kleinwagen auf die Bühne, sondern vorbei an Feuersäulen und Funkenregen im "stärksten Mustang aller Zeiten". Neben ihm sitzt Rennsportlegende Caroll Shelby, der dem klassischen Musclecar schon in den Sechzigern Beine gemacht hat und auch beim jüngsten Remake wieder mit Hand anlegte. Unter seinem Einfluss und vor allem mit seinem Namen am Heck wird aus dem Mustang der GT500, dessen 5,4 Liter großer V8-Motor dank eines Kompressors 475 PS leistet und einen der schönsten Soundtracks der diesjährigen Motorshow in die Halle röhrt.

Auch das vierte Highlight der Ford-Präsentation passt erst auf den zweiten Blick zur neuen Strategie. Denn zunächst einmal ist die Studie F-250 Super Chief der größte und luxuriöseste Pick-up, den Ford bislang vorführte. Der mehr als 6,70 Meter lange und fast 2,40 Meter hohe Pritschenwagen erinnert an die großen amerikanischen Fernreisezüge, mit denen mutige Männer zu neuen Abenteuern in God's Own Country aufgebrochen sind. Dunkles Holz und feines Leder, riesige Sessel und ausfahrbare Fußstützen, jede Menge Platz, eine kristallglasgefüllte Hausbar und zwei Flachbild-Monitore gibt es im Innenraum.

Neuer Motor funktioniert mit drei Kraftstoffen

Doch der Super Chief ist nur bei flüchtiger Betrachtung ein klobiger Protzwagen. Unter der Haube gibt er sich überraschend fortschrittlich: Dort hat Ford den weltweit ersten Motor eingebaut, der mit gleich drei unterschiedlichen Kraftstoffen betrieben werden kann. So verbrennt der 6,8 Liter große Zehnzylinder nicht nur Benzin oder Ethanol, sondern auch Wasserstoff und steht somit für die schrittweise Abkopplung von fossilen Energiereserven.

"Mit so einem Motor sind wir schon heute offen für alle künftigen Kraftstoffe und deshalb besonders flexibel, selbst wenn die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe erst schrittweise wächst", sagt Gerhard Schmidt, der bei Ford in Detroit die Forschungsabteilung leitet. Außerdem passt der Super Chief gut zum latent grünen Anstrich von Bill Ford, der in Detroit noch einmal bekräftigt hat, dass seine Company in diesem Jahr in den USA 250.000 Ethanol-Fahrzeuge und bis 2010 insgesamt 250.000 Hybrid-Modelle auf die Straße bringen will.

Aus europäischer Perspektive hat Ford den Messegästen in der Cobo-Hall diesmal nur wenig zu bieten. Doch anders als in Europa gilt Ford in den USA eben nicht nur als eine Marke, sondern als großer Konzern mit einem ganzen Portfolio von Marken und Modellen. Und wenn man die Show von Bill Ford und seinen Kollegen aus dieser Perspektive betrachtet, dann hat sich die Reise auch für Europäer gelohnt. Natürlich kann man den vom Edge abgeleiteten MKX bei der feinen Tochtermarke Lincoln getrost ignorieren.

Doch schon wenn der japanische Ableger Mazda auftritt, wird es interessant. Schließlich könnte der modische Geländewagen CX7 durchaus auch seinen Weg nach Deutschland finden, munkelt man auf dem Messestand. Und spätestens wenn die "Premiere Automotive Group" (PAG) ihr Aufgebot bestellt, wird es spannend. Schließlich hat Volvo die Motorshow zur Premiere des neuen Einstiegsmodells C30 genutzt, und am anderen Ende der Skala macht sich Aston Martin mit dem Viertürer Rapide startklar.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.